wein.purAusgabe 01/2008

Im Westen viel Neues

Die Zeiten der Unberührtheit sind vorbei. Das westliche Weinviertel, gerne auch das „Viertel unter dem Manhartsberg“ genannt, präsentiert sich in neuer Weinqualität.

Das Weinviertel, das nördlichste und zugleich größte geschlossene Weinbaugebiet
Österreichs, ist vielen Weinkonsumenten als friedliche, ruhige Idylle bekannt, mit freundlichen Menschen und einem ordentlichen Reservoir an Weinen, die bis vor wenigen Jahren oft in die Ecke der Massenproduktion gedrängt wurden. Viel ist in letzter Zeit passiert, der Weinriese ist aus seinem Schlaf erwacht und atmet tief durch. Die Luft ist blütenrein, das Wasser plätschert sauber, die Bäume strecken sich gesund, in viele Weinkeller entlang der Kellergassen ist die Sonne eingezogen. Eine junge Winzergeneration hat, seit 2003 unterstützt durch die starke Herkunftsmarke DAC (Districtus Austriae Controllatus), die Lenkräder der Weinbergtraktoren in die Hand genommen und ist am besten Weg in Richtung Weinkostladen Österreichs. Und obwohl im modernen Weinbau neben dem Bekenntnis zur Qualität eine gewisse Austauschbarkeit zunimmt, ist es im Weinviertel allein durch die große Anzahl an eigenständigen Winzerfamilien nicht möglich, an einer Uniformierung der Weinstile zu scheitern. Der Weg ist richtig, das Ziel ist bekannt, der Westen lebt. Über Grünen Veltliner und DAC wurde in wein.pur bereits viel berichtet. Wir erinnern uns gerne an die Jungweinverkostungen im vergangenen Frühjahr, wo echte Höhepunkte aus dem Weinviertel verkostet und in wein.pur Ausgabe 3/2007 vorgestellt wurden. Heute gehen wir einen Schritt tiefer ins Thema und konzentrieren uns auf den westlichen Teil des Weinviertels, regional auch als das „Viertel unter dem Manhartsberg“ bekannt.

Die Rolle des Manhartsbergs

Der Manhartsberg bildet die natürliche Grenze des Weinviertels zum Waldviertel und hat mit seinen 537 Metern Seehöhe wesentlichen Einfluss auf den lokalen Weinbau. An seinen südlichen und südöstlichen Hängen bekommen die Reben tagsüber viel Weinviertler Sonne zu spüren, in der Nacht strömt kühle Waldviertler Luft herab – ideal für die physiologische Reife der Trauben. Die lössbedeckten Urgesteinsböden ergänzen durch einzigartiges Terroir, das sich gerade für Weißwein, vor allem für Grünen Veltliner, Riesling oder die Burgundersorten, als ideal erweist. Zusätzlich unterstützt das warme, kontinental beeinflusste Klima. Vielerorts unbekannt gilt der Retzer Kessel als eines der niederschlagärmsten Gebiete Österreichs und ist im Jahresdurchschnitt wärmer als viele südlicher gelegene Weinbauregionen. Wie das gesamte Weinviertel lässt sich der westliche Teil in einige wichtige Bodenarten gliedern. Den Ursprung bildet das Urgestein der Böhmischen Masse, die im westlichen Weinviertel als grenzzeichnende Höhenstufe zum Waldviertel auftritt. Urgestein besteht vor allem aus Granit, Gneis und Schiefer. Von Maissau über Eggenburg bis zur Tschechischen Grenze bilden immer wieder isolierte Granite den geologischen Untergrund von Weingärten.

In den bekannten Weinbezeichnungen „Urkristall“ oder „Feenhaube“ findet sich diese Geologie wieder. So steht die „Feenhaube“ für eine keltische Kultstätte auf einem Urgesteinshügel nahe Eggenburg. Aus Ablagerungen der Böhmischen Masse bildete sich einst die Molassezone, die vorwiegend aus lockeren Sedimentgesteinen wie Ton, Sand, Kies und Kalk besteht. Darauf wiederum liegt Löss, der wie ein Schleier über dem gesamten westlichen Weinviertel liegt. Löss gilt als guter Wasserspeicher mit ausgewogenem Nährstoffangebot und bildet die Basis für fruchtbare Böden. Viele der alten Kellergassen wurden entlang der steilen Lössflanken in Hohlwegen angelegt, gerne wurden frühere Presshäuser aus ungebrannten Lössziegeln gebaut.

So unterschiedlich die einzelnen Bodenarten sind, so unterschiedlich finden sie sich auch in einzelnen Weingärten wieder. Nordwestlich von Röschitz befindet sich beispielsweise die Lage Reipersberg, deren höher gelegener Bereich, in Terrassen angelegt, aus Urgesteinsböden besteht. Der sanft gegen Süden ausgerichtete untere Teil hingegen ist durch Lössformationen geprägt. Für Winzer sind diese Bödenunterschiede eine interessante Herausforderung und wahrlich nicht einfach in der Bewirtschaftung.

Die Region und ihre wichtigsten Lagen

Die Region Manhartsberg streckt sich vom Süden beginnend von Maissau über Eggenburg und Grafenberg, über Röschitz und Platt entlang nach Schrattenthal und Obermarkersdorf bis hin zur Weinstadt Retz und Unterretzbach, den Ausläufen des Manhartsbergs. An der Spitze der Rebsor ten steht natürlich der Grüne Veltliner, die seit Jahrzehnten regional gebräuchliche Bezeichnung „Manhartsrebe“ beweist die lange Tradition diese Sor te. Lössböden auf Urgestein bilden heute das optimale Terroir für eine unverwechselbare Veltliner-Stilistik. Dabei gibt er sich auf reinen Urgesteinsböden gebündelt, klar und fein ziselier t mit schlankem Körper, auf Lössböden hingegen blumig weich und ausladend mit wuchtigen Ansätzen.

Die besten Lagen liegen entlang der Südhänge: In Maissau der Maissauer Berg und der Juliusberg, beides Urgesteinslagen. In Eggenburg, bekannt für seine mystischen Energieplätze mit Kogelsteinen, befindet sich die Urgesteinslage Königsberg, gleich daneben in Grafenberg die Lösslagen Kogeln und Satzen. Röschitz, bereits 1560 von Kaiser Ferdinand I „für berühmte Weine und treue Dienste für das Haus Österreich“ ausgezeichnet, ist für die Lösslagen Galgenberg, Himmelreich, Hundspoint oder Kellerberg bekannt, die La gen Mühlberg, Reipersberg oder Stoitzenberg sind klassische Urgesteinslagen. In Platt findet man in den Lagen Feuerberg und Nussberg Molasse auf Urgestein, in Obermarkersdorf die Urgesteinsriede Sündlasberg oder Atschbach sowie Ladenbau als robuste Lehmlage. Bemerkenswert in Obermarkersdorf ist vor allem die älteste direkte Nennung einer Weinviertler Weinbaugemeinde: 1171 wurde der Zisterzienserabtei Zwettl ein Weingarten in „Marquartsdorf“ geschenkt, dem heutigen Obermarkersdorf. Die berühmte Retzer Lage Altenberg ist eine der seltenen Gneis-Granitböden mit Sand und Löss. Die Ried Kalvarienberg, berühmt für die Retzer Windmühle, ist eine ideale Urgesteinslage. In Unterretzbach schlussendlich befindet sich die Ried Halblehen aus Sand und Löss.