Nicht erst seit der Umbenennung des Weinbaugebietes gilt der Wagram als eine der spannendsten Veltliner-Appellationen Österreichs. Der Höhenflug scheint unaufhaltsam.
Lange Zeit haben die Winzer vom Wagram für ihre Eigenständigkeit gekämpft. Kein Wunder, lagen zuletzt von den rund 2.800 Hektar Weingärten des Weinbaugebietes Donauland knapp 2.500 allein am Wagram. Die geologische Besonderheit des Wagrams mit seinen mächtigen Lössablagerungen wäre längst Grund genug gewesen, um hier ein eigenes Weinbaugebiet – immerhin fast doppelt so Mutig in die neuen Zeiten groß wie die Wachau – zu installieren. Nicht zuletzt die unübersehbare Dynamik, mit der Jahr für Jahr junge, aufstrebende Winzer mit ihren Weinen auf das großartige Potenzial des Wagrams aufmerksam machten, hätte schon früher durchaus Argumente für ein eigenes Weinbaugebiet geliefert. Warum wurde diesem dringenden Wunsch der Winzer also nicht schon früher entsprochen?
Josef Pleil, Präsident des Österreichischen Weinbauverbandes, erklärt das so: "Der Wunsch nach einem eigenen Weinbaugebiet Wagram war nachvollziehbar, jedoch musste eine weitere Zersplitterung der österreichischen Weinlandschaft (Anm.: derzeit 16 eigenständige Weinbaugebiete) unbedingt vermieden werden. Durch die Umbenennung des gesamten Gebietes Donauland in Wagram und die Schaffung einer neuen Großlage Klosterneuburg wurde ein sinnvoller Weg gefunden, der für alle Beteiligten vorteilhaft ist." Seit dem Weinjahrgang 2007 gilt nun die neue Bezeichnung Wagram.
Willi Klinger, Geschäftsführer der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft, ergänzt dazu: "Durch den qualitativen Aufstieg vieler Leitbetriebe entwickelte sich die Herkunftsbezeichnung Wagram zu einer immer bekannteren Marke, die nun von allen Winzern des Gebietes genutzt werden kann." Gleichzeitig verweist Klinger auf die nun vorhandenen Chancen der regionalen Wirtschaft und des Tourismus, wodurch auch eine bessere Integration des Weines vom Wagram möglich wird. Auf die Frage, was sich nun seit der Umbenennung des Weinbaugebietes verändert habe, erklärt der Vorsitzende des Gebietskomitees Wagram, Leopold Blauensteiner, aus Gösing: "Wir haben lange und gegen viele Widerstände um unsere eigene Identität gekämpft. Die Umbenennung ist erst ein Jahr her, um jetzt schon gravierende Veränderungen zu diagnostizieren. Gestiegen ist auf jeden Fall das Selbstbewusstsein der Winzer. Sich nun offiziell als Wagramer auch auf dem Etikett bezeichnen zu dürfen, ist für uns eine Genugtuung der Sonderklasse." Bernhard Ecker, Obmann der regionalen Winzervereinigung Wagramer Selektion, ergänzt:
"Meiner Meinung nach hat sich das Gebiet nun genauer definiert. Donauland kann ja überall – auch ein Buchklub – sein. Der Weinbaugebietsname Wagram wird nunmehr mit Löss und Grünen Veltliner assoziiert." Auch der junge Aufsteiger Franz Sauerstingl aus Fels stößt ins selbe Horn: "Die Umbenennung war Grundstein für ein vernünftiges Herkunftsmarketing und Identitätsdenken. Das war mit der alten Gebietsbezeichnung Donauland nicht gegeben, da der Begriff theoretisch ein Gebiet vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer umfasste."
Das Weinbaugebiet Wagram gilt im Moment als wahrer Talenteschuppen innerhalb der rotweiß-roten Winzerszene. Wie wir bereits in unserer großen Wagram-Geschichte in wein.pur 2/2006 beobachten konnten, drängen immer mehr junge Weinmacher an die Qualitätsspitze.
War es noch vor wenigen Jahren ein kleiner, überschaubarer Kreis namhafter Betriebe, bringt nun jede unserer Wagram-Verkostungen neue, unbekannte Namen ins Rampenlicht. Leopold Blaunsteiner erklärt: "Die Pionierarbeit einiger Topbetriebe einerseits und der gegenseitige Ansporn zweier regionaler Winzervereinigungen andererseits, tragen sicherlich zum Aufschwung des gesamten Gebietes bei.
Der intensive Meinungsaustausch untereinander und das ständige Streben nach Spitzenleistungen hat der Weinqualität am Wagram gut getan. In diesem Sog konnte sich eine neue, junge Winzergeneration etablieren." Jungwinzer Gerald Waltner aus Engelmannsbrunn, selbst einer der hoffnungsvollen Newcomer vom Wagram, ergänzt: "Mit der Umbenennung des Weinbaugebietes wurde eine Motivationslawine losgetreten, welche dem gesamten Gebiet, aber besonders dem Wagramer Wein durch eigene Identifikation noch mehr Erfolg bringt."
Eine interessante Theorie für die Wagramer Erfolgsgeschichte hat Franz Sauerstingl parat: "Von der angestaubten Rolle des Kulturgutes hat sich Wein in den letzten Jahren immer mehr zum Liftestyle-Produkt entwickelt. Winzer zu sein ist trendig.
Gerade diese Situation begeistert viele junge Leute und verleiht der Winzerszene ein ganz anderes Gesicht. Im Gegensatz zur älteren Generationen, wo Wein hinter verschlossenen Türen produziert wurde, ist es heute Normalität, mit Kollegen über jedes Detail der Weinproduktion zu diskutieren." Bernhard Ecker verbucht als Obmann der Wagramer Selektion einen Teil der Wagramer Erfolgsgeschichte auf die Existenz der Gebietsvereinigungen: "Es gibt einfach eine gute Harmonie unter den Winzern. Die Wagramer Selektion beispielsweise ist nicht nur eine Vereinigung von Winzern, sondern auch eine Gruppe von Freunden. Dadurch funktioniert auch der gegenseitige Austausch bei Verkostungen und Diskussionen wesentlich besser." Dass der Aufschwung des Wagrams noch längst nicht am Höhepunkt ist, darüber lässt Leopold Blauensteiner als oberster Sprecher des "jüngsten" Weinbaugebietes ebenfalls keinen Zweifel aufkommen: " Der Wagram wird sich in Zukunft selbstverständlich in der Spitze der österreichischen Weinbauregionen platzieren und auch behaupten – dank der einmaligen Lössformationen und der Rebsorte Grüner Veltliner, die bei uns am Wagram ein tolles Potenzial ausspielen kann."
Rund die Hälfte der Wagramer Weingärten ist mit Grünem Veltliner bepflanzt. Die mächtigen Lössablagerungen des Wagrams sind geradezu prädestiniert für diese Rebsorte.
Die Böden sind meist sehr tiefgründig und besitzen ein gutes Wasserspeichervermögen. Der Grüne Veltliner fühlt sich sichtlich wohl. Die Weine bringen von den Wagramer Lössböden eine ganz charakteristische Sortenausprägung, mit mehr oder weniger ausgeprägten Aromen nach Gewürzen (u.a. Pfeffer), Kräutern, Tannennadeln und Tabakblättern. Durch diese markante Würze unterscheiden sich die Wagram-Veltliner stilistisch doch recht deutlich von jenen anderer Herkünfte.
Neben dem Grünen Veltliner hat sich am Wagram mit dem Roten Veltliner aber auch eine echte Sortenrarität etabliert. Rund 80 Hektar Weingärten werden von dieser raren, nicht ganz unkomplizierten Rebsorte derzeit von einigen wenigen Idealisten am Wagram gepflegt. In jüngster Zeit ist allerdings ein verstärkter Trend zum Roten Veltliner erkennbar, und immer mehr Winzer pflanzen diese Rebsorte neu aus.
Haben am Wagram auch noch andere Rebsorten ernstzunehmende Chancen? Wir haben einige Winzer dazu befragt:
"Natürlich sind der Grüne und Rote Veltliner die Leitsorten am Wagram. Aber auch die Burgundergruppe und die Rieslinge haben einen hohen Stellenwert", meint Robert Direder, Jungwinzer aus Mitterstockstall. Bernhard Ecker sieht es ähnlich: "Die größte Rolle wird eindeutig der Grüne Veltliner und als Rarität der Rote Veltliner spielen.
Riesling, die Burgundersorten und beim Rotwein die Sorte Zweigelt sind aber sicher ein Thema." Auch Franz Sauerstingl kann mit der Veltliner-Dominanz am Wagram recht gut leben: "Da sich am Wagram ohnehin alles um den Grünen Veltliner dreht, glaube ich nicht, dass andere Sorten – außer der Rote Veltliner natürlich – in nächster Zeit stärker in den Vordergrund treten werden. Den Fehler, dass durch geförderte Umstellungsaktionen plötzlich Rotweinsorten stärker am Wagram verbreitet sind, werden wir kein zweites Mal machen." Zur allgegenwärtigen Veltliner-Euphorie am Wagram bringt Bio-Winzer Fritz Salomon vom Gut Oberstockstall noch einen interessanten Gedanken ins Spiel: "Ich denke, dass es in unserer Region für den Geist des Weines sehr wichtig wäre, auch über andere Bereiche wie Heurigenkultur, Feldbau, Obstbau und Viehzucht nachzudenken. Viele Winzer betreiben diese Sparten auch heute noch gemeinsam mit Eltern und Großeltern."
Auch von den Lebensmitteln aus biologischer Landwirtschaft darf man sich laut Fritz Salomon am Wagram in nächster Zukunft noch einiges erwarten. Einen ganz wesentlichen Impuls für die gesamte Region Wagram erwartet sich Fritz Salomon auch von der in Kirchberg am Wagram neu entstehenden Gebietsvinothek.