Das Kamptal hat mit dem Kamptal dac die Voraussetzungen für ein Herkunftsprofil geschaffen. Die 2008er Kamptal dac Reserve Grünen Veltliner zeigen den Gebietstypus sehr gut auf.
Der Jahrgang 2008 wird in den Köpfen der Winzer noch lange verankert bleiben. Selten gab es so starken Druck durch Mehltau und mehr noch mit Peronospora, auf die mit zeitgerechten und geeigneten Pflanzenschutzmaßnahmen reagiert werden musste. Feuchte, kühle Tage lieferten sich mit heißen Tagen, über mehrere Wochen gesehen, bereits ab Mai einen regelrechten Schlagabtausch, die Niederschläge waren teilweise recht heftig. Es waren also nicht unbedingt die besten Voraussetzungen.
Ab Mitte September herrschte kühles und feuchtes Wetter vor und nicht, wie sonst üblich, ein schöner Altweibersommer oder gar ein goldener Herbst, in dem die Beeren zu ihrer Vollreife gelangen konnten. Die Ernte zog sich vereinzelt sogar bis Anfang Dezember. Nichts für schwache Nerven. Gemessen an den Schwierigkeiten kann der Veltliner-Jahrgang 2008 im Kamptal und allgemein auch in den Gebieten Kremstal, Wachau, Traisental und Wagram durchaus als gut eingestuft werden. Nicht sehr gut oder gar ausgezeichnet, "einfach gut" lautet mein persönliches Urteil. Frische, reichlich Frucht und Würze sowie eine vielfach als knackig empfundene Säure stehen im Mittelpunkt der Weine.
Zuweilen gesellt sich bei so manchen Weinen mehr oder weniger Botrytis und dieses Zusammenspiel von feuchtem Jahrgang und Botrytis lässt Erinnerungen an den Jahrgang 1998 wach werden. Das war ebenfalls kein einfacher Jahrgang, entwickelte sich in den ersten 3 bis 5 Jahren sehr gut und baute dann schnell ab. Heute zählen viele 1998er bereits zu jener Kategorie, die man freundlich als "würdig gereift" bezeichnen würde. Vom Jahrgang 2008 würde ich mir persönlich nicht allzu viel in den Keller legen. Wenn, dann würde ich eher Magnumflaschen einlagern, die bei Jahrgängen à la 2008 und 1998 auch nach 10 Jahren noch Freude bereiten können.
Was uns Verkoster zum Thema "Kamptal dac" überrascht hat: die zum Teil abwartende und unschlüssige Haltung einiger Winzer. 2008 ist der erste Jahrgang, der bei den Sorten Grüner Veltliner und Riesling mit dem Herkunftsprofil Kamptal dac vermarktet werden kann. Manche Winzer haben nun die Schwierigkeit, ihr bereits seit langem eingeführtes Sortiment, das vielleicht weniger auf die Herkunft als auf individuelle Bezeichnungen aufgebaut ist, umzustellen und dies den Kunden zu erklären. Andere warten schlicht ab, ob und wie schnell sich die Weine der Kollegen, die Kamptal dac auf das Etikett schreiben, etablieren. Offenbar herrscht in den Winzerkreisen eine gewisse Skepsis gegenüber dem neuen Herkunftsmarketing. Immer wieder hört man das Argument, dass Kamptal dac keine Marke sei, wie das immer wieder mit dem Weinviertel in Verbindung gebracht wird. Fred Loimer aus Langenlois bringt es auf den Punkt, wenn er meint, dass "im Kamptal ein ganz anderer Weintypus entsteht als im Weinviertel. Wir müssen uns daher ganz eindeutig vom Weinviertel dac abgrenzen, der von den Konsumenten wie eine Marke und nicht wie eine Herkunft mit entsprechend typischen Weinen wahrgenommen wird".
Was kann man sich also von einem Kamptal dac und Kamptal dac Reserve Grünen Veltliner erwarten? Hat sich im Vergleich zu früher etwas am Stil der Weine geändert? Arbeiten die Winzer auf einen bestimmten Stil hin? Dazu Fred Loimer, der beim IK Kamptal die Winzerinteressen vertritt: "Es hat sich schon etwas geändert. Mit dem Kamptal dac wollen wir die Extreme, sowohl bei den ganz einfachen, leichten Weinen wie auch bei den alkoholdominierten, vielleicht sogar bei im Barrique ausgebauten Veltlinern, kappen." Das heißt im Klartext, dass die leichten, frischfruchtigen Weine nicht als Kamptal dac auf den Markt kommen sollen, sondern nur wirklich ausdrucksstarke Veltliner mit eigenständigem Profil, die den Gebietstypus widerspiegeln sollen.
Gerade da haben wir bei unserer Verkostung von 46 aktuellen Kamptal dac Reserve Grünen Veltlinern Potenzial zur Stildiskussion und strengeren internen Vorverkostung bei den Kommissionen gesehen. Ein paar reduktive, an Eiszuckerl und mostig grünen Apfel erinnernde Weine stellten das ansonsten sehr gut herausgearbeitete Herkunftsprofil in Frage. Fred Loimer, darauf angesprochen, meint, dass "es nicht Ziel eines Kamptal dac sein kann, den jeweiligen Betriebsstil zu ändern". Ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert hat, sind die deutlich höheren Restzuckerwerte. Waren die kräftigen Veltliner früher allesamt knochentrocken mit Restzuckerwerten von unter 2g/l, so lag der Durchschnitt bei unserer Verkostung deutlich über 4g/l. Das fördert den Trinkfluss, die Trinkanimo und vielleicht auch das Reifepotenzial. Zurückzuführen ist das auf die höhere Konzentration in den Beeren und das Umschwenken von "leistungsstarken" Reinzuchthefen auf Naturhefen bei der Vergärung.
"Würzig, mineralisch, kraftvoll und ausdrucksstark" könnte eine Kurzdefinition von Kamptal dac Reserve Grünem Veltliner lauten. Die meisten Reserven stammen von bekannten Einzellagen (z.B.: Strasser Hasel Alte Reben), die, an den DAC-Namenswulst angehängt, sogar vielen deutschen und französischen Namensgebungen an Länge und Unaussprechlichkeit ebenbürtig sind oder diese sogar übertreffen. Das ist aus meiner Sicht das einzige Handicap bei der erfolgreichen Entwicklung eines Herkunftsmarketings.
Was mich bei den Statuten am meisten überrascht hat, ist die Tatsache, dass die Kamptaler, wie auch schon zuvor die Kremstaler Winzer, die Chance vertan haben, bei der Vermarktung der Reserve-Weine ein Signal zu setzen. Statt die kräftigen Weine, die zweifelsohne mehr Zeit zur Entwicklung und Entfaltung benötigen, erst ab September oder Oktober auf den Markt zu bringen, kann das schon ab Mai passieren. Das finde ich schade, fördern doch solche Statuten das "Jungweintrinkertum" in Österreich weiterhin, anstatt, im Sinn des Weines und Interesse der Konsumenten, die Weine entsprechend später zu vermarkten. Die Weine dann zu genießen, wenn sie trinkreif sind, das ist die Idealvorstellung vieler Weinliebhaber. Das ist bei den kräftigen Veltlinern und Rieslingen im Kamptal frühestens ein Jahr nach der Ernte. Das wissen die Winzer. Sie sollten dieses Wissen an ihre Kunden weitergeben und sie zum Genuss trinkreifer Weine animieren und erziehen.