A la CarteAusgabe 01/2007

Zierfandler & Rotgipfler

Den Gumpoldskirchner kennen heute nur mehr Spezialisten; oft wird der Zierfandler
mit Zinfandel verwechselt, dabei ist er ein österreichischer Klassiker.
Text: Josef Obermaier

Gumpoldskirchen liegt im Südosten von Wien. Hier ragt der Anninger mit 674 m aus der Ebene. Er gehört zu einer Reihe von markanten Erhebungen am Ostrand des Wienerwaldes, die von der Thermenlinie bis zum Bisamberg reichen. Die Thermenlinie gibt dem Weinbaugebiet auch den Namen, Thermenregion. Er ist nicht gerade unterscheidungskräftig, doch die Bezeichnung Gumpoldskirchen für die ganze Region wollten die Gumpoldskirchner Winzer – zu Recht – nicht; dennoch bleibt der traditionelle und aussagekräftige Name für die weißen Weine „Gumpoldskirchner“. Die besten Lagen liegen am Hang des Anninger, des östlichsten reinen Kalkalpenberges, damit am Ende der Alpen und am Beginn der warmen Zone, die klimatisch von der ungarischen Tiefebene geprägt wird: Sonnberg, Spiegel, Wiege, Kramer, Goldknöpfel, Rasslerin, Grimmling und Stocknarrn.

Die Weine von seinen Hängen unterscheiden sich von Rieden der Ebene durch ihre ausgeprägte Mineralität. Damit prägen zwei Faktoren den Gumpoldskirchner : Das pannonisch- milde, weitgehend frostfreie Klima und die Kalkböden, die den Weinen ganz andere Nuancen verleihen als etwa die Urgesteinsverwitterungsböden der Wachau. An diese Faktoren haben sich im Lauf der Zeit auch die Rebsorten angepasst.

19. Jahrhundert – Weine mit Weltruf

Der erstmals um 1140 erwähnte Name Gumpoldskirchen leitet sich vom Passauer Bischof Gumpold ab. Im 15. Jahrhundert erreicht der Weinbau eine erste Blüte, Klöster erwarben hier die besten Lagen; so sind etwa die Rieden Wiege und Spiegel auch heute noch im Eigentum der Stifte Heiligenkreuz und Melk. Im 19. Jahrhundert erreichte Gumpoldskirchen als Weinbauor t Weltgeltung: Damals galten im Kaiserstaat Österreich-Ungarn der Tokajer und der Gumpoldskirchner als vorzüglichste Lagen für Weißweine. Beim Gumpoldskirchner stand vor allem der Gerebelte, auch Auslese genannt, vom Riesling und von Traminern hoch im Kurs, und der Gumpoldskirchner Ausbruch wurde in seiner Art öfter der Tokajer Essenz an die Seite gestellt. Eine Gumpoldskirchner Auslese kostete Mitte des 19. Jahrhunderts einen Gulden je Flasche, während die gewöhnlichen Weine zwischen 8 und 20 Gulden je Eimer (etwa 70 l) zu haben waren. Eine Flasche Tokaji Ausbruch kostete damals zwischen 2 und 6 Gulden. Zum Vergleich: Eine Pflegerin im Wiener Krankenhaus verdiente 1887 kärgliche zwölf Gulden monatlich.

Die Sorten Zierfandler (Spätrot) und Rotgipfler

Zierfandler und Rotgipfler sind historisch gut dokumentiert. Sie fanden als „wichtigste Rebsor ten der berühmten Gumpoldskirchner Weine, der Besten von Niederösterreich“ Eingang in den Atlas der Traubensorten, der um > 1875 von Hermann und Rudolph Goethe herausgegeben wurde und das bedeutendste sortenkundliche Werk seiner Zeit für Deutschland und Österreich war. Zierfandler – nicht zu verwechseln mit dem Zinfandel – wurde erst um 1800 im Raum Gumpoldskirchen ausgepflanzt, wo er den bis dahin verbreiteten Heunisch rasch verdrängte. Er wurde zunächst als „Rother Zierfahndler“, gebräuchlicher als Spätrot bezeichnet, dies als Abgrenzung zum Frührot, dem heutigen Frühroten Veltliner (Malvasier). Er wurde vor allem wegen seines hohen Zuckergehaltes geschätzt; in guten Jahren wurden für den Raum Klosterneuburg sogar 25 bis 29 % Zucker angegeben. Die historische Beschreibung von Goethe lautet: „Seine Weine sind feurig, fast zu alkoholreich und enthalten gewöhnlich noch einen Theil des nicht verarbeiteten Zuckers, was ihren Geschmack sehr lieblich macht.“ Der Zierfandler galt als alte, natürliche Kreuzung des Traminers (der Variante Roter Traminer) mit dem Roten Veltliner. Neuere Untersuchungen sprechen von einer Kreuzung einer dem Traminer sehr nahe stehenden, unbekannten Rebsorte mit Rotem Veltliner. Sein alter Name Spätrot hat sich bis heute in der Cuvée (früher ein Gemischter Satz) mit dem Rotgipfler
in der traditionellen Bezeichnung Spätrot-Rotgipfler erhalten.

Der Rotgipfler ist erstmals in der Steiermark um 1840 erwähnt, er gilt heute als natürliche Kreuzung von Traminer und Rotem Veltliner. Im Raum Gumpoldskirchen bis hin nach Klosterneuburg und Baden bildete er einen großen Teil des Rebsatzes. Goethe beschreibt ihn so: „Nach den Klosterneuburger Angaben hat der Most in guten Jahren meist 20 bis 22 % Zucker und 8 bis 9 Promille Säure. Der Wein ist infolgedessen sehr alkoholreich, sehr haltbar und entwickelt in guten Jahren sogar ein feines Bouquet; er ist eine sehr wertvolle Traubensorte, deren Eigenschaften an den Riesling erinnern.“ Beiden Sorten ist heute gemeinsam, dass sie nahezu ausschließlich im Großraum um Gumpoldskirchen vorkommen, sie sind autochthone österreichische Reben. Ob sie tatsächlich aus Gumpoldskirchen stammen, ist zweifelhaft.

Zierfandler und Rotgipfler schmecken trotz ihrer Verwandtschaft nicht nach Traminer. Der Zierfandler ist würziger, körperreicher und strukturierter, typisch sind Aromen nach Stachelbeeren, Ananas, Zitrusfrüchten, auch Steinobst. Rotgipfler weist oft Aromen auf, die gerade in Verbindung mit Restsüße an Birnen erinnern, auch Anklänge nach Spargel, fallweise Orangen, die Weine sind meist sanfter und weniger körperreich als die Zierfandler. In Kombination als Spätrot-Rotgipfler verschwinden dann eher die Aromen des Rotgipflers, der Zierfandler verliert seine manchmal kantigen Noten, kurz, die Beiden passen prächtig zusammen. Beide erreichen in günstigen Jahren auch ohne Botrytis hohe Mostgewichte, sodass eine Spät- oder Auslese keineswegs einem Botrytiswein gleichzusetzen ist.

Was im trockenen Bereich ein Nachteil gegenüber Regionen wie Wachau, Kremstal und Kamptal sein mag, ist im hochreifen Bereich ein Vorteil. Die Spätrot-Rotgipfler bringen auch im höchsten Prädikatsweinbereich noch eine Säurestruktur mit, wie sie sonst nur den Riesling-Trockenbeerenauslesen und den besten Tokajern zueigen ist, wobei der Vergleich mit den > großen Tokajern der bessere ist.

Weinstil heute

Beide Sorten gedeihen auf Kalkböden, die historisch nur für diese Form der Landwirtschaft nutzbar waren, sie sind botrytisanfällig, frostempfindlich und sie verlangen warme Hanglagen. Aus diesen doch anspruchsvollen Vorgaben beider Sor ten erklär t sich auch ihre Problematik: Um überhaupt zu einer befriedigenden physiologischen Reife und als Folge davon zu einem geschmacklich befriedigenden Wein zu kommen, bedarf es einer hohen Zuckerreife. Zudem ist bei beiden Varianten die Säure höher als bei den heutigen Traminern.

Einen leichten, trockenen und doch geschmacklich befriedigenden Spätrot-Rotgipfler vinifizieren zu können, ist keineswegs einfach. Das andere Extrem, ein Spätrot oder Rotgipfler mit gut 14% Alkohol und noch immer reichlicher Säure, ist auch nicht erstrebenswert. Der traditionell restsüße Ausbau liefert Weine mit befriedigender Finesse und Harmonie, die ein Übermaß an Alkohol vermeiden und die merkbare Säure einbinden – und das ist der klassische Stil eines Gumpoldskirchners. Den Vorlieben der Zeit Rechnung tragend
sind heutzutage auch viele trockene Weine – meist mit 5 bis 9 Gramm Restzucker – am Markt, noch trockenere Weine sind nach wie vor Raritäten; ein bisschen mehr Mut der Winzer wäre durchaus gefragt. Neben dem klassischen Ausbau im großen, alten Holzfass oder dem moderneren im Stahltank sind auch im Barrique ausgebaute Weine, vor allem vom Rotgipfler, am Markt. Bei starkem Einsatz von neuen Fässern schmecken sie zu sehr nach Holz; mit den eingereichten Weinen dieser Kategorie konnten wir uns nicht anfreunden. Gleiches gilt für Trockenbeerenauslesen; solche Weine verfügen hier über genügend natürliche Aromen und vor allem über ausreichend Säure, sodass sie den Ausbau in Barriques nicht notwendig haben, er verdeckt hier nur die naturgegebene Finesse dieser Weine. Ein sehr vorsichtiger Ausbau in nur teilweise neuen, größeren Fässern bringt hingegen durchaus akzeptable Resultate.

Der verbreiteten Ansicht, die Weine von Zierfandler und Rotgipfler hätten pauschal die Fähigkeit, auf der Flasche lange reifen zu können, muss man etwas widersprechen. Gewiss, sie halten einige Zeit, aber nicht ewig, am besten trinkt man sie wohl binnen fünf Jahren. Das gilt auch für restsüße Spätlesen, während Auslesen durchaus Potenzial zur langen Reife haben können. Echtes, in Jahrzehnten zu bemessendes Reifepotenzial haben die Hochprädikatsweine, die zudem die Fähigkeit haben, die Restsüße geschmacklich weitgehend einzubinden.