wein.purAusgabe 01/2008

Spektakulär! Gereifter Muskateller

Unerwartete Ergebnisse zeigte eine Verkostung reifer Muskateller – und die Erkenntnis, dass man niemals nie sagen soll …

Als Journalist sollte man sich mit seinen persönlichen Befindlichkeiten zurückhalten und das Thema in den Vordergrund stellen. Und doch ist dies eine zutiefst persönliche Geschichte, eine von Ressentiments, Ablehnung, Annäherung, Erleuchtung und Zuneigung. Die Geschichte meiner Bekehrung zum Muskateller.

„Im Anfang...“

...war das Vorurteil. Muskateller war für mich der Wein, den man im Frühjahr und Sommer als Aperitif in jeder Gastwirtschaft bekommt. Fruchtig, säuerlich, anregend, lustig, aber für mich Wein-Puristen zu belanglos. Ich hielt es mit dem verehr ten Prof. Dr. Rudolf Steurer, der in seinem Standardwerk „Steurers Weinhandbuch“ 1995 über die Lagerfähigkeit von Muskateller schrieb: „Ein Muskateller schmeckt am besten frisch und jung. Denn sein frisches traubiges Aroma bleibt nur etwa zwei bis drei Jahre unverändert und verliert sich mit zunehmender Reife, wobei es dann von einem Altersfirn, eventuell auch mit Petrolcharakter überdeckt wird.“ Ich mochte Muskateller nicht einmal jung, geschweige denn mit Reifenoten. Kein Wein für mich, und da meine Frau ihn als „Spuma“ (italienische Kräuterlimonade) bezeichnete, waren wir uns in unserer Ablehnung einig.

Die Annäherung

Es begann mit der Recherche für die Jungweinnotizen für GENUSS.wein.pur Ausgabe 3/2007. Schon im Traisental stieß ich auf einige beeindruckend strukturierte Muskateller, die meine vorgefasste Meinung nicht bestätigten. Das Gleiche in der Steiermark: Besonders 2006 zeigten viele Muskateller ausgeprägte Mineralität, schöne Struktur und den unnachahmlichen Duft nach Muskat, Rosen – einfach der Inbegriff der Weintraube. Als ich mein zart aufkeimendes Verständnis Gerhard Wohlmuth beichtete (angesichts seiner eigenen Muskateller) und meinte, dass ich diesen Weinen sogar einiges Lagerpotenzial zubilligen würde, schaute er zuerst verständnislos („Glaubt der, dass er jetzt eine Neuentdeckung gemacht hat?“, schien seine Miene auszudrücken), dann fasste er sich: „Natürlich kann Muskateller reifen, wunderbar sogar, nur schreibt niemand darüber, weil sich alle nur auf Jungweine stürzen! Aber ihr von wein.pur seid doch an gereiften Weinen interessiert, macht’s doch was zu dem Thema!“ Die Idee zu dieser Geschichte war also geboren. Und jeder Winzer, dem ich davon erzählte, reagierte begeistert.

Die Erleuchtung

Als Margit und Sepp Mantler von unserem Projekt Wind bekamen, stellten sie sich sofort zur Verfügung, uns für diese Verkostung zu beherbergen. Schließlich besitzt der Mantlerhof eines der umfangreichsten Altweinarchive dieses Landes. „Die Vinothek wurde von meinem Vater ab 1947 immer sehr gut bestückt. Die Weine davor wurden leider von den Russen ,genossen‘. Wir haben ab den Endfünfzigern praktisch alle guten Jahrgänge lagernd und auch auf Anfrage im Verkauf. Das spielt sich meist in der Kategorie ,Geburtsjahrgangsweine‘ in Einzelflaschen ab“, meint Mantler, und: „Außerdem interessiert es mich selber, wie sich die verschiedenen Weine präsentieren.

Muskateller und Traminer waren immer Trendsorten und damit den Modeströmungen unterworfen. Derzeit sind sie wieder stark nachgefragt, aber es gab auch schon andere Zeiten, zum Beispiel in den 80er-Jahren.“ Die Ausschreibung zur Verkostung brachte das erfreuliche Ergebnis, dass wir mehr Weine zugeschickt bekamen als erwartet. Die Steiermark stellte natürlich den Löwenanteil, aber einige Niederösterreicher hielten die blaugelbe Fahne hoch, und auch von den in Wien registrierten 3 Hektar bekamen wir ein Exemplar.

Am 10. November ging es zur Sache, und zwar gleich mit einem Knalleffekt. Der 1957er vom Mantlerhof wies den Weg in ein neues Muskateller-Universum. Unfassbar, dass ein 50 Jahre alter Wein derart jugendlich und voller Spannkraft sein kann, eine fast erschütternde Frische und eines der großen Weinerlebnisse meines Lebens. Die 58er und 59er vom Mantlerhof bestätigten diesen Eindruck in vollem Umfang. Klaus Stumvoll meinte nach dieser ersten Dreierserie, mit der alleine wir uns über 40 Minuten beschäftigten: „Absolut spektakulär. Erlaubt ihr, dass ich mich mit diesen drei Flaschen auf das Sofa zurückziehe?“ Das taten wir nicht, Klaus musste weiterkosten und hat es nicht bereut.

Spektakulär ging es weiter, besonders Manfred Tement mit seinen Muskatellern von der Lage Steinbach beeindruckte das Team. In der 4 Gläser-Kategorie behielt Niederösterreich/Wien gegen die Steiermark übrigens mit 3:2 die Oberhand, die Steiermark hat kein Monopol auf hochwertige Muskateller. Besonders auffallend war, dass die guten Weine ihre Frucht ohne Umschweife und langes Belüften ins Glas brachten, anders als reife Veltliner oder gar Rieslinge, die sich erst allmählich von ihren Sekundäraromen befreien.

Es zeigte sich aber auch, dass der Schnitt der Bewertungen mit abnehmendem Alter der verkosteten Weine immer tiefer wurde. Das liegt hauptsächlich daran, dass vom Jahrgang 2004 eher Weine im „Klassik“-Bereich eingereicht wurden, die an sich nicht auf Lagerfähigkeit ausgelegt sind und tatsächlich besser jung genossen werden. Sepp Mantler: „Ich finde, man merkt ab 2000 schon den Einfluss der modernen Kellertechnik sehr stark. Einige Weine wurden bestimmt scharf entschleimt, hatten keine Maischestandzeit, wurden sehr kühl vergoren und haben nicht die Substanz für längere Strecken.“ Mindestens ein Wein fiel dem Kunststoffverschluss zum Opfer. Außerhalb der Bewertung, weil einsamer Vertreter der schäumenden Weine, blieb der Gelbe Muskateller Sekt 2004 von Steininger in Langenlois. Er bestätigte die Erfahrungen von der Winzersektverkostung in wein.pur 6/2007, dass man Winzersekt eher jung trinken sollte und präsentierte sich recht reif und fruchtarm.

Die Grundlagen

Der Muskateller, seit 1400 in der Wachau nachgewiesen, ist auf der ganzen Welt unter verschiedenen Synonymen verbreitet. Er ist aber eine schwierige Sorte, die Ansprüche an Lage und Böden stellt und mit ihren dünnhäutigen Beeren anfällig auf Frost und Pilzbefall ist. Er braucht kalkfreie Sand- oder Steinböden und liebt es warm, windgeschützt und nicht all zu trocken. Manfred Tement über seine Lage Steinbach: „Das ist tiefgründiger Sandboden, nach Südosten ausgerichtet. Der Muskateller liebt die Morgensonne, weil das ein schnelles Abtrocknen garantiert. Dafür ist es am Abend eher kühl, was der Aromatik auf die Sprünge hilft. Die Höhe von 500 m sorgt auch für eine lange Hängezeit am Stock. Das alles hilft unserem Muskateller zu seiner mineralischen, finessenreichen Ausprägung. Wo es geht, pflanzen wir ihn noch weiter aus.“ Der Ausbau im großen Holzfass ist für Tement die konsequente Umsetzung der Möglichkeiten, welche die Lage bietet. Besonders wichtig für eine gute Lagerfähigkeit des Muskatellers ist hohe physiologische Reife. „Gute Zuckergradation und wenig Primäraromatik sind gute Voraussetzungen für ein langes Leben“, so Tement weiter. „Weil er eh spätreifend ist, eine stabile Aromatik hat und die Frucht sehr gut erhält, sind besonders die reifen Jahre wie 2000 und 2003 im Vorteil, das ist also kein Zufall. Man darf nur nicht ungeduldig sein und gleich das volle Muskateller-Erlebnis einfordern, das entwickelt sich dann eben langsamer.“

Einige Weine entwickelten sich mit Steinobst und Minzenoten eher in die Riesling-Richtung,
was Diskussionen über den Faktor Sortentypizität auslöste. Sie waren aber keineswegs störend und sind laut Tement auch sehr charakteristisch für reifen Muskateller. Beim Alsegg von Mayer am Pfarrplatz könnte man immerhin die benachbarten Rieslingstöcke anführen – ein nicht ganz ernst gemeinter Erklärungsversuch.

Die erwachte Zuneigung

Jedenfalls war diese Verkostung für alle Teilnehmer beeindruckend, und einer ging in seiner Schlussfolgerung sogar so weit zu fordern: „Rodet Veltliner, pflanzt Muskateller!“ Meine persönliche Lehre aus der Verkostung: Muskateller gerne, aber hochwertige und mindestens vier Jahre liegen lassen. Dann beginnt der Spaß so richtig.