Österreichischer Grüner Veltliner feiert als Stillwein seit einigen Jahren sensationelle Erfolge, Grüner Veltliner als Sekt hat seine große Karriere noch vor sich: Es ist an der Zeit!
Können Sie sich noch an die umfassende GENUSS.wein.pur-Reportage über Winzersekt aus Österreich in Ausgabe 6/2007 erinnern? Mit dieser Reportage über Winzersekt aus Österreich trafen wir einen Nerv der Zeit, fristete doch Winzersekt im "Weinwunder Österreich" viele Jahre ein Schattendasein. Der Sektverbrauch war in den letzten Jahren seit dem Jahrtausendwechsel 1999 mit 25 Millionen Flaschen rückläufig. Lediglich im Jahr 2005 gab es eine kräftige Erhöhung des Sektverbrauchs in Österreich, was vor allem auf den Wegfall der Sektsteuer zurückzuführen war. Heute hat sich der Verbrauch recht stabil bei rund 20 Millionen Flaschen pro Jahr eingependelt.
Zugegeben, die Sektbranche von heute befindet sich in einem Veränderungsprozess, angefangen bei den heimischen Großkellereien aus Wien und Umgebung, wo in den letzten zwei, drei Jahren ein neues Qualitätsdenken eingesetzt hat. Verkostungen der aktuellen Jahrgänge von Schlumberger Sparkling und Co lassen einiges für ihr Geld erwarten.
In den großen heimischen Sekthäusern mangelt es nicht mehr an Innovationen: Kellermeister Herbert Jagersberger ist mit Schlumbergers White Secco, einer Burgundercuvée mit einem Teil Welschriesling und nach der Méthode Traditionelle hergestellt, eine leichte und erfrischend junge Alternative zu italienischem Sprudel gelungen. Oder mit dem neuen Schlumberger Golden Dry, einer Cuvée aus Weinviertler Welschriesling und ebenfalls traditionell ausgebaut – moderner, trockener Sektgenuss auf angenehm gutem Niveau. Beide Varianten definieren leistbaren, prickelnden Luxus einer neuen Sektgeneration. Aus dem Hause Kattus liefert Kellermeister Herbert Pratsch den neuen Hochriegl Four Ladies, ein fruchtbetonter Sekt mit nur 9,5 % Alkohol aus den Sorten Grüner Veltliner und Welschriesling.
Leider ist das Qualitätsbestreben noch nicht bei allen Verbrauchern angekommen, zuviele Aktionen mit Billigsekt um € 2,– und weniger verführen immer noch viele zur alten Denkweise "je billiger, umso besser". Mit süßem Orangensaft gestützt, schmeckt jeder noch so schlechte Sekt. Die Weinbranche hat dieses Leidwesen an sich hinter sich gebracht, nun ist es an der Zeit, auch das Sektgeschäft in diese Qualitätsrichtung zu drehen.
Ein kurzer Blick über die Grenzen Österreichs zeigt positive Tendenzen in Richtung Qualität bei Schaumwein. So überlegt man in Italien, die teilweise miserablen Qualitäten bei Prosecco Frizzante oder Spumante abzuschaffen und den beliebten Rebensaft auf ein neues, bisher nicht gekanntes Qualitäts- und Preisniveau zu setzen. Zum einen soll im Veneto mit der Prosecco Conegliano e Valdobbiadene DOCG eine neue garantierte Ursprungsbezeichnung eingeführt werden, mit strengen Hektarhöchsterträgen. Ebenso soll die Abfüllung von Prosecco nur noch im Produktionsgebiet erlaubt sein, für die DOCG-Produktion ausschließlich die Provinz Treviso. Auch das Verschneiden von Prosecco mit anderen, meist einfachen und dadurch billigen Rebsorten soll nicht mehr möglich sein. Kommt hier gar das Ende des – mit Verlaub – ungenießbaren € 1,– Proseccos aus dem Diskonthandel?
Ja, und auch aus dem Segment Winzersekt aus Österreich gibt es Neues zu berichten: Mit dem Jahrgang 2007 präsentierten die umtriebigen Weingüter-Weinviertel aus dem westlichen Weinviertel ihren eigenen Veltlinersekt, dessen Grundwein ausschließlich aus Grünem Veltliner Weinviertel dac besteht, ausgebaut in traditioneller Flaschengärung. Wir hatten das Erstlingswerk, das gute Ansätze zeigt, in unserer anschließenden Verkostungsrunde dabei, und sind sicher, dass die Initiative der Weingüter-Weinviertel vollkommen richtig ist. Wir freuen uns bereits auf den neuen, frischen Jahrgang 2008.
Auch Sektklassiker wie der Grüne Veltliner Brut vom Weingut Pfaffl oder der Veltliner-dominierte Schloss Gobelsburg Brut Reserve zeigen sich in den aktuellen Jahrgängen von noch besserer Qualität, Cremigkeit und Würzigkeit als wir es bisher gewohnt waren. Szigeti erfreut immer wieder mit seinem Veltlinersekt, hier vor allem mit der angenehm restsüßen Dry-Variante. Sektpapst Karl Steininger kann mittlerweile auf eine unglaubliche Vielfalt an Veltlinersekt zurückgreifen und ist bei unserer Verkostung mit fünf Jahrgängen von 2003 bis 2007 vertreten. Gerade Steininger beweist immer mehr, wie gut auch reifer Sekt schmecken kann und wie man im Holzfass ausgebauten Veltliner als Sekt genießen kann.
Wenige Pioniere haben den Weg von industriellem Schaumwein zu echtem Qualitätssekt aus Österreich vorbereitet und erfolgreich ihre Spuren hinterlassen: Die Sektkellerei Szigeti aus Gols, Sektpapst Karl Steininger aus Langenlois oder Schloss Gobelsburg. Szigeti versektet seit 1990, Karl Steininger seit 1989, in Gobelsburg begann man Mitte der 90er-Jahre. "Wir starteten 1989 mit Riesling Sekt, eigentlich durch Zufall, wir wollten Sekt probieren und hatten von Beginn an Erfolg", so Karl Steininger zu seinen Wurzeln. 1994 feierte er den ersten Salon-Erfolg mit Riesling Jahrgangssekt 1991, seither baut er sein Weingut immer mehr zum Sektgut aus, der Erfolg gibt ihm Recht: "Österreichs Grundweine sind grundsätzlich fruchtig-frische Weine, mit entsprechender physiologischer Reife und knackiger Säure. Die idealen Bedingungen für guten Sekt. Von Klassikern wie Grüner Veltliner oder Riesling über Sauvignon Blanc bis hin zum roten Zweigeltsekt", meint Steininger.
Übrigens: Wer österreichische Sektkultur in Reinkultur und hautnah erleben möchte, dem oder der sei das Loisium in Langenlois ans Herz gelegt. In einer eigenen Reportage in der Print-Ausgabe GENUSS.wein.pur (03/200) berichten wir ausführlich darüber, erwähnt werden kann hier bereits die Sektwelt der Familie Steininger, Teil des Loisiums: Begrüßt mit einem köstlichen Glas Steininger Veltlinersekt erlebt man alle Schritte der Sektproduktion in Echtzeit, inklusive Besichtigung der gänzlich zugänglichen Kellereiräumlichkeiten des Weinguts.
Das Geheimnis eines jeden guten Schaumweines ist eine perfekt eingebundene Kohlensäure. Billiger Sekt, oft im günstigen Tankverfahren produziert, entwickelt grobe Kohlensäure, die am Gaumen hängen bleibt und jedes Weinaroma überdeckt. Flaschengärung mit langem Hefekontakt hingegen bringt feine, harmonisch eingebundene Säure. Je kleiner die Kohlensäure-Perlen, umso besser bindet sich Kohlensäure in Flüssigkeit, umso bekömmlicher wird der Schaumwein.
Weiters entscheidet die Qualität der Weinsäure. So prädestiniert der hohe natürliche Säureanteil, vor allem im Weinviertler oder Kamptaler Veltliner, diese Rebsorte zur Versektung. Auf der Aromaseite erfreut ein Veltlinersekt typischerweise durch gelbe oder grüne Apfelschalen, leicht röstige Brotrinde oder duftige Bisquitnoten, manchmal leicht oxidiert und dadurch gerne Champagner-ähnlich. Vorsicht mit der Kohlensäure bei Fehlaromen: Bekannterweise verstärkt Kohlensäure Fehlaromen oder eben auch markant-würzige Noten, was gerade bei weißpfeffrigen Veltlinerarten ein Stinkerl verursacht – zu viel des Guten.
Damit stellt sich für uns die Frage, wieviel Veltliner ein Veltlinersekt eigentlich verträgt? Tut nicht oft ein Anteil Weißburgunder, Chardonnay oder Welschriesling gut zur Verfeinerung und Abrundung von Frucht und Substanz? Ist der Veltliner alleine nicht gar schnell langweilig und ohne aufregendem Background? Unsere Verkostung hat gezeigt, dass beinah jede Probe aus 100 % Veltliner gut und gerne einen Tick einer zweiten Rebsorte zur Vollendung vertragen könnte, je nach Geschmacksrichtung.
Wer das Sektfach nicht perfekt beherrscht, sollte bei Veltlinersekt mit höheren Alkoholwerten im Grundwein Acht geben. Oft geht die Typizität des Veltliners durch brandig wirkenden Alkohol verloren. Einzig Karl Steininger zeigt jedes Jahr, dass auch Sekt mit hohem Alkoholgehalt möglich ist. Sein Geheimnis liegt in der perfekten Grundweinqualität und in der Qualität der verwendeten Hefe, wo sich Steininger über die Jahre zum echten Hefespezialisten entwickelt hat. Wie extrem weit sich der Bogen spannen kann, zeigt Steiniger mit dem 2003er Veltlinersekt, abgefüllt in der Magnumflasche: Ein Wunder heimischer Schaumweinkunst mit dem Grundwein aus seiner Grand Grü Linie, vergoren und gelagert im großen Akazienholzfass, mit einem Alkoholgehalt von über 14 % Vol. kein "Zarterl". Wir empfehlen dieses Beispiel allerdings nur echten Sektfreaks, die wissen, was auf sie – im positiven Sinne – zukommt. Sektanfänger würden diese Granate schlichtweg nicht verstehen.