wein.purAusgabe 03/2008

Geschichte verkosten

Wein lebt von Veränderung und stellt sich tapfer Herausforderungen wie der Rationalisierung im Weinbau. Leider landen dabei viele Sorten im Rebsortenmuseum.

Wein steht im globalen Wettbewerb. Wenn man bedenkt, dass weltweit jährlich rund 250 Millionen hl Wein erzeugt werden, so ist es nicht verwunderlich, wenn in Discount- Läden Weine bereits um € 0,99 angeboten werden. Wachsende Weinimporte, vor allem aus Übersee, beweisen, dass die entscheidenden Schritte von der Regionalisierung zur Globalisierung des Weinmarktes bereits getan sind. Wein droht, neben allen Vorteilen, die Wettbewerb mit sich bringt, immer mehr zu einer anonymen Einheitsmarke zu mutieren. Entscheidend werden Produktionskapazitäten und Marktanteile, preisgünstige Weine drängen sich dem Konsumenten auf, der weniger die Qualität als günstige Preise zum Kaufanlass wählt.
Hand in Hand mit dieser Entwicklung zwingt Rationalisierung zu einer Reduzierung des Angebots an Weinsorten, Rebsorten wie Cabernet Sauvignon und Chardonnay dominieren in Regalen vieler Supermärkte. Umso dringender besteht heute die Notwendigkeit, bei Wein Regionalität und Herkunft in den Vordergrund zu stellen. Gerade die Herausforderung, aus jedem neuen Jahrgang charakteristische und regionstypische Weine zu keltern, ist eine der interessantesten Seiten des Winzerberufs und ein spannendes Geschmackserlebnis für jeden Weinkonsumenten. Vor allem das Beispiel Österreich, weltweit einer der kleinsten Weinproduzenten, zeigt, wie man mit Region und Herkunft Wein erfolgreich vermarkten kann. dac (Districtus Austriae Controllatus) ist der neue, erfolgreiche österreichische Weg, um die Herausforderungen des Weltweinmarkts zu bestehen.

Hand in Hand mit der Bewahrung von Herkunft und regionalen Unterschieden geht das Bewusstsein über die Geschmacksvielfalt von Rebsorten und deren Wein. Bereits im 18. Jahrhundert wusste Johann Wolfgang von Goethe, dass es wohl viele Weinsorten gibt, es aber "beim praktischen Weinbau vor allem darauf ankommt, dass man die Sorten zusammenpflanze, die miteinander blühen und reif werden; alles andere ist von Übel".
Von den weltweit rund 1.000 Rebsorten, die weinwirtschaftliche Bedeutung besitzen, sind in Österreich nur rund 30 als Qualitätssorten zugelassen. Natürlich kann Österreich mit diesem Erbe nicht mit Ländern wie Italien oder Frankreich konkurrieren, wo hunderte Sorten in Verwendung stehen, dennoch schlummert auch in unserem Land großes unerschlossenes Potenzial an interessanten Sorten.

Das lebende Rebsortenmuseum

Vorhang auf für alle Bewahrer von Erfahrung und Tradition, die sich der Entwicklung einzelner Rebsorten und deren Weinqualitäten im Laufe vieler Jahre annehmen. Einer dieser wenigen Helden ist Franz Leth Senior vom Weingut Leth aus Fels am Wagram. Franz Leth hat es sich bereits Anfang der 70er-Jahre zur Aufgabe gemacht, alte, ehemals im österreichischen Weinbau verwendete Rebsorten zu erhalten. So entstand Österreichs erstes lebendes Rebsortenmuseum.

Es beherbergt heute über 200 alte, vielfach bereits fast ausgestorbene Rebsorten, solche, die früher einmal große Bedeutung hatten oder andere, die es überhaupt nicht bis in die Praxis geschafft haben. Die Weinstöcke des Rebsortenmuseums befinden sind gleich oberhalb des alten Weinkellers der Familie Leth in der Felser Kellergasse. Der Weingarten schaut nach Süden, der Lössboden auf Urgestein lässt die Reben wohl gedeihen. Jede Sortengruppe ist mit etwa zehn bis 15 liebevoll gepflegten Weinstöcken vertreten, jede Sorte mit einer kleinen Tafel beschrieben.

In guten Jahrgängen werden um die 50 der best gereiften Rebsorten sortenrein in mühevoller Kleinarbeit händisch geerntet, manuell gepresst und in Glasballons auf ganz natürliche Art und Weise zu Tafelwein ausgebaut. Abgefüllt in kleinen 0,5l-Flaschen steht somit ein Sammelsurium an fantastischen, manchmal skurrilen, manchmal echt spannenden Weinen zur Verfügung, die darauf warten, erkostet und verkostet zu werden.

Rebsortengeschichte zum Angreifen

Unter den Rebsorten finden sich teils echt lustige, teils geschichtsträchtige Weine. Die Weißweine reichen von Bacchus (deutsche Züchtung aus dem Jahr 1933 aus Silvaner x Riesling x Müller-Thurgau), Beerenheller (eine alte Sorte der Südbahn), Geißdutten (uralte österreichische Sorte), Grobe (eine der ältesten Wachauer Sorten), Petersilie-Gutedel (mit Blättern ähnlich zu Petersilie), Heunisch (eine der Ursorten im heimischen Weinbau), Jubiläumsrebe (Kreuzung aus Grauem Portugieser und Frührotem Veltliner, wurde 1960 anlässlich der Hundertjahrfeier der Weinbauschule Klosterneuburg vorgestellt), Weißer Kadarka (Hauptsorte im Burgenland vor 1921), Lämmerschwanz (alte ungarische Sorte, Synonym für die Sorte Lindenblättriger), Mädchentraube (ungarische Sorte, die heute wieder vermehrt im Nordburgenland ausgebaut wird), Grüner Portugieser (einst Hauptsorte im Weinviertel), Österreichisch-Weiß (auch Kahlenberger Weiße) bis hin zu Blauer Hans (auch Blauer Veltliner mit blauen Trauben, die erst im Reifestadium grün werden) oder Welschliner (Lenz-Moser-Kreuzung aus Grüner Veltliner x Welschriesling).

Interessant die Anzahl an 14 Spielarten vom Riesling, beginnend beim Riesliner (Kreuzung Riesling x Grüner Veltliner) bis zum Goldriesling (Kreuzung aus Welschriesling x Müller-Thurgau). Die Rotweine reichen von Blauer Affenthaler (uralte Sorte aus Deutschland, dem Pinot Noir sehr ähnlich), Alibernet (Kreuzung aus Alicante und Cabernet), Jakobitraube (Synonym für Frühburgunder, einer Mutation von Pinot Noir), Rotberger (Rotwein aus der Kreuzung Trollinger x Riesling), Seifert (Klosterneuburger Züchtung aus Blauburger x Blaufränkisch aus dem Jahr 1970) bis zur Steirischen Urrebe. Kein Name gleicht dem anderen, jede Sorte erzählt viel an Geschichte und lässt vielleicht erahnen, warum wohl in Österreich über die Jahrhunderte an die 300 Rebsorten angebaut wurden und teilweise auch wieder verschwunden sind.

Auch geschmacklich höchst spannende Weine aus amerikanischen Direktträgern (unveredelte Edelrebsorten) stehen zur Verfügung: Delaware, Elvira, Noah, Isabella, Othello oder Ripertella. Einige davon sind heute vor allem im Südburgenland im Einsatz und können dort als lokale Spezialität im Uhudler verkostet werden.