wein.purAusgabe 02/2009

Südburgenland: Liebe auf den zweiten Schluck

Das Südburgenland ist das kleinste Rotweinanbaugebiet Österreichs. Die Blaufränkisch von hier zählen jedoch zu den spannendsten der Alpenrepublik.

Bei den südburgenländischen Winzern steht die Rebsorte Blaufränkisch hoch im Kurs. Von den rund 200 Hektar Rotweingärten des Weinbaugebietes sind mehr als drei Viertel mit Blaufränkisch bepflanzt. Genau genommen, darf man das südburgenländische Blaufränkischland auf das Gemeindegebiet von Deutsch Schützen-Eisenberg eingrenzen. Alle namhaften Winzer sind hier ansässig oder beziehen zumindest ihre Trauben von hier. Die Rotweine genießen einen herausragenden Ruf für ihre eigenständige, erdig-würzige Charakteristik. Dabei war das nicht immer so.

Einst dominierten in der Region überwiegend weiße Rebsorten. Furmint vom Eisenberg wurde angeblich sogar bis an den russischen Zarenhof geliefert. Erst nach der großen Reblauskatastrophe im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden zunehmend blaue Trauben gepflanzt. Noch Ende der 70er-Jahre war es um den Ruf des südburgenländischen Weinbaues nicht allzu gut bestellt. So schrieb Helmuth Romé in seiner damals veröffentlichten Weinbibel "Die großen Weine Österreichs" über das Gebiet: "Bei den Rotweinen verschließt oft die Lieblichkeit im Ausbau das Hervortreten des Charakters. Zwischen den verschiedenen Konsumstilen etwas hin- und hergerissen, hat der Weinbau noch nicht zu seiner klaren, gebietstypischen Linie gefunden. Aber man ist auf dem besten Wege, zu sich selbst zurückzufinden, vor allem zu Rotweinen der Rebsorte Blaufränkisch, die hier alle ihre Vorzüge aufzuweisen vermag." Im letzten Punkt sollte Helmut Romé Recht behalten.

Eisen.pur

Die berühmteste Rotweinlage des Anbaugebietes ist zweifelsohne der Eisenberg. Knapp 200 Höhenmeter ragt der imposante Rebenhügel aus dem Flachland des Pinkatales und der kleinen ungarischen Tiefebene. Bis 1920/21 noch zu Ungarn gehörend, verläuft die österreichisch-ungarische Staatsgrenze heute direkt über den Eisenberg. Erst als Ende der 80er-Jahre der "Eiserne Vorhang" fiel, nahm der Weinbau wieder einen spürbaren Aufschwung. Auf ungarischem Territorium wird ebenfalls Weinbau betrieben. Die Weinqualitäten der ungarischen Winzer lassen aber leider noch zu wünschen übrig. Seit der Öffnung der Grenzen bewirtschaften nun zunehmend österreichische Winzer Rebflächen jenseits der Grenze. Die daraus gekelterten Weine müssen derzeit aber noch strikt als ungarische Weine deklariert werden, und dafür fehlt im Moment häufig noch der Absatz. Einem großen Kessel gleich, liegen die Weingärten am österreichischen Eisenberg in südöstlicher bis südwestlicher Ausrichtung. Von Norden werden sie durch dichten Wald von kühlen Witterungseinflüssen geschützt. So sorgt das hier vorherrschende pannonische Klima in schöner Regelmäßigkeit für perfekt gereiftes Traubenmaterial.

Das große Geheimnis des Eisenberges liegt allerdings in der einzigartigen Bodenbeschaffenheit. Mit Grünschiefer und Serpentinit finden wir zwei Gesteinsarten, die in keinem anderen österreichischen Weinbaugebiet anzutreffen sind. Auch hier im Südburgenland beschränkt sich das Vorkommen sehr kleinräumig auf die steilen Hänge des Eisenberges, während die umliegenden Hügel überwiegend aus Schotter, Sand und Lehm bestehen. Die Humusschicht ist an manchen Stellen nur wenige Zentimeter dick, sodass den Rebstöcken alles abverlangt wird. Aufgrund des hohen Eisengehaltes der Gesteine, der dem Berg schließlich auch seinen Namen gab, war der Eisenberg schon zu vorchristlicher Zeit Schauplatz der Eisengewinnung. Heute sind die Winzer Nutznießer dieses geologischen Kleinodes. Der hohe Mineralgehalt des Bodens verleiht den Weinen eine ganz eigenständige, für den Eisenberg ganz typische Charakteristik. Immer mehr Weinproduzenten besinnen sich nun auch auf dieses naturgegebene Geschenk und versuchen insbesondere mit der Rebsorte Blaufränkisch das einzigartige Terroir des Eisenberges bestmöglich herauszuarbeiten.

Würze.pur

Nur knapp drei Kilometer Luftlinie vom Eisenberg entfernt, liegt die zweite Grand Cru-Lage des Südburgenlandes, der Schützener Weinberg. Ganz im Gegensatz zum Eisenberg dominieren am Weinberg schwere, tiefgründige Lehmböden. Der hier anzutreffende hohe Eisen- und Magnesiumgehalt des Bodens widerspiegelt sich in einer ganz ausgeprägten Würze der Weine. Das im pannonischen Trockenklima überlebenswichtige Wasserspeichervermögen des Lehmbodens ermöglichte es, dass heute noch ertragsfähige Rebstöcke mit 60 oder mehr Jahren in den Weingärten zu finden sind.

Während die Blaufränkisch-Trauben vom Eisenberg eher finessenreiche, mineralische Weine hervorbringen, zeigen jene vom Weinberg meist mehr Körper und Tiefgründigkeit. Nicht selten verwenden aus diesem Grund die Winzer Trauben aus beiden Herkünften für ihre Top-Blaufränkisch, um so den Weinen noch mehr Spiel und Vielschichtigkeit zu verleihen. Dennoch sind Blaufränkisch aus dem Südburgenland nichts für Freunde runder, samtiger Rotweine. Speziell in ihrer Jugend wirken viele Exemplare noch streng, abweisend und unzugänglich. Der Vergleich mit jungen Nebbiolos oder großen Burgundern ist wohl gewagt, aber durchaus legitim. Die (Ge-)Würzkomponenten dominieren oft über die Frucht, die Tanninstruktur wirkt vielfach rau und ungestüm und verleiht den Weinen so mitunter einen spröden, gewöhnungsbedürftigen Charme. Zudem setzen immer mehr Winzer auf traditionelle Ausbaumethoden. Dazu werden anstatt neuer Barriequefässer zunehmend größere Fassgebinde mit mindestens 500 Liter Inhalt und/oder verstärkt gebrauchte Barriques verwendet, was einer frühen Zugänglichkeit der Weine natürlich auch nicht gerade zuträglich ist. Man muss den Charme des Südburgenland-Blaufränkisch erst langsam ergründen. Nur selten ist es Liebe auf den ersten Schluck!

Geduld lohnt

Das zentrale Interesse unserer Verkostung galt dem Reifeverhalten und Entwicklungspotenzial des Blaufränkisch aus dem Südburgenland. Würden sich die in ihrer Jugend meist so ungestümen Weine nach mehrjähriger Flaschenreife in erwarteter Weise öffnen? Kann der vielschichtige Fruchtausdruck der Rebsorte in ausreichendem Maße in den Vordergrund rücken? Wann ist der ideale Trinkzeitpunkt? Nun, kurz zusammengefasst, lässt sich feststellen, dass die Blaufränkisch vom Eisenberg und aus Deutsch Schützen auch mit zunehmendem Alter ihre Eigenständigkeit bewahren. Zwar werden Gerbstoffe und Würzkomponenten mit fortschreitender Flaschenreife deutlich harmonischer in das Gesamtgefüge eingebunden, schmeichelnde Rotweine werden wir aus dem Südburgenland aber wohl nie zu erwarten haben. Vielmehr erinnern die gereiften Sortenvertreter an reife Burgunder. Der Aromenbogen spannt sich dann sehr oft von vollreifen Himbeeren über Kräuter bis hin zu schiefrigmineralischen Komponenten, die im Alter eine immer deutlichere Präsenz zeigen. Aber gerade dadurch sind und bleiben die "Südburgenländer" so erfrischend unverwechselbar.

Der Weinberg tanzt

Dynamik und Innovationsbereitschaft innerhalb einer Weinbauregion sind meist sehr zuverlässige Hinweise für die Zukunftsperspektiven selbiger. Das Südburgenland ist zwar ein sehr kleines Weinbaugebiet, doch die Bewegung in den Weingärten rund um Eisenberg und Deutsch Schützen ist unübersehbar. Trotz beschränkter Produktionsvolumen und folglich regelmäßig ausverkaufter Keller, ruhen sich die führenden Weinmacher längst nicht auf ihren Lorbeeren aus. Gemeinsame Aktivitäten, Auftritte und Präsentationen im und außerhalb des Weinbaugebietes sind geradezu selbstverständlich. "Unsere Weine muss man erklären", sind sich die Winzer einig, "die verkaufen sich nicht so einfach von selbst." Aus diesem Grund organisieren die sechs Leitbetriebe Kopfensteiner, Krutzler, Schützenhof, Wachter-Wiesler, Wallner und Weber unter dem Motto "Der Weinberg tanzt" immer wieder spannende Veranstaltungen und Verkostungen rund um das Thema Blaufränkisch.

Auch in den Weinbergen und Kellern wird immer noch fleißig an der Qualität der Weine gefeilt. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht bei allen Winzern die Gebietstypizität der Weine noch besser herauszuarbeiten. Waren es bislang meist noch von Blaufränkisch dominierte Rotweincuvées, die das Top-Segment in vielen Betrieben abdeckte, so folgt nun ganz offenkundig die Rückbesinnung auf den reinsortigen Blaufränkisch. Thomas Kopfensteiner brachte mit dem Jahrgang 2006 erstmals einen Wein auf den Markt, bei dem die Blaufränkisch-Trauben aus Eisenberger Lagen gesondert verarbeitet wurden. Und weil er von der Qualität vollends überzeugt ist, soll der Blaufränkisch Eisenberg in Zukunft das Flaggschiff des Hauses darstellen. Auch bei Gerhard Wallner steht seit Kurzem ein reinsortiger Blaufränkisch an der Spitze der Qualitäts- und Preispyramide. Nur die allerbesten Blaufränkisch- Trauben von den ältesten Rebstöcken des Betriebes finden dazu Verwendung. Die beiden Weine blieben in unserer Verkostung allerdings noch unberücksichtigt, da sie eben erst auf den Markt gekommen sind. Darauf freuen darf man sich aber jetzt schon.

Sichtlich von den Entwicklungen im Gebiet motiviert, dürfen wir uns mit Clemens Hafner über einen neuen Quereinsteiger freuen. Aus einer kleinen Weingartenparzelle am Eisenberg produziert der Neo-Winzer spannende Blaufränkisch. Unsere aktuelle 4-Gläser-Bewertung für sein Erstlingswerk spricht für sich! Den Namen wird man sich auf jeden Fall merken müssen. Auch die Jugend drängt nach. Jungwinzer Mathias Jalits überzeugte in unserer Verkostung mit einer ausgezeichneten Serie. Seine Blaufränkisch vom Eisenberg, genau genommen aus der Sub-Lage Szapary, zeigen eine ganz eigenständige Handschrift. Bei Jalits, der seinen ersten Wein 2001 kelterte, ist der önologische Entwicklungsprozess sicherlich noch nicht abgeschlossen und man darf auf seine nächsten Jahrgänge durchaus gespannt sein.

Große Jahrgänge?

Der Jahrgang 2006 ist bei den südburgenländischen Blaufränkisch nach unserer Einschätzung ein schlummernder Riese. Die Weine strotzen vor Kraft und Würze, zeigen Tiefe. In vielen Fällen kann man allerdings erst ansatzweise vermuten, was sich daraus einmal entwickeln wird. Große Trinkfreude bereiten sie zum jetzigen Zeitpunkt allesamt noch nicht. Speziell bei diesem Jahrgang ist noch viel Geduld gefragt, ein Antrinken frühestens in drei bis fünf Jahren empfohlen. Aufgrund ihrer Jugend wurden einige Weine mitunter höchst kontroversiell bewertet und diskutiert. Die Ergebnisse aus unserer Verkostung sind daher noch lange nicht endgültig festgeschrieben. Einige Weine werden sicherlich noch große Überraschungen und Freude bereiten. Die Zukunft wird Klarheit schaffen, ob wir mit dieser Einschätzung Recht behalten sollen. Eine Kaufempfehlung ist der Jahrgang 2006 aber allemal! Ebenso vielversprechend, wenngleich noch nicht ganz am Punkt, präsentierten sich die beiden Jahrgänge 2005 und 2004. Hier wird bei vielen Weinen das eine oder andere Jahr Flaschenreife mit absoluter Sicherheit noch eine weitere Qualitätsentwicklung bringen. Alle 5-Gläser-Weine der Verkostung entstammen überraschenderweise aus dem sehr umstrittenen Hitzejahrgang 2003. Die insgesamt sieben eingereichten Proben aus diesem Jahr wurden mit mindestens drei "ausgezeichneten" Gläsern bewertet! Sämtliche Weine zeigen sich jetzt schon sehr nahe am Trinkhöhepunkt und bereiten im Moment wahrlich großen Trinkspaß. Die weitere Entwicklung bleibt natürlich zu beobachten, einige Jahre weitere Lagerung dürften aus jetziger Sicht aber sicher kein Problem darstellen. Die Blaufränkisch aus 2002 zeigten ein erfreuliches Gesamtniveau, lediglich der qualitative Ausreißer nach oben fehlte. Trotzdem sind die Weine jetzt perfekt anzutrinken. Dass Blaufränkisch aus Deutsch Schützen locker zehn Jahre übersteht, beweist einmal mehr Mike Faulhammer vom Schützenhof mit einem fulminanten 1997er Senior! Die Zeit scheint an diesem Blaufränkisch-Monument ob seiner jugendlichen Frische spurlos vorüber gegangen zu sein. Auch die Weingüter Wachter- Wiesler und Wallner untermauern mit einigen Weinen aus dem vergangenen Jahrzehnt das großartige Reifepotenzial der "Südburgenländer" recht eindrucksvoll. Und dann war da noch ein eingeschmuggelter Pirat: Der 1992er Blaufränkisch Reserve von Franz Weninger aus Horitschon strahlte in einer für das Mittelburgenland leider viel zu seltenen Größe und Ausgewogenheit. Ein untrüglicher Beweis dafür, dass es auch im Mittelburgenland Potenzial für große, in Würde gereifte Blaufränkisch gibt.