70 Prozent des in der österreichischen Hauptstadt gewachsenen und produzierten Weins wird innerhalb der Stadtgrenzen in den traditionellen „Heurigen“ getrunken: gemütlichen, einfachen und ungezwungenen Lokalen, die für die Weinkultur Wiens typisch sind.
„Heuriger“ in direkter Interpretation bedeutet „aus diesem Jahr“ und ist die Bezeichnung für ein Weinlokal, in dem deftige und im Haus selbst hergestellte Speisen mit einem Krug Wein des aktuellen Jahres serviert werden. Diese Heurigenkultur, die den Wiener Weinbau dominiert, wurde von Kaiser Joseph II. ermöglicht, der es Weinbauern 1784 gestattete, selbst gemachte Speisen zusammen mit ihrem Wein zu verkaufen. Die Heurigenkultur blüht auch heute noch, zum harten Kern zählen etwa 630 der 680 Erzeuger und 180 Heurigen-Lokale.
Diese Weinlokale befinden sich an der Peripherie weitab vom Glamour der Hochkultur im Stadtzentrum, und sind Schauplatz für Volkslegenden, G’schichteln und jede Art von Tratsch. Beethoven wurde oft beim Spazierengehen am Nussberg beobachtet und selbst wenn er fast taub war, konnte er doch zumindest die kühlen Briesen von der Donau und die warmen Winde aus der ungarischen Tiefebene spüren, die hier aufeinander treffen, und auch die Vögel in den Weinbergen beobachten. Beethovens Lieblingsheurigen, Mayer am Pfarrplatz, gibt es auch heute noch, der Meister verfasste hier Teile seiner 9. Symphonie. Auch heute treffen beim Heurigen Alt und Jung, Akademiker und Arbeiter aufeinander. Bauarbeiter besprechen die Lokalpolitik mit Musikern und Hausfrauen feilschen mit Antiquitätenhändlern. Gäste kommen und gehen, und besetzen die freien Plätzen, wer auch immer an den einfachen Holztischen und Bänken bereits sitzen mag. Wein wird üblicherweise in Karaffen an die Tische serviert, die deftigen regionalen Spezialitäten gibt’s am Buffet.
Der typische Heurigenwein ist ein „Gemischter Satz“. Historisch gesehen ist das Weißwein, der aus unterschiedlichsten Rebsorten gemacht wird, die alle in einem Weingarten wachsen. Trotz ihrer unterschiedlichen Reifegrade werden Grüner Veltliner, Sauvignon Blanc, Weißburgunder oder Traminer gleichzeitig gelesen und gemeinsam vinifiziert, um einen frischen, leichtfüßigen Wein mit knackiger Säure zu bekommen. Der traditionelle Gemischte Satz verlor zwar etwas an Beliebtheit, erfährt aber derzeit eine gewisse Renaissance, die von Wieninger und Zahel eingeleitet wurde, zwei Betrieben, in denen die wahrscheinlich konzentriertesten und komplexesten Varianten dieses Weines hergestellt werden.

„Die Zahel-Brüder bilden ein dynamisches Duo: Alfred führt den Heurigen, Richard macht die Weine.“