wein.purAusgabe 04/2008

Unter den sieben Bergen

Die mehr als tausend Jahre alte Donaustadt Krems blickt auf eine mindestens doppelt so lange Weinbautradition zurück.

Die Stadt Krems liegt samt der eingemeindeten Schwesternstadt Stein sieben Hügeln zu Füßen, "an deren Hängen sie sonnenseitig warm gebettet" ist. So schreibt der Wiener Romancier Eduard Kranner, den es immer wieder nach Krems zog, wo er auch seinen Ruhestand genoss. Die Stadt an der Donau, das Tor zur Wachau, bietet auch heute Lebensqualität. Eine romantische Altstadt, ein qualitätsvolles und zeitgemäßes Kulturangebot, stille Wanderwege. Auch aus den umliegenden Gemeinden wie Palt, Rohrendorf oder Stratzing kommen große Weine. Wir wollen uns jedoch hier auf jene Gewächse konzentrieren, die direkt in der Stadt Krems erzogen und dort gekeltert werden. Die Stadtgemeinde ist selbst im Besitz eines Weingutes, schon seit fast achthundert Jahren. Leopold der Sechste, ein Babenbergerherzog, hatte im Jahr 1212 das Stift Lilienfeld mit der Gründung eines Bürgerspitales beauftragt. Wirtschaftliche Autarkie – vor allem durch Landwirtschaft – war wichtig, weil nur so die Kosten für die Pflege verarmter Kremser Bürger getragen werden konnten. Ein Weingar tenbesitz der Stadtgemeinde lässt sich seit 1452 nachweisen. Ulrich von Dachsenberg und seine Frau legten mit Schenkungen den Grundstein – ein Haus samt Presse, Weingärten im inneren Lindberg im großen Kobel und im Marthal zählten dazu.

Zwischen 1300 und 1600 war Krems eine Hochburg der Weinproduktion. Sogar im allgemeinen Niedergang des Gewerbes nach dem 30-jährigen Krieg war der Weinbau noch eine akzeptable Einnahmequelle. Daher standen viele Bürger von Krems damals mit dem Weinbau direkt oder indirekt in Verbindung. Auch die Stadt war, beziehungsweise damals noch die Städte Stein und Krems, waren um eine ordentliche Weinqualität bemüht.
Die heute mehr als tausend Jahre junge Stadt war bereits zu dieser Zeit ein wichtiges Zentrum des Weinbaues. Zahlreiche Klöster im österreichisch/süddeutschen Raum besaßen Weinberge in und um Krems. Noch heute gilt die Faustregel, dass Rieden, deren Bezeichnungen auf kirchlichen Besitz hindeuten, erstklassiges Terroir sind. Der Kremser Pfaffenberg, einer der sieben Berge, ist diesbezüglich keine Ausnahme. In der Stadt Krems stehen gut tausend Hektar unter Reben. Mit den großen Urgesteinslagen im Westen und den mächtigen Lössformationen im Osten sind zwei sehr unterschiedliche, aber je für den Weinbau ideale Bodentypen vorhanden.

Kremstal dac: Herkunft im Vordergrund

Ein Novum unserer Verkostung: Jahrgangsbedingt hatten wir es hierzustadt erstmals mit dac-Weinen zu tun. Der neue Districtus Austriae Controllatus wird von manchen Winzern zurückhaltend begrüßt: "Ich werde nicht den Blödsinn machen, dac groß heraus zu stellen. Kremstal ist wichtig, die Herkunft gehört in den Vordergrund."
Meinrad Forstreiter erklärt, warum auch das Kremstal-Komitee darauf besteht Kremstal in Groß- und dac nur in Kleinbuchstaben zu setzen. Er hätte gar nichts dagegen gehabt, die Abkürzung dac nur auf das Rückenetikett zu schreiben, "so wie das die Traisentaler tun". Heribert Rethaller meint, dass die Grundidee der kontrollierten Österreich-Bezirke gut sei, aber dennoch sei da etwas "ein bissl daneben gegangen". Das Ganze sollte seiner Meinung nach noch informativer, vor allem distinktiver sein, also die Unterscheidungsmerkmale deutlicher betonen. Überhaupt seien die verschiedenen dac vor allem "für Großbetriebe wichtiger". Der Geschäftsführer vom Weingut Stadt Krems, Fritz Miesbauer, betont, dass er und das von ihm geleitete Weingut Stadt Krems das dac-Konzept "voll mittragen." Er glaubt zwar, dass "der eine oder andere Top-Winzer dac nicht benötigen würde" denkt jedoch, dass "viele kleinere Betriebe stark davon profitieren werden". "dac wäre wunderbar", beginnt Reinhold Schlamberger einen Satz, der nur mit wenn fortgesetzt werden kann. Bitte sehr: "… wenn das Niveau der Weinqualität und jenes der Koster weit höher lägen". Dass er selber so gut kosten kann, hat er lange Zeit nicht gewusst.
"Ich bin froh, zum Wein gekommen zu sein, obwohl ich lange Zeit gar nicht gewusst habe, dass ich kosten kann." Auch Rudolf Fritz postuliert eine strenge und klar umgrenzte Auswahl. "So etwas wie dac sollte in den Regeln nicht zu weich sein." Auch er hört immer wieder von seinen Kunden, dass sie dac nach wie vor mit dem Weinviertel assoziieren – auch wenn es neben jenem und dem Kremstal mit dem Traisental und dem Mittelburgenland mittlerweile vier Districti gibt und weitere gewiss folgen werden. Miesbauer begrüßt die beiden dac-Typen: "Das ist eine klare Information an den Kunden. Er weiß was ihn erwartet – ein klassisch ausgebauter Wein und eine kräftige Reserve." Die Klassifikation wird besonders bei der internationalen Vermarktung sehr hilfreich sein. Miesbauer, selbst ein großer Freund der Wachau und ihrer Weine, sieht es allerdings auch als Vorteil an, dass die Kremstaler im Vergleich zu den donauaufwärts gelegenen Betrieben "vielleicht ein bisschen lockerer und offener sind". In jedem Fall sollte nach der Ansicht von Rudolf Fritz "der Kremstal Reserve dac’ der beste Veltliner beziehungsweise Riesling eines Gutes sein".

Der Winzer aus dem südlich der Donau gelegenen Stadtteil Thallern bedauert, dass dem nicht immer so sei: "Manche haben dann noch einen Überdrüber- Veltliner oder Riesling." So etwas bremst die Dynamik einer Denomination. Die meisten Weingüter aus dem toskanischen Montalcino produzieren auch nichts "über" ihrem jeweiligen Brunello.
"Die Winzer Krems machen sehr gerne mit." Franz Ehrenleitner meint, dass es den dac-Typ im Angebot der Genossenschaft schon lange gibt, "wir haben den Wein nahtlos in das Konzept integrieren können". Ehrenleitner begrüßt auch das durch den Districtus initiierte Zusammenrücken der Produzenten, gibt sich aber betreffend Markenpolitik selbstbewusst: "Winzer Krems und Sandgrube 13 werden als Marken immer stärker bleiben als Kremstal dac."

Schwieriges Jahr 2007

"Ich kann mich an keine schwierigere Lese und Vinifikation erinnern, als an jene des vorigen Jahres." Schlamberger musste sogar seinen begehrten Grand Grü, den er üblicherweise in der Sandgrube erntet, aus anderen Rieden auslesen. Die Ernte in der Sandgrube war durch Hagelschlag größtenteils zerstört. Aber auch jene Früchte, die ganz geblieben waren, mussten sehr genau untersucht werden: "Nur meine Frau und ich haben gelesen." Die beiden haben von jeder einzelnen Traube gekostet. Denn auf das Refraktometer war kein Verlass. "Wir hatten von August 2006 bis in den Mai 2007 überhaupt keinen Niederschlag." Dann kam der Regen. Die bereits ausgebildeten Beeren wurden durch das Wasser plötzlich aufgebläht. In kürzester Zeit wuchsen sie von etwa einem halben Zentimeter auf einen Zentimeter Durchmesser an. Diese enorme Wasserverdünnung erbringt natürlich Schwächen in der Fülle eines Weines.

Auch wenn die Gradation "in Ordnung" war, dem Most hat es deutlich an Dichte gefehlt. Also wurde man in, teilweise ganz jungen Weingärten in Egelsee und am Pfaffenberg fündig. Der Grand Grü 2007 wurde somit klassischer als seine Jahrgangsvorgänger. Die Exotik des 2006er kann aufgrund der genannten Witterungsverhältnisse nicht erzielt werden. Der sich selbst so bezeichnende Hobbywinzer Schlamberger, der aus wettbewerbsrechtlichen Gründen seinen eigenen Namen nicht mehr auf seine Etiketten schreiben darf, ist immer für Überraschungen gut. Als Ingenieur ist er stets an chemischen und physikalischen Prozessen interessiert. "Kupfer zerstört die Aromen. Mit Kupfer spritzen heißt, den Geschmack in der Traube umbringen." Das sei ganz leicht nachvollziehbar, meint Schlamberger verschmitzt.
Man braucht dazu nur ein Centstück. Auch bei der Ernte des, ebenfalls mit guten drei Gläsern bewerteten Sauvignon Blanc haben Herr und Frau Schlamberger fast bei jedem Stock gekostet. "Der gesamte Entwicklungsprozess der Beere war abgeschlossen – und dann dieser Verdünnungseffekt. Wir haben nur jene Trauben mitgenommen, wo wir noch Frucht geschmeckt haben. So was macht nur ein Narr wie ich." Am Steinhagen – der Name der Riede weist schon auf karges Gelände hin – finden wir einen reinen Schotterboden. Gute Voraussetzungen für einen Spitzenwein, die natürlichen Ernteerträge liegen dort recht niedrig.

Rudolf Fritz hat den Riesling aus der Thallerner Lage Ende Oktober 2007 von gut 20 Jahre alten Rebstöcken gelesen. Die Trauben wurden kühl geerntet, der Most erst nach einer Maischestandzeit von sechs Stunden weiterverarbeitet. Die Gärung erfolgte bei zirka 19 Grad Celsius. 7,2 Promille Säure – ein guter Wert für einen Riesling. Die gesamte Vinifikation zielt auf einen anspruchsvollen, lagerfähigen Wein. Der wichtigste Premiumwein des Gutes bleibt jedoch Grüner Veltliner von der Riede Schweren Zapfen. Er wurde am 7. November gelesen. Aus dem gesunden Material konnte ein richtig pfeffriger Tropfen gewonnen werden, der auch bei der Stadtweinkost unter den Besten war. Fritz ist sicher: "Dieser Wein wird wieder bei vielen Verkostungen vorne sein." Nach kurzer Maischestandzeit bei einer Teilmenge des Mostes erfolgte die Gärung bei 19 Grad. Später durfte der junge Wein ein langes Lager auf der Feinhefe genießen. "Nur nicht zuviel rühren!" Fritz lässt dem Wein lieber seine Ruhe, als in den Gebinden herumzurühren. "Das führt zu einem ausgewogenen Geschmacksbild."

Stimmig und authentisch

Im Jahr 2003 begann eine neue Ära am Weingut Stadt Krems. Fritz Miesbauer kam und mit ihm Schwung und Dynamik in den Traditionsbetrieb. Da wurde nicht nur eine Fassade poliert – das auch, und zwar überaus gelungen – ,die wichtigsten Investitionen kamen Weinbergen und Kellertechnik zugute. Denn nur mit einer zeitgemäßen Technologie kann ein Wein entstehen, der stimmig, authentisch und den Ansprüchen unserer Tage angepasst ist. "Wir machen keinen modernen Wein." Miesbauer zeigt, wo die Linie hingeht, die nach einigen Jahren harter Arbeit klar definiert vorliegt.

Manche erwarten einen moselianischen Riesling, wenn sie "Schiefer" auf dem Etikett des Weingutes Forstreiter lesen. Auch in Teilen der Wachau und in Krems werden Weine gekeltert, wo Schiefer schon in die Nase hüpft und bis in den langen Abgang die Gaumen kitzelt. Die Lage Schiefer am Weingut des Meinrad Forstreiter hat aber mit dem urigen Gestein gar nichts zu tun. Dort ist kein Schiefer, sondern Konglomerat zu finden. Allerdings ist der so bezeichnete Wein alles andere als eine Enttäuschung. Sehr mineralisch – wenn auch "anders" – würzig, bestens strukturiert. Der Name der Lage kommt nämlich von den Schiffern. Ihnen mussten, wahrscheinlich aus dem Bereich der Lage, Zeichen zu den Stromschnellen und Untiefen der damals dort äußerst gefährlichen Donau gegeben werden. Die einzige Gefahr, die von den Weinen des Meinrad F. droht ist, dass man meinen könnte, von ihnen nicht so leicht genug zu bekommen. "Meine Linie betont immer die Frucht." Der feine, fruchtige Duft muss erhalten bleiben.

Die Bedingungen, die in der Stadt Krems herrschen, befördern dieses Vorhaben. "Wir haben noch ein pannonisches Klima, heiße Tage im Sommer. Jedoch bekommen wir eine gute Abkühlung durch die Waldviertler Winde und die Donau." Dieses tägliche Wechselspiel begünstigt die Aromareife. Überhaupt sei die Stadt Krems ganz hervorragend für die Herstellung hochwertiger Tropfen geeignet, zeigt sich Forstreiter begeistert. Allerdings gibt es, trotz der relativ kleinen Fläche über die sich die Stadt an der Donau erstreckt, sehr unterschiedliche Weine. "Hier herrschen grundverschiedene geologische Bedingungen, Kleinklimate und Hangneigungen." Also ist Forstreiter überzeugt, dass der Begriff Kremser Wein seit jeher eine breite Vielfalt an Stilen und Nuancen bezeichnet. Franz Ehrenleitner weiß zu berichten, dass "die Lage der Stadt Krems die Ausbildung einer guten Säurestruktur begünstigt". Zudem hat er über die Jahre beobachten können, dass die Vegetation in der tausendjährigen Stadt immer einen Vorsprung gegenüber donauaufwärts gelegenen Gefilden hat. "Die Trauben sind bei uns immer vorne. Auch die Marillen. Heuer haben sie in Krems schon am 17. März zu blühen begonnen."

2003 wurde von Weinfreunden mit geringer Fachkenntnis zunächst für einen Jahrhundertjahrgang gehalten. Die lange Sonnenperiode und das recht gesunde Traubenmaterial machen einen solchen Irrtum durchaus verständlich. Nüchtern betrachtet hat ein ziemlicher Mangel an Säure und eine breit und behäbig wirkende Charakteristik die Genießer rasch auf den Boden der Tatsachen geholt. Profis, die dem himmelblauen Frieden schon während der Reifeperiode nicht trauten, wussten, dass gerade in einem solchen Jahr der Lesezeitpunkt von entscheidender Bedeutung für die Struktur des Weines ist. Heribert Rethaller hat regelmäßig Säure und Zuckergehalt seiner heranreifenden Trauben bestimmt. "So etwas ist nie umsonst. Ich nehme jede Woche zur gleichen Zeit meine Proben." So ist es ihm auch gelungen, in diesem ziemlich schwierigen Jahr einen Wein mit klaren Konturen zu schaffen. Sein Grüner Veltliner 2003 vom Frauengrund wirkt überhaupt nicht behäbig oder breit, sondern zeigt Struktur und Biss bei einem überaus ansprechenden Fruchtspiel. Das liegt auch an der Lage: "Frauengrund hat gute Voraussetzungen für ausgeprägte Fruchtaromen." Die Riede ist relativ groß, leicht hügelig und teilweise südlich geneigt. Rethaller legt sich jedes Jahr von einigen besonderen Weinen etwas zurück und kann daher noch einige Einzelflaschen des mit vier Gläsern bewerteten Weines verkaufen. Gemeinsam mit seiner Familie bietet er auch Gästezimmer an, was sich wiederum verkaufsfördernd auf die Weine aus dem sechs Hektar großen Gut auswirkt. "Ich verkaufe gut 90 % meiner Weine ab Hof an Letztverbraucher."

Über die Geschichte des Kremser Weinbaues sind ganze Bücher verfasst worden, auch das Weinstadtmuseum am Körnermarkt gibt Auskunft zu den historischen Bezügen.
Heute ist Krems beides in hohem Maße: Alt, etwa durch die große Tradition oder dank der schönen, historischen Bausubstanz und jung, etwa durch die erst vor Kurzem hier angesiedelten Universitäten. "4.000 junge Leute, das gibt eine ziemlich feine Stimmung in der Stadt", schwärmt Miesbauer. Gemeinsam mit seinen Winzerkollegen freut er sich über die Studiosi, auch weil sie potenzielle Kunden sind. Die obendrein aus aller Welt kommen und garantiert dazu beitragen werden, die Botschaft vom köstlichen Wein aus Krems rund um den Erdball zu verbreiten.

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