wein.purAusgabe 02/2008

Zur Lage der Wachau

In Teil zwei unserer Wachauer Lagenporträts über Spitz beschäftigen wir uns mit dem berühmten Singerriedel und der „Vergessenen Wachau“

Zunächst eine Anmerkung zu Teil 1: Die Aussage, „In Spitz hat das pannonische Klima (...) praktisch keinen Einfluss mehr“, rief Reaktionen von Spitzer Winzern hervor. Demnach liegt Spitz gerade noch im Einflussbereich der warmen trockenen Luftmassen aus dem Osten. Es gibt allerdings auch andere Aussagen, die diese Grenze zwischen Weißenkirchen und Wösendorf ziehen. Nachdem hier offenbar keine Einigkeit unter den Betroffenen herrscht, beschränke ich mich darauf, das Loblied der Spitzer Weine zu singen und harre gespannt auf die Klimaentwicklung.

Singerriedel

Zum Singen und Jauchzen könnten sie einen schon verführen, die Weine dieser besonderen Lage am östlichen Ortseingang von Spitz. Der Name steht für brillante, klare und besonders elegante Weine. Windgeschützte Südwestlage, Paragneis und Glimmerschiefer mit etwas silikatreicher Braunerde sowie eine Hangneigung von bis zu 70 %, bepflanzt mit Grünem Veltliner und Riesling: Das ist der Stoff, aus dem feuchte Weinträume gewoben werden. Die Weingärten reichen von 170 bis 350 m Seehöhe, im unteren Teil wird das Erosionsmaterial mächtiger, welches von oben angeschwemmt wurde.

Laut Franz Hir tzberger dürften Singerriedel und Atzberg früher eine geologische Einheit gebildet haben, bevor der Mieslingbach die beiden trennte. Erzhaltiges rotes Gestein findet sich auch im Singerriedel und verleiht ihm seine besondere Mineralität. Rötlich oxidierter Schiefer erinnert an manche Lagen von der Mosel, was sich auch im Stil der Rieslinge widerspiegelt. Am benachbarten Atzberg wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg Erz abgebaut. Potenziell dürfte er dem Singerriedel kaum nachstehen, der obere Teil ist aber verwahrlost. Die extrem mühsame Arbeit an den Steinterrassen hat bisher eine Revitalisierung verhindert. Franz Hirtzberger, der 3 ha im Singerriedel bewirtschaftet, erzählt: „Bevor die Wege angelegt wurden war man mit einer Butte oft eine halbe Stunde unterwegs zum Sammelpunkt.“ Und: „Die Weine vom Singerriedel brauchen recht lange für ihre Aromenentwicklung, dafür sind sie auch besonders langlebig.“ Mit Heinz Frischengruber, Önologe der Freien Weingärtner Wachau, ist er sich einig, dass 2007 ein toller Riesling-Jahrgang werden dürfte und der Singerriedel eine besonders gute Riesling-Lage ist. „Früher gab es hier auch viel Neuburger. Heute ist es auch für Riesling fast schon zu karg. Aber die ständige Neuaufschließung von Gestein, die dauernde Mineralisierung des Bodens, erlaubt seit 1.000 Jahren Weinbau in den Terrassen.“

Setzberg

Der Setzberg stellt sozusagen das Bindeglied zum Spitzer Graben dar. Er ist nach Süden ausgerichtet und besteht aus Paragneis mit wenig Schluff und etwas Sand. Dieser wurde früher abgebaut und als Waschsand verkauft. Ein Vorteil sind die großen Terrassenböden, die die Bearbeitung mit Traktoren erlauben. Die extrem kargen Böden sind ausschlaggebend, dass der Setzberg bis in die Höhe von 400m hauptsächlich mit Riesling und Neuburger bepflanzt ist. Nur in der Mitte und im unteren Teil, wo Löss angeweht wurde und sich humusreiche Ablagerungen bildeten, gibt es auch etwas Grünen Veltliner. Die Weine sind sehr gebündelt, konzentriert und zeigen klare Frucht. Im Vergleich zum Singerriedel sind sie etwas filigraner und fruchtbetonter. Über den Neuburger sagt Josef Högl: „Diese reinen Steinböden hält fast nur der Neuburger aus. Er kommt auch mit wenig Wasser aus, oft genügt ihm Morgentau. Bei den Heurigen im Spitzer Graben wird er gerne getrunken. Aber gekauft werden Veltliner und Riesling.“ Schade, finden wir.

Schön

Wir befinden uns nun im Spitzer Graben, jenem vom Spitzer Bach durchflossenen Tal, das von den Ausflüglern zu Unrecht oft links oder rechts liegen gelassen wird, je nachdem, von wo man kommt. Es ist daher, wie Josef Högl, der wohl bekannteste Winzer des Tals sagt, „die vergessene Wachau. Alle fahren unten mit dem Auto oder Schiff entlang, zu uns verirren sich nur wenige.“ Ein gutes Drittel, also rund 100 ha der gesamten Weinbaufläche von Spitz, befindet sich im Graben, die Ausdehnung der Terrassen ist gewaltig und beeindruckend. Da dieses Tal bis Vießling genau in West-Ost-Richtung verläuft, genießen die Weingärten volle Süd- bzw. Südwestausrichtung. Högl: „Der Spitzer Graben ist anders als die restliche Wachau. Nicht weit weg von der Donau, aber doch anders.“ Es ist das kühlste Terroir der Wachau. Im Graben selber geht wenig Wind, Ostwinde können nicht herein und die oft zitierten kühlen Fallwinde vom Jauerling und dem Waldviertel sind auch nur im Sommer deutlich zu spüren. Feuchtigkeit hält sich relativ lange. Dafür kann die Sonne das schmale Tal auch rasch aufheizen, Högl vergleicht es mit einem Teekessel ein kleines Gefäß wird schneller warm. Die Trauben brauchen lange zur Ausreifung, was aber für besonders ausgeprägte und feine Aromatik sorgt. In heißen Jahren ist diese kühle Lage nicht unbedingt ein Nachteil, wie auch die Verkostung gezeigt hat. Die Reben können sich vom Hitzestress des Tages besser regenerieren.

Die Ried Schön selber ist fast rein dem Grünen Veltliner vorbehalten. Sie umfasst etwa 9 ha auf 57 Terrassen in der Höhe zwischen 300 m – 400 m. Hier dreht das Tal nach Norden, wodurch die Westwinde recht gut angreifen können. Der Untergrund besteht aus Glimmerschiefer mit Gneiseinschlüssen. Der labil geschichtete Glimmerschiefer erlaubt den Wurzeln, sich in große Tiefen vorzuarbeiten. Dazwischen befinden sich immer wieder weichere, verwitterte und wasserführende Gesteinsschichten, letzte Reserven in trockenen Jahren. Die Weine zeigen paradoxe Konzentration und Feingliedrigkeit zugleich. Ihr Alterungspotenzial versetzte uns in Erstaunen.

Bruck

Nur durch einen wasserführenden Graben getrennt liegt die Ried Bruck westlich anschließend an die Ried Schön. Von ähnlichem Bodenaufbau wie Schön gibt es hier auch sandige Einschlüsse. Bruck ist aber bereits nach Süd- Südwest gedreht, im unteren Teil von einem hohen Felsen gegen Westwind geschützt. Vom höchsten Punkt bei 450 m geht es steil abwärts bis zu einer ebenen Stufe im unteren Teil, auf der vor allem Grüner Veltliner wächst, um dann wieder ganz steil zum Talgrund abzufallen. Ansonsten sind auch in dieser Lage Riesling und Neuburger vorherrschend. Die Weine bestechen durch ihr ausgeprägtes Süsse-Säure-Spiel, Folge eines extrem späten, fast grenzwertigen Reifeverhaltens. Vergleiche mit Mosel, Saar und Ruwer drängen sich auf. Auch deren Weine belohnen den Weinfreund am höchsten, der die nötige Geduld aufbringt. Josef Högl hält den Spitzer Graben trotz seiner eigenen fantastischen Rieslinge besser für Veltliner geeignet. „Riesling braucht etwas mehr Luftfeuchtigkeit. Nicht umsonst wachsen die besten Rieslinge in Flusstälern.“ Und über 2007: „Die Federspiele werden in diesem Jahr ganz toll. Der Sprung auf die Smaragde ist gar nicht so groß.“

wein.pur.Diskussion: Der Stil der Wachauer Weine

Zum Abschluss der Lagenporträts von Spitz geben wir in einer Art „Wordrap“ einige interessante Zitate wieder, die während unserer Diskussionen mit den Winzern gefallen sind:

FJ Gritsch: „Man merkt deutlich, wie die Weine in den 90er-Jahren immer kräftiger geworden sind. Anfang der 80er-Jahre hatte man ja oft über 20.000 kg pro Hektar. Heute selektionieren wir viel strenger, die Maischestandzeit ist länger...und in den 90er-Jahren hat man immer mehr Botrytis akzeptiert. Damals hatten die Smaragde bei uns 12,5 % bis 13 %.“

Roman Horvath: „Damals hat man auch schon spät geerntet, aber die Weine waren auch mit weniger Alkohol sehr lagerfähig, wie man sieht. Man muss sich sowieso fragen: drücken die kräftigsten Weine das Terroir am besten aus? Wären Federspiele dafür nicht sogar besser, weil Smaragde oft von Botrytis beeinflusst sind? Sind das nicht eher Verkostungsweine?“

FJ Gritsch: „Zu viel Botrytis verwischt ohne Zweifel den Lagencharakter. Druck und Opulenz sind ja ganz ok, aber die Herkunft ist bei diesen Weinen nicht so klar.“

Heinz Frischengruber: „Ich sehe das eigentlich nicht so eng. Der Winzer dahinter ist sehr wichtig. Gesundes Traubenmaterial zeigt Terroir erst, wenn die Primärfrucht abnimmt. Eine gesunde Botrytis beeinflusst das nicht. Das muss der Winzer im Griff haben.“

FJ Gritsch: „Wenn die Trauben aber einmal eintrockenen, würde ich Prädikatswein daraus machen, weil die Botrytis sonst zu dominant wird.“

Heinz Frischengruber: „Weingartenbewirtschaftung, Ertragsbeschränkung und viele Details werden heute anders gehandhabt als vor 20 Jahren. Der Lesezeitpunkt hat sich eigentlich nicht so sehr verändert. Was besser wurde ist die Kontrolle, die Genauigkeit beim Arbeiten und nicht zu vergessen: die Sensorik der Winzer und Weintrinker hat sich deutlich verbessert. Das merkt man vor allem im leichten Bereich. So saubere Steinfedern gab es früher nicht. Der Riesling hat die späteste physiologische Reife von allen. Ab diesem Zeitpunkt, im Durchschnitt der Jahre Anfang Oktober, ist die Pektinreife ok, aber der Aromenaufbau durch enzymatische Prozesse in der Traube, die Nährstoffeinlagerung aus den Blättern, beginnt dann erst. Und diese zusätzliche Hängezeit der an sich reifen, aber geschmacklich noch nicht ausgeprägten Trauben bringt erst jene Komplexität, die wir schätzen. Die Kunst liegt darin, den Weinstock so weit zu bekommen, beste Trauben zu produzieren, denn es ist ja nicht sein ursprüngliches Ziel, uns guten Wein zu schenken.“

Franz Hirtzberger: „2007 haben wir zum ersten Mal nicht die volle Vegetationsperiode für den Singerriedel ausgenützt. Fünf bis sechs Lesedurchgänge sind normal. Im Sommer Grünlese, ab September eine Vorlese für Federspieltrauben, die gehen in den Riesling Steinterrassen. Dann ist es nur mehr eine Frage der Selektion. Wir betreiben einen hohen Aufwand, um besondere Weine zu erhalten. Wir wollen aus dem Singerriedel keinen lockeren Burschen machen; natürlich kann man aus ihm auch gute leichte Weine gewinnen. Aber für die weltweite Aufmerksamkeit braucht es einen gewissen Druck, nicht zu verwechseln mit Alkohol. Daher wird möglichst spät gelesen, um Lage und Klima völlig auszureizen. Heute wissen wir, dass hohe Traubenreife auch für die Entwicklung der Weine entscheidend ist. Eine Zeitlang herrschte der Irrglaube, dass die Säure wichtig ist.“

Josef Högl: „Die physiologische Reife entscheidet auch über das Alterungspotenzial. Denn nur reife Säure bringt’s wirklich.“

Franz Hirtzberger: „Die besten Weißweine der Welt wachsen ja dort, wo sie am längsten brauchen und doch noch vollreif werden. Das ist die Herausforderung in der Wachau: in den Terrassen muss man sich jeden Arbeitsschritt besonders überlegen. Es ist fast ein ständiger Kampf um jede Traube.“