Es war eine Frage der Effizienz, der Optimierung. Hier, im Heurigengarten, Gäste, die bewirtet werden wollten. Dort, im Weingarten, die schon reifen Trauben, die geerntet werden mussten. Für eine aufwendige Lese, etwa gar selektiv und in mehreren Durchgängen, war ebenso wenig Zeit (und damals wohl auch wenig Verständnis), wie für kunstvolles Verschneiden reinsortiger Weine zu einer Cuvée.
Die Lösung war denkbar einfach und logisch. Verschiedene Sorten in ein und derselben Zeile gemeinsam gelesen – da ist von allem etwas dabei: Der bereits reife Muskateller für die Süße, der noch nicht ganz reife Riesling für die Säure, körperreiche und farbstarke Sorten als willkommene Ergänzung. Der Gemischte Satz war früher DER Heurigenwein. Die Winzer hatten nicht die Zeit, den halben Herbst im Weingarten zu verbringen. Auch für den Absatz musste gesorgt werden. Lesen, keltern, ausschenken. Multitasking. Auch Lebenssicherung spielte eine Rolle. Hauer zählten nicht zu den begüterten Menschen – tatsächlich ist es bis heute nur einigen wenigen Winzern gelungen, ihren Betrieb auf eine ausgezeichnete wirtschaftliche Basis zu stellen. Einer von jenen, der Wiener Winzer Richard Zahel erzählt, dass der unaufwendige Anbau vieler verschiedener Rebsorten in einem Weingarten „früher auch eine Art Sozialversicherung war. Es wurde gemischt bepflanzt, damit man immer irgendetwas hatte, das verwendet werden konnte“. Die Wiener und ihre Gäste pilgern schon seit Langem in Scharen zu den Heurigen. Weniger um großartige Weine zu degustieren, das wäre früher auch nicht leicht möglich gewesen. Sie fühlten sich von der gemütlichen und urtümlichen Atmosphäre angezogen. Auch heute noch sind an einem schönen warmen Wochenende die grünen Bankerl voll besetzt, ob es sich dabei tatsächlich um einen Traditionsbetrieb im alten Stil handelt, oder ob das Lokal mehr oder weniger geschmackvoll „nachempfunden“ wurde.
Der Gemischte Satz ist eine Wiener Spezialität. So wie der Heurige. Buschenschenken gibt es auch in anderen Gefilden. Gemischter Satz wird auch außerhalb der Bundeshauptstadt hergestellt. In Wien wurde jedoch beides zur Institution. Hier hat der Gemischte Satz auch mengenmäßig Bedeutung. Es war daher eine Frage der Zeit, dass sich mehrere ambitionierte Winzer endlich dieser gepflanzten Mixtur annahmen. Franz „Mayer am Pfarrplatz“ war einer der wenigen, die den G’mischten seit vielen Jahren in Ehre hielten und konstant gute Weine dieser Art kelterte. Aber wird der Trend anhalten? Fritz Wieninger : „Ich bin absolut davon überzeugt, dass es sich bei der Renaissance des Gemischten Satzes um keine Modeerscheinung handelt.“ Der Grund: ausgezeichnete Qualitäten und gute Akzeptanz in ganz Österreich und über die Landesgrenzen hinaus. Der Doyen der Wiener Winzer will diese Aussagen nicht nur auf sein eigenes Weingut bezogen wissen, „es gibt auch andere Winzer, die hervorragenden Gemischten Satz machen“. Die Zukunft dieser Wiener Spezialität hat gerade erst begonnen: „Wir haben endlich das – wieder – gefunden was wirklich wichtig ist.“ Für sein eigenes Gut schätzt Wieninger die Bedeutung des Gemischten Satzes sehr hoch ein. Er hat auch vor, gemischt auszupflanzen.
Gemischter Satz ist ein Wein, bei dem das Traubenmaterial von mindestens zwei verschiedenen Rebsorten gemeinsam vergoren wird. Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt. Bei Ludwig Neumayer sind es zwölf: Riesling, Sylvaner, Früher Roter Veltliner, Später Roter Veltliner, Neuburger, Muskat Ottonell, Grauportugieser, Grüner Sylvaner, Muskateller, Lachsfarbener Zierfandler, Grüner und Brauner Veltliner und noch ein paar Rebsorten, von denen der Traisentaler Spitzenwinzer sagt, dass nicht einmal er sie kennt. Vielleicht fielen sie ihm einfach gerade nicht ein, als wir mit ihm sprachen. Dass er wenig Ehrgeiz entwickelte, den im Gedächtnis fehlenden Sorten nachzuspüren, ist logisch. Denn es ist einfach nicht so wichtig. Das Kollektiv ist entscheidend, wie bei einer guten Fußballmannschaft. Alle Trainer – also ein paar Millionen Österreicher – wissen, dass ein Ensemble, das ausschließlich aus Superstars besteht, von einer „zsammghaaztn Par tie“ solider Mittelklassekicker geschlagen werden kann. Genau so müssen wir uns auch den Gemischten Satz vorstellen. Als perfektes Ensemble einzelner Teamplayer ist er imstande, nervöse Stars in den Schatten zu stellen – wenn für ihn die richtige Zeit gekommen ist. Und die ist der laue Nachmittag in der goldenen Herbstsonne oder im Duft des Frühlingswindes. Im lauschigen Garterl an den Steilflanken des Monte Glatzo oder des Leopoldsberges. Wir reden hier die ganze Zeit vom echten Gemischten Satz – nicht von einer Cuvée! Nicht erst in der Gesamtschule wird vermischt, sondern von Geburt an. Das ist bei Winzern eine Entscheidung, die sich nicht ganz einfach von heute auf morgen umsetzen lässt.
Richard Zahel arbeitet seit 10 Jahren an einem Gemischten Satz von höchster Qualität. Die Zeiten, in denen er dafür als „Spinner“ abgetan wurde, sind, Bacchus sei dank, vorbei. In seinem „Rosengartl“ wachsen Zierfandler, Rotgipfler, Traminer, Riesling, Grüner Veltliner, Weißburgunder, Gelber Muskateller, Sylvaner, Grauburgundervarianten und Grauer Portugieser. Die Rebstöcke sind zum Teil über 50 Jahre alt. Auch Speisetrauben werden mitvergoren. Zahel: „Früher waren ja die Speisetrauben auch Teil des Lohnes der Arbeiter, die hat man dann auch teilweise hineingemischt.“ Er ist einer aus der Viererbande Wienwein, sie kämpft den gerechten Kampf um ein neues Image für Wein aus der Hauptstadt. Sein Kumpan Rainer Christ hat auf seinem Weingarten in der Toplage Bisamberg unterschiedlichste Rebstöcke stehen. Die Hauptsorten in seinem „GS Bisamberg Alte Reben“ sind Grüner Veltliner, Riesling, Neuburger und Sylvaner. Wichtige Nebenrollen spielen u. a. Roter Traminer und Roter Veltliner. Er hat den Gemischten Satz aufgewertet, denn früher ist man mit dem Mischsatz auch auf seinem Weingut anders umgegangen. Jene Rebsorten, die reinsortig verwendbar und gerade gefragt waren, wurden herausgelesen. „Viele gingen danach, was trendig war, nahmen das heraus. Das, was übrig blieb, war qualitativ natürlich nicht so überzeugend.“
Die Qualitätsoffensive der Vier hat eingeschlagen.
Der Gemischte Satz wird heute nicht nur
auf der gemütlichen Heurigenbank sitzend getrunken.
Man nippt ihn aus dem Stilglas im
Style-Beisel. Also nur ein Trend? Im Trend – ganz
sicher. Er kam zur richtigen Zeit, als typische
Wiener Ergänzung zu Grüne Veltliner und
Riesling. Aber nicht nur Thomas Podsednik vom
Weingut Cobenzl ist davon überzeugt, dass
diese Weinsorte mehr kann. „Gemischter Satz
ist Wiener Terroir“. Er positioniert ihn dort, wo
der Weinviertel DAC bereits steht. Als Marke.
Auch im Weingut der Stadt Wien hat man sich
für Gemischten Satz entschieden. Dort werden
bis zu 7 Rebsorten miteinander vergoren,
darunter auch der seltene Goldburger. „Riesling
und Grüne Veltliner gibt es woanders auch.
Gemischten Satz nicht.“
Richard Zahel sieht das ähnlich. Terroir wird
bei ihm noch um ein Merkmal ergänzt: „Gemischter
Satz kommt der Lebensfreude der
Wiener entgegen. Er passt ideal zum ‚Schmäh
führen’!“ Fritz Wieninger liefert ein Argument
zur Terroirfrage: „Beim Gemischten Satz
kommt besonders stark der Geschmack des
Bodens, des Terroirs Nussberg zur Geltung.
Kein anderer Wein ist dazu in der Lage. Denn
bei den Reinsorten stehen die Reben im Vordergrund.
Der Kalkanteil im Boden ist am
Nussberg sehr hoch, das kommt im Gemischten
Satz unverfälscht und präzise zum
Ausdruck.“ Der Boden spielt die tragende
Rolle im Unter ton des Weines, was Wieninger
besonders faszinier t. Er gibt zu: „Anfangs
war ich nicht so überzeugt. Erst später, als ich
bemerkt hab, WIE gut er wirklich ist …“ 1999
wurde die Renaissance eingeleitet.
Gemischter Satz befindet sich am anderen
Ende des Kontinuums einer Cuvée: Bei ihr
mischt der Winzer fertige Weine zu einer perfekten
Komposition. Der Gemischte Satz wurde
bereits im Weingarten komponiert – von
Boden, Klima und Wetter. Genau das macht ihn
für Thomas Podsednik so faszinierend: „In Jahrgängen
wie 2006 ist Grüner Veltliner, der große
Beeren hat, stark verrieselt. Damit wird der
Veltliner-Anteil kleiner und der Riesling, der
kleine Beeren hat, ist stärker ver treten. Das
schmeckt man sofort. Und dieses Jahr wird
wieder anders.“ Rainer Christ: „Gemischter
Satz ist der Wein, der alle Ressourcen des
Weingartens ausreizt. Er ist die ideale Spiegelung,
ohne dass eine bestimmte Sorte im Vordergrund
steht.“ Auch so betrachtet passt
Gemischter Satz sehr gut zu Wien. Die heutige
Bundeshauptstadt der Republik Österreich ist
schon seit vielen Jahrhunderten Hauptstadt
der bunten Vielfalt, der Vielzahl an Kulturen und
Nationen•
Gemischter Satz hat nur in Wien größere quantitative Bedeutung: Er wächst auf 46 ha, also 7,5 % der 613 ha Wiener Rebflächen – was trotz des derzeitigen Trends ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr ist.
Der Wiener Heurige:
Der „Wiener Heurige“ ist eigentlich nicht geschützt. Im Grunde kann sich jedes Lokal
„Heuriger“ nennen. Geregelt sind die Bestimmungen für die Buschenschanken: Kaiser Josef
erließ im Jahre 1784 eine Zirkularverordnung, die unter anderem den Weinhauern zu allen
Zeiten des Jahres den Verkauf ihrer selbst erzeugten Produkte erlaubte. Bereits davor durften
die Hauer ihre Weine drei Monate im Jahr ausschenken – die Weine wurden vorher geprüft
und wenn sie der Prüfung stand hielten, wurde der Weinrufer auf den Weg geschickt, um mit
einem Föhrenbuschen die bevorstehende Ausschank anzukündigen. Den Steuereintreibern
erleichterte diese verpflichtende Buschenkennzeichnung die Arbeit. Der Buschen als Hinweis
auf einen offenen Buschenschank blieb. Heute legt das Wiener Buschenschankgesetz genau
fest, was erlaubt ist und was nicht: Buschenschanken müssen in Wien in einem Heurigengebiet liegen und sie dürfen bei den Weinen nur selbst Gekeltertes ausschenken. Eine gewisse Auswahl an Speisen und alkoholfreie Getränke sind selbstverständlich auch erlaubt. Der
Name „Heuriger“ leitet sich vom „Hauer“ ab, nicht vom heurigen Wein. Der aber sehr wohl
als „Heuriger“, das ist der Wein der letzten Ernte, getrunken wird.
Heurigenbetriebe gibt es in Wien 140. Nicht alle entsprechen dem, was viele unter einem
typischen Heurigen verstehen. Seit 2003 gibt es daher den Verein „Der Wiener Heurige“, der
es sich zur Aufgabe gemacht hat, den „Wiener Heurigen“ wieder zu dem zu machen, wofür
er eigentlich steht: Buschenschanken als authentische Orte der Tradition und Gemütlichkeit.