Österreichs Riesling-Winzer und der großartige Jahrgang 1999 passten offenbar optimal zusammen. Teil 1 der Nachschau auf zehnjährige Weine aus Österreich bot Sensationelles!
Sollten Sie, geehrte Leser/-innen, noch 1999er Rieslinge in Ihrem Keller aufbewahren, so sind Sie in doppeltem Sinne steinreich. Die angesprochenen Tropfen weisen eine fast unverschämte Mineralik auf, steinige Komponenten also, die die kargen Bodengegebenheiten unvermittelt auf Papille und Gaumen zaubern. Und dann wäre auch noch zweitens der ideelle Wert gegeben. Diese Weine kann man kaum mehr erwerben, nicht um alles Geld der Welt. Jeder, der Ausgaben des Rieslings 1999 besitzt, wird darauf sitzen wie eine Glucke auf ihren Küken. Der Vino-Hochgenuss ist ein elitärer, also nur wenigen vorbehalten.
Können Sie sich eigentlich noch erinnern? Im Jahr 1999 stellte die NATO die Bombardierung der Republik Jugoslawien ein, Nelson Mandela trat als Präsident Südafrikas zurück, Alexandra Meisnitzer gewann den Ski-Weltcup und Manchester United schlug in der Champions League Bayern München durch zwei späte Tore 2:1.
Der Wein-Jahrgang 1999 wurde nach der Ernte als großer Jahrgang bezeichnet. Wenn ein Umstand die Aufmerksamkeit auf dieses Jahr beeinträchtigte, war es die Tatsache des Jahrtausendwechsels. Dem Jahrgang 2000 als gleichsam Beginn einer neuen Zeitrechnung wurde schon vor der Reifung des Traubengutes mit einer hypernervösen Gespanntheit entgegengesehen. Wie oft im wirklichen Leben passieren angesagte Wunder äußerst selten, der 2000er wird als bestenfalls mediokrer Jahrgang in die Annalen eingehen. Umso interessanter erscheint das Weinjahr 1999 in der Nachschau, ten years after. Der Witterungsverlauf war geradezu perfekt: einem Bilderbuch-Jahresbeginn folgte ein sehr warmer Mai. Die Blüte setzte Mitte Juni ein, ein wenig später als im Durchschnitt, der Juni war eher kühl. Die Sommermonate brachten zufriedenstellend schönes Wetter, die Verteilung der Niederschläge erwies sich als optimal. Als Knackpunkt könnte der ausnehmend sonnige und warme September bezeichnet werden, die Trauben präsentier ten sich gesund, sie waren vollkommen ausgereift. Gleich nach der Vinifizierung bestachen die Rieslinge durch herrliche Vielschichtigkeit und Eleganz beziehungsweise Fruchtschmelz. Die Voraussagen für den Jahrgang waren direkt nach der Flaschenfüllung mehr als rosig, die Erwartungen in die Lagerfähigkeit gigantisch. Oft verglichen wurden und werden die 99er Weine mit dem goldenen Jahrgang 1997.
Die Rebsorte Riesling und Niederösterreichs Weinbaugebiete (besonders die Wachau und das Kamptal) passen zusammen wie Pech und Schwefel. Dabei beträgt die Anbaufläche dieser Traube in Österreich nur 1.643 Hektar, das macht 3,39 % des gesamten Weinanbaus aus, allein in der Wachau finden sich 190 Hektar Riesling. Der Prozentsatz der Rieslingflächen ist eher gering, wenn man sie mit der des Grünen Veltliners vergleicht. Hier steht ein Prozentsatz von 36,04 % zu Buche. Eine Untersuchung in den 90er-Jahren ergab, dass es sich beim Riesling um eine Spontankreuzung von Weißem Heunisch und Traminer handelt. Der Ursprung der Rebsorte dürfte in Deutschland zu finden sein: Auf einer im Jahre 1435 ausgestellten Österreichische Pilgerstätte für Rieslingfans und Herkunft großer Weine: Die Terrassen in Franz Hirtzbergers Top-Lage Singerriedel in Spitz an der Donau Rechnung an den Grafen Katzenelnbogen in Rüsselsheim ist die Rede von "seczreben rießlingen in di wingarten." Im selben Jahr entdeckt man auf einer Urkunde in Worms den Ausdruck "Ruslingwingarten". Die erste urkundliche Erwähnung in Österreich erfährt der Riesling ebenfalls im späten 13. Jahrhundert. Darauf zurück geht wahrscheinlich auch die Bezeichnung einer Riede in Weissenkirchen, die heute noch Bestand hat – die Riede Ritzling. Riesling wird nicht nur in Österreich und Deutschland angebaut, auch in Frankreich (Elsass), in Luxemburg, Australien, Neuseeland, Moldawien und in den USA lassen sich Rieslingweingärten dokumentieren. Synonyme für Riesling sind unter anderem Edle Gewürztraube, Graefenberger, Klingelberger und Echter Weisser.
Nun zurück zu den Rieslingen 1999. Für den Spitzer Paradewinzer Josef Högl war der Jahrgang 1999 "ein sehr ausgewogener. Kraft, Frucht und Finesse stehen in glücklichem Einklang. Der Riesling dieses Jahres hat höchstes Lagerpotenzial." Der 5-Gläser-Turbo Loibner Visionen stammt aus der Lage Mitterfeld. Dies sind zwei große Terrassen, die aus der Ebene in Oberloiben herausragen. Durch die leicht erhöhte Position und die rigide Ausrichtung nach Süden erhalten die Trauben viele Sonnenstunden, die Abtrocknung nach Niederschlägen erfolgt rasch. Die Lage zählt übrigens zu den frühesten in der Wachau. Auch die Arbeit im Keller war verantwortlich dafür, dass solch ein Mega-Wein entstand. Das reife, gesunde Traubenmaterial rief geradezu nach langer Maischestandzeit. Durch mäßiges Entschleimen wurde eine sichere Gärung gewährleistet. Das führte dazu, dass alle Inhaltsstoffe bewahrt wurden. Der Riesling Loibner Visionen lagerte dementsprechend lange auf der Feinhefe. Sepp Högl: "Große Weine reifen langsam." - wie wahr.
Den zweiten fantastischen Riesling der Verkostung, den Hirtzbergerschen Singerriedel, vorzustellen, hieße Eulen nach Athen tragen. Die weltberühmte Lage im Osten der Ortschaft Spitz hat ihren Namen von den im Weinberg konzertierenden Grillen. In keinem anderen Abschnitt ist ihr Lied so laut. Auf den steilen, sonnendurchfluteten Terrassen, die eine Steigung bis zu 70 % aufweisen, gedeiht dieser einzigartige Riesling. Die Böden (gneisdurchsetztes Verwitterungsgestein, kalkige Sedimente zum Teil mit versteinerten Austernschalen, bedeckt mit einer dünnen Auflage von silikonreicher Braunerde) sind fast zu karg für Riesling, der Paragneis sorgt für die extrem mineralische Ausprägung des Singerriedels, für seine rauchig-würzige und doch hellfruchtige Attraktivität. Sein Schöpfer, Franz Hirtzberger, beschreibt seine Rieslinge der Lage Singerriedel so: "Weine dieser Riede brauchen oft sehr lange, bis sich ihr Aroma entwickelt. Mit der Reife entfalten sie sich allerdings zu monumentalen Weinen mit unendlichem Lagerpotenzial." Singerriedel- Rieslinge erscheinen somit gleichsam als Metapher für positive, faszinierende Grenzwertigkeit.
Schloss Gobelsburg besitzt mit dem Kammerner Gaisberg eine klassische Urgesteinslage. Geprägt wird der Boden durch Gfoehler Gneis in äußerst schiefriger Qualität mit Amphibolit-Einschlüssen (Amphibolit = Gestein entstanden durch metamorphe Umwandlung von Basalt). Laut Michael Moosbrugger, dem Motor des Weingutes, benötigt der Riesling "Weingärten, die ruhig hie und da dem Trockenstress ausgesetzt sein können. Auf den tiefgründigeren Böden mit guter Wasserversorgung steht eher der Grüne Veltliner." Auf kargem Boden kann Riesling seine wahre Identität ausbilden. Die größten Probleme beim 1999er gab es durch den Hagel, sonst war es ein fast problemloses Jahr. Eine weitere interessante Hypothese betrifft die Alkoholgradation. Michael Moosbrugger: "Gaisberg und Heiligenstein 1999 zeigen, dass man nicht unbedingt viel Alkohol braucht für ein gutes Reifepotenzial bei Rieslingen."
Der Maximum des Weingutes Hiedler stammt von den ältesten Reben der Weingärten am Heiligenstein und am Kogelberg. Das verschiedenartige Terroir (Permsandstein, Gneis, Quarzit) und die Terrassen in Südexposition verleihen diesem Wein eine besondere Fruchtcharakteristik und mineralische Stilistik. Ludwig Hiedler: "Nach etlichen Jahren mit Botrytisbefall brachte das Jahr 1999 völlig gesundes Traubenmaterial, auch bei besonders spät gelesenen Trauben. Ausgeglichene Vegetation, genügend Sonnenstunden und eine auf die Rebsorte zugeschnittene Niederschlagsmenge ergaben fruchtbetonte Weine, konzentriert mit Tiefgang, getragen von einem feinkörnigen Säuregerüst." Seinen Maximum 1999 bezeichnet der Winzer als einen der besten Rieslinge, die er bis dato gekeltert hat. "Hohe Fruchtkonzentration prägt den Wein, signifikant sind auch eine etwas dunklere Mineralik, großer Schmelz und eine wunderbar weiche Säureperformance."
Die Ausgabe 1999 des Rieslings Kellerberg des Weinguts F.X. Pichler gehört mit seinen Brüdern 1990 und 1997 zu der Trias der besten 90er-Rieslinge des Hauses. Eine sehr späte Ernte erbrachte einen wunderbar mineralischen, langlebigen Wein mit glasklaren Konturen. Der Bereich Kellerberg als reine Urgesteinslage ist verantwortlich für die fast tänzerische, traubige Beschwingtheit des Rieslings Kellerberg. Diese duftige Qualität hebt den nektargleichen Wein Jahr für Jahr aus der Masse der übrigen kräftigen und eleganten Smaragde der Wachau heraus. Beim 99er war diese Verspieltheit besonders gut zu erkennen.
Fred Loimer tituliert den Jahrgang 1999 als einen der besten für Grünen Veltliner, als sehr guten für Riesling. Gesunde Trauben und hohe physiologische Reife prägen den Wein. Als Spätentwickler ähnelt sein 99er den Rieslingen von 2004 und 2008. Fred Loimer: "Der 1999 Steinmassl ist ein Riesling für Puristen. Kühl und präzise gibt er sich. Da findet man nichts Aufgemaltes, keine unnötigen Schnörkel zerstören das harmonische Gesamtbild." Vor drei Jahren stellte Fred Loimer seinen Betrieb auf biologisch- dynamische Bewirtschaftung um. "Es war dies eine Umstellung, wie wenn man plötzlich auf seinen Ferrari verzichtet und mit einer Pferdekutsche ausfährt. Der Mensch, die Natur, die Rebe stehen im Mittelpunkt, die Maschinen dürfen nur helfen. Heute arbeiten wir im Keller sehr "altmodisch", wir lassen uns viel Zeit.
"Riesling zu machen ist fast wie Roulette", befindet der junge Winzer Erich Machherndl aus Wösendorf. Neben guten Lagen, penibler Arbeit in Weingarten und Keller, neben genügend Erfahrung sind auch noch andere Umstände für das Werden exzellenten Rieslings vonnöten: Glück beim Jahrgang, Fortune bei der Wahl des Lesezeitpunktes. 1999 war für Erich Machherndl ein Jahrhundertjahrgang. Interessanterweise findet er beim schwierigen Jahr 2008 Parallelen beim Aroma, was seine Rieslinge betrifft. Allerdings muss man beim Vergleichen vorsichtig sein, beim jungen Jahrgang muss man noch abwarten. Seine Steinterrassenweingärten auf Verwitterungsböden helfen ihm, großen Riesling zu komponieren. Auch dokumentiert sich für ihn der Abschnitt Wösendorf/Weissenkirchen als "gemäßigter" Teil der Wachau, nicht so heiß wie Loiben und deutlich wärmer als Spitz. Über die Verkostung selbst noch ein Winzerwort: "Ich war angenehm überrascht von der Jugendlichkeit der Rieslinge, im Spitzenfeld haben die Weine extrem Frucht und Terroir transportiert."
42% seiner Rebfläche widmet der Zöbinger Weinmacher Günther Brandl dem Riesling. Seit Jahren (eigentlich schon mehr als 10) kann man sein Weingut als das Aushängeschild der Kamptaler Rieslingproduktion nennen. Sein Riesling-Kracher ist stets die Novemberlese, die seit Kurzem auch Reserve bezeichnet wird. Dieser Wein ist der kräftigste des Hauses, teilweise darf ein kleiner Botrytisanteil nicht fehlen. Der kleine Honighauch ist das Markenzeichen dieses Tropfens. Die Frucht darf allerdings nicht darunter leiden. Die spät gelesenen Trauben für die Novemberlese kommen vor allem von der Lage Kogelberg. Diese acht Südterrassen stehen auf den Ausläufern des Waldviertler Hochplateaus. Die Wärme während des Tages begünstigt die Entwicklung der Aromen, die kalte Waldviertler Luft über Nacht konserviert sie, eine wahre Grenzlage. Schon drei Kilometer weiter nördlich ist das Klima bereits zu kalt für den Weinbau. Ein kleines Geheimnis am Rande: Bei der Lese wird auf die Traubentemperatur Acht gegeben, in heißen Jahren wird daher nur vormittags gelesen. Was könnte der ultimative Grund für Günther Brandls Hand bei Rieslingen sein? "Riesling war ein Liebkind meines Großvaters und meines Vaters, sie erzielten schon mehrere Landessieger vor mir mit dieser Sorte. Ich nehme an, bei mir liegt Riesling in der Erbmasse."
Erich Haas vom Weingut Allram, mit seinem Riesling Gaisberg 1999 top-platziert, versteht sich als Pfleger seiner Weinstöcke, denn die Qualität des künftigen Weines entscheidet sich im Weingarten. "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, jedem Weinstock größtmöglichste Sorgfalt und Zuwendung zukommen zu lassen. Im Weinkeller treten wir dann nur mehr als sanfter Begleiter, als Geburtshelfer des Weines auf. Der Strasser Gaisberg, auf dem der Riesling steht, zählt seit drei Generationen zu den Top-Lagen des Betriebs. Das Kristallin der Böhmischen Masse bildet die Voraussetzung und die karge Unterlage für diesen Spitzen-Riesling.
Dass auch noch ein anerkannter Wachauer Produzent wie Karl Lagler immerhin beide seiner Rieslinge in der Kategorie 4 Gläser unterbringen konnte, war keine wirkliche Überraschung. Er hat mit den Spitzer Lagen Steinborz und Tausendeimerberg Ressourcen, um immer wieder großartige Vertreter der Sorte herauszubringen. Alte Rebbestände und naturnahe Bearbeitung kennzeichnen sein Programm zur Weinbereitung.
Die Verkostung Riesling 1999 war nicht nur ein geradezu atemberaubendes Zeitdokument, sondern auch ein veritables Gegengewicht zu manchen modernen Strömungen, die Konsumenten dazu verführen, nur den Wein des letzten Jahrgangs als den besten betrachten zu lassen. Wie sagt man auch oft: Gut Ding braucht Weil.