wein.purAusgabe 04/2008

Ein Traum in Pink

Die reifsten Schilcher aller Zeiten brachte bisher der Jahrgang 2003 – und der 2007er scheint ihn noch zu übertreffen. Und erstmals schlugen die Weine aus dem Süden zu.

Es ist eine Eigenart der Weinwelt, dass Roséweine noch immer nicht als "richtige Weine” angesehen werden, auch wenn sie sich steigender Beliebtheit erfreuen. In Österreich ist diese Eigenart schon eher eine Unart, denn die Weinfreunde gerieren sich, als bestünde die Weinwelt nur aus Weiß und Rot. Und dennoch gibt es in Österreich einen klassischen Rosé: Weststeirischer Schilcher. Die Rebsorte, die den Schilcher liefert, ist der Blaue Wildbacher, eine seit Jahrhunderten fast nur in der Weststeiermark gepflegte Sorte.
In anderen Gebieten ist sie bedeutungslos; obwohl sie ansprechende Rotweine zu liefern vermag, haben sich hier neben heimischen Sorten eben nur Cabernet-Varianten und Merlot durchgesetzt. Nur in der Schilchergegend wird aus ihr in guten Jahren auch eine kleine Menge exzellenter Rotweine gewonnen. Ihre wirkliche Bedeutung ist ihr Ausbau als Rosé. Der Name Schilcher kommt von seiner Optik, ein in allen möglichen rötlichen Tönen schillernder Wein. Seine große Stärke liegt in der Frucht.

Die jugendliche Schilcherfrucht beschreibt einen Bogen von Erdbeeren und Himbeeren bis hin zu Cassis, er ähnelt in reiferen Varianten eher dem Sauvignon blanc und dem Riesling, wie auch sein Charakter überhaupt mehr den Weißweinen ähnelt. Auch das ist eine Stärke, ein dünnes Weinchen, das den Weg zum Rotwein nicht geschafft hat, ergibt auch keinen guten Rosé, und ein Rosé aus klassischen Rotweinsorten bietet wenig primäre Frucht. Die nächste Stärke Ein Traum in Pink ist die seines Anbaugebiets; gerade die Weststeiermark vermag dem Schilcher jenes Plus an Mineralität mitzugeben, die wir sonst fast nur vom Riesling kennen. Ich vergleiche den Schilcher häufig mit den Rieslingen von der Saar, die Ähnlichkeit der Mineralität dieser Weine ist verblüffend und charakteristisch. Und genauso, wie man im Rheingau keinen Saar-Riesling vinifizieren kann, genauso wenig kann man anderswo einen klassischen Schilcher vinifizieren. Und mit diesen Eigenschaften ist der weststeirische Schilcher einzigartig, es gibt weltweit keinen ihm vergleichbaren Rosé.

Der Weg in den Schilcherhimmel

Gewiss, der Schilcher hatte früher keinen guten Ruf. Genauso, wie die Wachauer Weine früher gerne dünn und sauer waren, so waren das auch die Schilcher, sie waren sogar noch ein bisschen saurer. Und die damalige Kellertechnik mit ihren alten, nicht immer sauberen Fässern tat ihr Übriges; das Ergebnis waren unsaubere, dünne und saure Schilcher gewesen.
Doch das ist genauso Vergangenheit wie in der Wachau; nur, die Wachauer haben ihren Ruf als Gebiet mit sauren Rieslingen abgelegt, beim Schilcher hält sich dieser Ruf hartnäckig. Die Weststeirer haben erkannt, dass mit ihrer autochthonen, einzigartigen Rebsorte Blauer Wildbacher in einer immer internationaleren Weinwelt besser zu (über)leben ist als mit Globetrottern wie Chardonnay und Cabernet – sie haben auch erkannt, dass das nur mit ausreichend reifen, geschmacklich harmonischen und blitzsauberen Weinen möglich ist; für solche war der Jahrgang 2007 optimal.

Der letzte Weg in den Schilcherhimmel war wohl der Griff zum Schraubverschluss; er garantiert jene Sauberkeit auch auf der Flasche, die die Schilcherwinzer auch schon bisher im Stahltank hatten, und er bewahrt die primäre Frucht und die Frische viel besser als jeder andere Verschluss. Und die Säure ist bei den heutigen Schilchern kein wirkliches Problem mehr; zehn Promille werden bei der jetzigen Traubenreife auch dann nicht erreicht, wenn sich Winzer wie der Trapl aus Lestein das wünschen.
Zwischen sieben und gut acht Promille ist die Regel, und das sind Werte, die auch beim Riesling vorkommen können. Die Reife, die von manchen Weinfreunden auch beim Riesling kritisiert wird, wenn der Smaragd wieder einmal 14,5 % Alkohol hat (was mich noch nie gestört hat), schlägt sich beim Schilcher nicht in derartig hohen Alkoholgraden nieder, Weine mit 13 % oder mehr sind ganz rar. Die ganz hohe Traubenreife kann allerdings zu einer Extraktsüße führen, die den Wein leicht süß und wegen seiner Säure zugleich auch ein wenig sauer wirken lässt. Das ist eine Gratwanderung, die bei manchen Weinen zu großer Harmonie und bei anderen zu einer "chinesischen" Süß-Sauer-Stilistik führen kann. In Verbindung mit einer meist frühen Füllung kann das durchaus zu einer eigenartigen Flaschenverfassung führen, und das scheint heuer bei einigen wenigen Weinen der Fall gewesen zu sein.
Es bleibt abzuwarten, wie sie sich auf der Flasche entwickeln werden. Für die Zukunft ist bei solchen Weinen eine spätere Füllung anzudenken. Die meisten Schilcher protzten hingegen mit Unmengen von reifer Beerenfrucht, mit viel Substanz und mit einer harmonischen Säure, und diejenigen, bei denen auch die Mineralität dazukam, sind: Große Weine in Pink! Die derzeitigen Preise: zwischen € 5,30 und € 7,– !

Der Schrauber und der Schilcher

Schilcher galt lange als nicht haltbar; bis zum Spätherbst austrinken hieß die Regel. Dem Schraubverschluss wird nachgesagt, die Frische des Weins besser zu bewahren, darum haben wir von den ersten Schilchern mit Schraubverschluss ein paar Testflaschen weggelegt, und zwar zwei Flaschen vom Weingut Langmann. Der 2005er Greisdorf ging schon ins Orange; würzige Noten wie Anis, auch Zitrus; mit Rasse und Mineral, noch schön zu trinken, nur die primäre Frucht ist hinüber. Der 2006er Hochgrail war noch saftig, Himbeeren, ganz leicht mit selchigen Noten (typisch für reifen Schilcher), rund, harmonisch und sehr schön trinkbar. Insoweit ein klares Resultat: Der Schraubverschluss verlängert die Haltbarkeit; Schilcher mit Schrauber muss keineswegs am Jahresende ausgetrunken sein!

Vom Gebrauch des Schilchers

Kaum ein Wein ist kulinarisch so vielseitig verwendbar wie ein guter Schilcher. Er passt zu fast allem, was steirisch ist, insbesondere zu jeder Art von Gebackenem und zu jeder Art von Schweinefleisch, gleich, ob warm oder kalt. Im Spätherbst ein reifer, kräftiger Schilcher zur Ente und zur Gans kann eine denkwürdige Kombination sein.
Zum Räucherlachs lässt ein guter Schilcher fast jeden Weißen fad und alt aussehen, was die stark gestiegenen Exporte nach Norwegen erklärt, und beim Rindfleischtopf in Wien, also beim Plachutta, fehlt nur eines: Ein guter Schilcher. Und bei meinen jährlichen Kanada-Touren habe ich immer zwei Flaschen Schilcher mit, im letzten Jahr den 2006er Hochgrail vom Langmann: Zu saftig gegrillten Rib-Eye-Steaks passte er hervorragend. Den Kombinationen mit Schilcher sind kaum Grenzen gesetzt, nur zu zartem, weißem Fisch und zu Süßspeisen passt er nicht.

Blauer Wildbacher historisch

Im Original aus: Hermann und Rudolph Goethe, Atlas der Traubensorten, um 1875. Faesy & Frick, k.k. Hofbuchhandlung in Wien. Reprint 2001 im Verlag Thomas Hoof KG, Waltrop und Leipzig.
"Der Blaue Wildbacher ist eine in den nordwestlichen deutschen Weingegenden Steiermarks fast ausschließlich in ganz reinen Sätzen angebaute Traubensorte, welche in der Gegend von Wildbach bei deutsch Landsberg aus Samen entstanden sein soll. Sie wird dort schon seit urdenklichen Zeiten kultiviert und kommt in solch urwüchsigem, fast wildem Zustand vor, dass ohne Zweifel ihre Heimath hier angenommen werden kann.
Diese ganze Gegend, wo der Wildbacher ausschließlich angebaut wird, nennt man nach der Farbe der aus ihm bereiteten Weine die "Schilchergegend." Die Weingärten dieser Gebirgsgegend umfassen bei einer Höhe von 12 – 1600 Fuß über dem Meeresspiegel eine Gesamtfläche von 6.000 Joch und liefern durchschnittlich 25 Eimer Wein auf dem Joch im Wert von 4-5 Gulden Österr. Währung. Die Verbreitung von Wildbacher in anderen Gegenden ist unbedeutend. Die verschiedenen Verhältnisse, unter welchen der Wildbacher dorten angebaut wird, bestätigen, dass derselbe eine durchaus harte unempfindliche Sorte ist. ... Der Wein hat eine hellrote Farbe, eigenthümlich herbe Säure, an welche man sich erst gewöhnen muss, sodass er nur für den lokalen Absatz und Verbrauch im Land sich eignet.
In guten Jahren und Lagen erreicht er 17-18 % Zucker, hat 8-9 Promille Säure und wird hauptsächlich im deutschen Theil der Steiermark consumiert."

Winzerworte

Gottfried Hainzl: "Die Weingutbezeichnung Hainzl-Jauk entstand aus der Zusammenlegung mit dem Betrieb meiner Schwiegereltern Jauk. Unsere Toplagen sind der Wildbachberg bei Deutschlandsberg und der Hadersberg bei Hollenegg. Von diesen streben wir die reifsten Schilcher an. Daneben führen wir Schilcher Classic und den Gleichoder Weißgepressten, der sehr beliebt ist und bei uns einen hohen Umsatzanteil hat."
 
Stefan Langmann: "Ein wunderschön reifes Jahr! Wir haben einiges experimentiert und unser reifster Wein mit rund 13,5 % Alkohol, wiederum vom Hochgrail, liegt noch im Stahl, wir haben ihn deshalb nicht zur Verkostung gegeben. Er erinnert an den 2003er und dürfte noch besser werden. Wir werden in passenden Jahren auch weiterhin einen solchen überdurchschnittlich hochreifen Schilcher aus dieser Lage anstreben."
 
Andreas Müller: "Ich habe bei Familie Langmann in Langegg praktiziert und dort gut aufgepasst. Für unseren Familienbetrieb bin ich seit 2001 verantwortlich. Wir versuchen seither, uns auf Schilcher als den Wein der Region zu spezialisieren und unsere Ernte selbst zu vermarkten, in diesem Sinn sind wir ein sehr junger Betrieb. Die Lage Gaißeregg liegt rund um unseren Hof, wir streben hier immer den reifsten und ausdrucksstärksten Schilcher an. Ein solcher Erfolg freut mich natürlich, er wird aber keine Eintagsfliege bleiben."
 
Edi Oswald: Das Ereignis des Jahres 2007 war für mich natürlich meine Hochzeit, aber auch der Weinjahrgang war sehr schön, er hat mich sehr gefreut. Wir mussten sogar früher lesen, um nicht in enorme Alkoholgrade zu kommen. Der Exclusiv – von der Ried Hochgrail – ist in der Säure etwas milder, er hat nur neun Promille. Von Schilchern mit geringer Säure halte ich nach wie vor wenig, auch wenn wir wegen der hohen Traubenreife nicht mehr die Säurewerte wie früher haben."
 
Christian Reiterer: "Wir haben bewusst ein paar Gramm Restsüße angestrebt, um die Säure besser einzubinden und den Trinkfluss zu erhöhen, was ja etwa auch die Wachauer Riesling-Winzer machen. Bei unserem hohen Exportanteil wäre zudem ein Schilchertyp mit markanter, expressiver Säure für das internationale Publikum wenig verständlich. Für den klassischen Schilcherfreund haben wir heuer den beintrockenen Engelweingarten Classic. Übrigens, wir haben heuer den ersten Sauvignon blanc vom Lamberg, den sollten auch Sie verkosten!"

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