wein.purAusgabe 05/2008

Steiermark: Weiße Burgunder von Weltformat

Schattentänzer - Die ganze Steiermark schwimmt derzeit auf der Erfolgswelle des Sauvignon Blanc. Im immer tiefer werdenden Schatten des aromatischen Sunnyboys stehen – fast unbeachtet – weiße Burgunder von Weltformat.

In der steirischen Landeshauptstadt Graz ging heuer der erste Internationale Sauvignon Kongress über die Bühne. Ein klares Signal, welche Bedeutung diese Rebsor te in den letzten zehn Jahren innerhalb der Steiermark erlangte. Sicher zu Recht, denn einige steirische Sauvignons können sich tatsächlich mit der internationalen Spitze messen. Den Preis für die derzeit herrschende Sauvignon-Euphorie bezahlen allerdings andere Rebsorten. Zumindest ist das Interesse an der steirischen Burgunder-Familie mit Weiß- und Grauburgunder, wie auch dem Morillon, so wird der Chardonnay in der Steiermark genannt, in den letzten Jahren deutlich gedämpft. Flächenmäßig liegen die weißen Burgunder-Sorten in der Steiermark hinter dem Welschriesling zwar immer noch auf Platz zwei, aber auch hier wird der Sauvignon vermutlich schon in absehbarer Zeit das Rennen für sich entscheiden. Wir wollten daher wissen, wie die betroffenen Winzer diese Entwicklung sehen: "Natürlich beeinflusst die stärkere Nachfrage nach fruchtigen Sorten das Kaufverhalten der Konsumenten. Es wird ja nicht mehr Wein gekauft und getrunken, weil eine Sorte so gut schmeckt, sondern dann trinkt man eben mehr Sauvignon und dafür weniger von den anderen Sorten", erläutert Markus Skoff von der Domäne Kranachberg. Alois Gross sieht die Situation etwas differenzierter: "Weißburgunder hat bei uns in den letzten zwei Jahrgängen eine deutlich steigende Nachfrage. Bei Morillon ist es etwas anders. Sehr gute Morillons lassen sich nach wie vor gut verkaufen, Steigerungen im Verkauf sind beim Morillon zurzeit aber kaum möglich." Für Wolfgang Maitz liegt die Kunst in der richtigen Mischung: "Im Handel bemerken wir auf jeden Fall ein Ungleichgewicht. Wenn Steiermark bei Händlern gelistet wird, handelt es sich zumeist um Sauvignon. Im Ab-Hof-Verkauf sehe ich in der richtigen Mischung von Burgunder- und Aromasorten ein mögliches Erfolgsrezept."

Universaltalente

Der Ausbau steirischer Burgunder geht in zwei Stilrichtungen: Die Klassik-Weine werden überwiegend im Stahltank ausgebaut. Aufgrund der im Vergleich zu Aromasor ten doch deutlich zurückhaltenderen Sorteneigenschaften bieten sich die Klassik-Burgunder als perfekte Speisenbegleiter an. Die Weine schmecken bereits in ihrer Jugend ganz vorzüglich, zeigen keine allzu dominante Geruchs- und Geschmacksausprägung und bereiten so ein unkomplizier tes Trinkvergnügen. Gerade deshalb finden die Klassik-Burgunder auch in der Gastronomie recht vielseitige Verwendung. Der überwiegende Teil der lagenrein ausgebauten Burgunder vollzieht seine Entwicklung hingegen im kleinen oder großen Holzfass. Mindestens ein bis zwei Jahre dauert der Reifeprozess der Burgunder-Monumente, ehe sie auf den Markt kommen. Doch auch dann steht den meisten Weinen noch ein langer Weg bis zum Trinkhöhepunkt bevor. Wie auch unsere Verkostung bestätigte, brauchen die großen Burgunder der Steiermark unbedingt einige Jahre Flaschenreife, um ihr großartiges Potenzial voll entfalten zu können. Weine mit Komplexität, Finesse, Würze und Tiefgang sind das erfreuliche Ergebnis einer mehrjährigen Wartezeit. In den allerbesten Fällen entstehen Burgunder von Weltformat, die auch den Vergleich mit dem Rest der Welt nicht zu scheuen brauchen. Dennoch schaffen es nur wenige dieser Weine ins Rampenlicht der internationalen Weinwelt. Eine Erklärung dafür hat Alois Gross parat: "Abgesehen von einigen Liebhabern dieser Rebsorten, haben wir leider nur wenige Mitstreiter. Die sind dafür aber richtige Fans. David Schildknecht lässt sich von eleganten, würzigen Weißburgundern begeistern und Serena Sutcliff ist ein Fan von eleganten ausdrucksstarken Grauburgundern." Auch Christoph Neumeister stößt ins selbe Horn: "Leider haben die steirischen Burgunder nach wie vor eine viel zu geringe internationale Anerkennung. Weißburgunder und Grauburgunder behaupten sich insgesamt aber noch etwas besser als Chardonnay." Wolfgang Maitz ergänzt: "Ich glaube, dass die Verfügbarkeit der wirklich guten Gewächse einfach nicht ausreicht, um wichtig genug zu sein. Da und dor t blitzen sicher einige Weine bei Verkostungen auf, aber die Präsenz am Markt ist einfach die wichtigste Reputation."

Schnäppchenweine mit Potential

Ebenfalls überzeugt zeigen sich die steirischen Burgunder-Macher hinsichtlich des herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses ihrer Top- Weine: "Im internationalen Vergleich sind die steirischen Burgunder echte Billigprodukte. Ausländische Weine kosten teilweise das 10- Fache gegenüber unseren", lässt Willi Sattler keinen Zweifel über die Preiswertigkeit steirischer Burgunder aufkommen. Wolfgang Maitz formuliert es ähnlich: "Im Vergleich zu den Aromasorten sind unsere Klassik-Burgunder wahrscheinlich unterbezahlt. Bei den Top-Weinen aus großen Jahren ist das einfach gewaltig guter Wein für wenig Geld, wenn man so in die weite Welt hinausschaut!" Tatsächlich muss man an dieser Stelle anmerken, dass selbst die besten steirischen Burgunder in einem Preissegment zwischen € 15,– und maximal € 25,– liegen und somit im internationalen Burgunder-Vergleich doch deutlich an der unteren Preisgrenze angesiedelt sind. Und trotzdem handelt es sich dabei um Weine, die nachweislich (siehe Verkostungsergebnis) dem internationalen Vergleich standhalten und – zumindest aus den herausragenden Jahrgängen – auch noch ein großartiges Lager- und Reifepotenzial aufweisen. Dies bestätigt auch Alois Gross: "Burgunder aus Jahrgängen mit idealem Witterungsverlauf – speziell im Herbst – können außerordentlich gut reifen. Aus heißen, eher trockenen Jahrgängen und von alten Rebstöcken kommen immer wieder überzeugende Weine mit großem Reifepotenzial. Steirische Burgunder bieten meines Erachtens noch immer ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis." Markus Skoff wird da sogar noch konkreter: "Top-Weine dieser Sorten sollten doch zehn bis 20 Jahre Trinkspaß bereiten. Vielleicht sollte man dazu noch ein paar Flaschen vom 92er aus dem Keller holen?"

Kalkböden & kühle Luft

Ein Teil des steirischen Burgunder-Erfolges liegt neben dem Können der Winzer sicherlich auch in den natürlichen Gegebenheiten der Böden und des Klimas. So dominieren in den großen Burgunder-Lagen wie Zieregg, Pfarrweingarten und Nussberg vorwiegend Böden aus Muschelkalk und/oder kalkhältigem Schotter, Sand und Lehm. Bodenbedingungen, die den Burgunder- Rebsorten bekanntlich sehr entgegenkommen. Das Klima in der Steiermark gilt als gemäßigt. Die Trauben leiden kaum unter großer Hitze und Trockenheit und erzielen so in schöner Regelmäßigkeit eine perfekte physiologische Reife, ohne dabei überreif oder konzentriert zu werden. Die kühlen Nächte im Herbst bringen schließlich noch die erwünschte Fruchtausprägung in die Beeren. So gesehen lassen sich durchaus gewisse Parallelen mit der französischen Urheimat des Burgunders herstellen. Beim Ausbau der Lagen-Burgunder setzen die steirischen Top-Produzenten vorwiegend auf dosierten Holzeinsatz, um bei den Weinen auch ganz bewusst ihren herkunftstypischen Charakter zu bewahren. Fritz Tinnacher vom Weingut Lackner-Tinnacher interpretiert sein Idealbild eines steirischen Burgunders so: "Ein großer steirischer Burgunder sollte vom Terroir geprägt sein und am Gaumen burgundisch wirken." Wolfgang Maitz konkretisiert: "Mineralische Noten sind natürlich das Genialste. Nicht vergessen sollte man aber, dass ein Hauch Steiermark auch in den ganz großen Gewächsen zu spüren ist, dies aber nicht erzwungen werden sollte."

Quo vadis Steiermark?

Bleibt abschließend noch die Frage, wie sich die steirische Rebsortenlandschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird. Nimmt die derzeit herrschende Sauvignon-Euphorie ihren Lauf, wird sich dies natürlich weiter auf Kosten anderer Rebsorten niederschlagen. Trends kommen und gehen auch wieder. Hoffentlich wissen die Steirer auch in der Phase des großen Sauvignon-Triumphes mit der stillen Größe ihrer Burgunder richtig umzugehen. Dazu meint Alois Gross: "Die Burgunder-Rebsorten werden in der Steiermark Fritz Tinnacher setzt auf Terroir und Mineralik Sieht bei Weiß- und Grauburgunder Entwicklungspotenzial – Christoph Neumeister Ewald Zweyticks Burgunder brauchen Zeit zur Entwicklung Neben Sauvignon auch mit weißen Burgundern top – Hannes Sabathi Willi Sattler: "Es wäre ein großer Fehler sich nur auf Sauvignon zu konzentrieren" immer einen relativ hohen Anteil am Rebenbestand haben. Die Weinqualitäten überzeugen regelmäßig und haben einen sehr guten Marktanteil." Auch Christoph Neumeister sieht speziell in der Südoststeiermark für Weiß- und Grauburgunder ein großes Zukunftspotenzial. Und Markus Skoff merkt noch an: "Vielleicht fehlt es momentan etwas an Motivation, weil die Burgunder im Schatten des Sauvignon Blanc stehen. Ich bin ein Morillon-Fan und möchte diese Sorte in Zukunft nicht missen – weder als klassischer Essensbegleiter noch als Lagen-Granate mit Druck und Mineralität." Burgunder-Spezialist Fritz Tinnacher meint dazu: "Wir kultivieren Weißburgunder, Grauburgunder und Morillon seit Jahrzehnten mit besonderem Augenmerk, und wir werden diese Sorten weiterhin forcieren. Für uns gilt: Burgunder-Sorten brauchen gute Lagen, die Trauben sollen lange an den Rebstöcken bleiben können. Die Burgunder-Sorten können und werden in der Steiermark sicher noch an Stellenwert gewinnen. Die klimatischen Verhältnisse (lange Vegetationszeit) und die Bodengegebenheiten passen für finessenreiche Burgunder und als solche ergänzen sie das Sauvignon Blanc-Angebot sehr gut." Willi Sattler ist als Obmann der Marktgemeinschaft Steirischer Wein einer der wesentlichen weinbaupolitischen Entscheidungsträger der Steiermark. Auch er sieht die Zukunft der Burgunder durchaus optimistisch: "Momentan stehen die Burgunder-Sorten mengenmäßig noch weit über Sauvignon. Der Sauvignon wird den Burgunder aber sicher bald überholen. Unser großer Vorteil in der Steiermark ist, dass kühle Anbaugebiete einfach mehr Würze und Feinheit in den Wein bringen. Solche Weine sind in heißen Anbaugebieten gar nicht machbar. Das ist auch die Chance für unsere Burgunder, auch wenn Sauvignon momentan alles überstrahlt. Es wäre sicher ein großer Fehler, wenn man sich jetzt nur auf Sauvignon konzentriert und alle anderen Sorten vernachlässigt.

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