wein.purAusgabe 06/2008

Blaufränkisch schwingt gut: Rotes aus Neckenmarkt

"Neckenmarkt schwingt gut" steht auf der Homepage der Rotweingemeinde. Gemeint ist die Tradition des Fahnenschwingens, aber auch die Blaufränkisch erzeugen "good vibrations". Wir haben untersucht, weshalb.

Von den drei großen Weinbaugemeinden des Mittelburgenlandes, Horitschon, Deutschkreutz und Neckenmarkt, ist letztere die vielleicht unbekannteste. Das mag daran liegen, dass es nicht an der Hauptroute liegt oder daran, dass es relativ wenige "Starwinzer" im Ort gibt – der Qualität tut das keinen Abbruch. Neckenmarkt besitzt Weingärten mit besonders vielfältigen Bodenstrukturen. Stefan Wellanschitz, Obmann des örtlichen Weinbauverbandes, erklärt den Reiz der Gegend: "Wir haben hier das große Glück, besonders bevorzugte Lagen – sowohl geologisch als auch klimatisch bedingt – bewirtschaften zu können: Zum einen haben wir mit teils sehr lehmigen Böden ideale Voraussetzungen für Blaufränkisch. Zum anderen haben wir mit der Nähe zum Neusiedlersee, dem pannonischen Klima, den warmen Luftströmen, die vom See kommen, und der Luftzirkulation von den bewaldeten Hügeln ideales Makroklima in unseren Weinbergen." Was für eine schöne Liebeserklärung an seine Heimat!

Der Hochberg: hoch komplex

Nicht zufällig hat Heribert Bayer Neckenmarkt zum Sitz seiner Kellerei "In Signo Leonis" gemacht. Ihn faszinieren "Die große Zahl alter Rebanlagen, das spezielle Klima und die Bodenstruktur am Hochberg. Er überragt alle anderen Erhebungen im Gebiet um gut 130 m, das zusammen erlaubt viel Terroirausdruck. Und mit dem Winzerkeller Neckenmarkt existiert hier ein Partner, der uns Zugang zu unglaublich positivem, selektioniertem Traubenmaterial ermöglicht. Wer wie wir keine eigenen Weingärten besitzt, muss sich das Beste holen."

Ein weiteres Charakteristikum der Neckenmarkter Blaufränkisch ist die Seltenheit von Lagenweinen. Andreas Draxler: "Bei uns gibt es traditionell eher viele kleine Flächen, die Besitzungen sind stark zergliedert. Daher zahlt es sich kaum aus, Einzellagenweine zu machen, die meisten Parzellen geben höchstens ein paar hundert Liter Ertrag. Daher ist der typische Neckenmarkter Blaufränkisch ein Lagenmix, der durch seine Vinifikationsart unterschieden wird. Die heißen bei mir Classic, Selection und Reserve und so ähnlich ist es auch bei den meisten Kollegen. Würden wir es wirklich weiter zergliedern, würde es auch verkaufstechnisch immer verwirrender. Aber wenn man es machen kann, sind Einzellagenweine natürlich sehr spannend!" Er bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein: "Ich merke starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Klonen. Die sorgen für unterschiedliche Ausprägungen in den einzelnen Chargen. In dieser Richtung gibt es in Zukunft noch einiges zu tun und zu optimieren." Josef Tesch, der als Kellermeister des Winzerkellers Neckenmarkt (im Familienweingut führt Sohn Christian Regie) mehr als die Hälfte der Trauben der Gemeinde verarbeitet und wohl den besten Überblick über die Situation hat, meint zu diesem Thema: "Ich kenne vier verschiedene Klone. Aber da spielen mehr Faktoren mit, wie Boden und Ausbau." Und Stefan Wellanschitz ergänzt: "Unser wichtigster Rebveredler im Gebiet, Iby, ist in den letzten Jahren stark auf kleinbeerige Klone gegangen, die auch in jungen Jahren schon gute Qualität erbringen."

Stilfragen

Andreas Draxler steht für einen eleganten, feingliedrigen Stil des Blaufränkisch. "Ich sehe Blaufränkisch ähnlich wie Pinot Noir. Er muss nicht unbedingt Kraft haben, die kommt in den entsprechenden Jahren wie 2003 oder 2006 von selbst. In kühleren Jahren wird er elegant und finessenreich, weniger kompakt und dann versuche ich auch nicht, ihn dichter erscheinen zu lassen." Heribert Bayer, gewohnt pointiert: "Nach etlichen modischen Irrtümern wie Überopulenz erleben wir nun die Rückkehr des Terroirs und der Herkunftstypizität. Auch da wird für meinen Geschmack manchmal über das Ziel hinausgeschossen, ich möchte es nicht so extrem, dass die Weine dadurch sperrig werden. Aber jeder Winzer muss den Wein nach seiner Vorliebe gestalten, eher nach dem Vorbild Burgund oder Bordeaux. Ich selber bevorzuge Bordeaux. Wichtig ist einfach, dass die Weine die Identität und Affinität des Gebietes und des Weinmachers zeigen." Der "In Signo Sagittarii" 2004, für den sein Sohn Patrick verantwortlich ist, überzeugte die Verkoster mit seiner Verbindung von Kraft und Eleganz. Welche Gefahr gut gemeinte aber übertriebene Kellertechnik in sich birgt, zeigte der Potio Magica 2001 vom Winzerkeller Neckenmarkt. Ein toller Wein, jugendlich mit viel Cabernetwürze, komplex, an einen Graves erinnernd – aber für uns zu wenig Blaufränkischtypisch, daher nicht bewertet.

Josef Tesch: "Der Wein war etwas zu süß, weil die Trauben überreif geerntet wurden. Das wollten wir mit starkem Toasting ausgleichen, was immer Frucht und Sorte nimmt. Außerdem kommt in kühleren Jahren der Cabernet recht stark zur Geltung, obwohl der Potio nur knapp 5 % enthält." Immerhin: wenn man es mit der Sortentypizität nicht so genau nimmt, ein großartiges Trinkvergnügen. Auf der anderen Seite des Spektrums zeigte der 1994er Classic vom Weingut Hundsdorfer, wie lagerfähig auch klassisch ausgebaute Blaufränkisch sein können. Wegen eines leichten Korkfehlers konnten wir ihn nicht bewerten, trotzdem faszinierte er uns mit blättriger Würze, süßer Frucht und unglaublicher Frische. Zusammenfassend zeigte sich, dass die kühleren Jahre wie 2004 oder 2002 auch hier die spannenderen sind. 2006 wird ein Ausnahmejahrgang, der viel Zeit zur Entwicklung braucht. Stefan Wellanschitz gerät bei der Erinnerung ins Schwärmen: "2006 war ein traumhaftes Rotweinjahr, da musste man nicht lange nachdenken um Topwein zu machen, es hat die Witterung im entscheidenden Moment gepasst." 2005 ist "OK", wie es Wellanschitz ausdrückt und für eher frühen Genuss geeignet, mit dem man die Wartezeit auf die Langsamentwickler aus 2004 und 2006 bestens und mit Trinkcharme überbrücken kann. Ähnlich dürfte 2007 werden. Der Neckenmarkter Stil zeigt sich in schiefrigen und würzigen Noten, die ihn deutlich von Horitschon und Deutschkreutz unterscheiden. Chefredakteur Alexander Magrutsch bringt es auf den Punkt: "Die Weine zeigen ein mineralisches Moment, eine filigrane Komplexität – wenn man sie lässt. Und es werden erfreulicherweise immer mehr!".

Die wichtigsten Lagen

Hochberg: Im Zentrum der "Neckenmarkter Weinarena" liegt die größte Lage Neckenmarkts mit den höchsten Weinbergen des Blaufränkischlandes – 350 m Seehöhe. Ein Südost-Hang mit Silikatgestein, Granitgneis, Glimmerschiefer auf Sand, Lehm und Felsbraunerde.
Bodigraben: ein "Seitental" des Hochbergs: lehmiger Sand, Granitsgneis, Felsbraunerde.
Sonnensteig: lehmiger Sand mit Schotter und Kies auf einem Hochplateau direkt an der ungarischen Grenze.
Rüsselsgrund und Hussi: Kalkklippe, lehmiger Sand mit hohem Kalksteinanteil, zum Teil Muschelkalk.

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