Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

A la CarteAusgabe 04/2006

Vielfalt unterm Klapotetz

Eine Zeit lang wurde die Südsteiermark als steirische Toskana beworben. Was die hügelige Landschaft betrifft, ist dieser Vergleich zulässig. Was die Vielfalt der Weine betrifft, hat das südlichste Weinbaugebiet Österreichs definitiv mehr zu bieten!
Text: Klaus Stumvoll

Die Weine der Südsteiermark stehen als Synonym für Frucht und Frische. Mit der Erfindung des steirischen Junker – gäbe es einen Nobelpreis für Marketingideen, so hätte er sich diesen redlich verdient – wurde dieser Eindruck in den Köpfen der Konsumenten noch tiefgreifender manifestiert. Dem vordergründigen Image stehen mittlerweile eine ganze Reihe herausragender Lagenweine gegenüber, die bereits zahlreich bewiesen haben, dass Sauvignon Blanc, Morillon und auch Traminer aus der Südsteiermark auf internationalem Parkett zu glänzen vermögen.

Mehr Geduld bitte!

Trotz der überdurchschnittlich großen Sortenvielfalt der Südsteiermark – rund 30 Sorten stehen auf nur 1500 Hektar Rebenland – ist das Sortiment für den Konsumenten noch durchschaubar. Bis auf einige Weißwein-Cuvées wird in der Südsteiermark generell reinsortig ausgebaut. Flächenmäßig dominieren Welschriesling und Weißburgunder. Morillon, Sauvignon Blanc und Traminer bilden die qualitativen Spitzen. Nahezu alle führenden Produzenten unterteilen ihr Sortiment in eine fruchtbetonte, ausschließlich im Stahltank ausgebaute Klassik-Linie und die Lagenweine, welche vornehmlich aus Burgundersorten, Sauvignon Blanc oder Traminer entstehen. Meist reifen diese im kleinen oder großen Holz heran. Trotz nachgewiesenem Lagerpotenzial werden die südsteirischen Weine zum Großteil bereits in den ersten ein bis zwei Jahren ausgetrunken. Auch in der Gastronomie findet sich nur ganz selten eine gereifte Flasche Südsteirer auf der Karte. Speziell jene im Holz ausgebauten Weine erleben leider nur in den allerseltensten Fällen ihren optimalen Trinkhöhepunkt, der, je nach Jahrgang, mitunter erst nach fünf bis zehn Jahren erreicht wird. Jedem, dem das leider meist sehr rare Trinkvergnügen gereifter südsteirischer Lagenweine zuteil wurde, kann dies vermutlich uneingeschränkt bestätigen. Der Ball liegt bei den südsteirischen Winzern, ihre Kunden in Zukunft noch nachhaltiger über das Entwicklungspotenzial ihrer Top-Weine aufzuklären.
Andererseits sind alle Weinfreunde aufgerufen, sich der spannenden Begegnung mit gereiften südsteirischen Weinen zu stellen! Werfen Sie einen Blick in den Keller, ob noch eine reife Flasche Zieregg, Hochgrassnitzberg oder Kranachberg auf Sie wartet!

Terra Styriae

Die Vielfalt der südsteirischen Rebenlandschaft spiegelt sich auch im kleinräumigen Mosaik unterschiedlichster Bodentypen und -zusammensetzungen wider. Im groben Überblick unterscheiden wir zwischen vier Bodenarten: Tonmergel, Muschelkalk, Sand/Schotter und Schiefer.

Das Gebiet der heutigen Südsteiermark war vor rund 15 Millionen Jahren vom Urmeer bedeckt. Im Laufe der Jahrmillionen wurden große Mengen an Feinteilen am Meeresboden abgelagert. Das Meer wurde immer seichter und trocknete schließlich aus. Unter dem hohen Druck des abgelagerten Materials wurden die Feinteile zu Stein gepresst. Die so verfestigten Tonmergel werden in der Südsteiermark heute als Opok, manchmal als Silt bezeichnet. Stellenweise finden sich Muschelkalkböden, die aus verwitternden Korallenriffen entstanden und reich an Muschelresten sind. Vorzufinden sind diese beiden Bodentypen, deren Kalkgehalt meist sehr hoch ist, vor allem in den südlichsten Anbaugebieten entlang der slowenischen Grenze, etwa zwischen Leutschach, Gamlitz und Spielfeld, sowie am Flamberg, in der Nordostecke des Sausals. Meist sind es sehr warme Böden, die den Trauben optimale Reifebedingungen bieten. Durch den hohen Kalkgehalt im Boden wirkt die Säure der Weine meist harmonisch rund und ausgewogen.

Die dritte wichtige Bodengruppe in der Südsteiermark sind die sandig-schottrigen Böden, welche überwiegend aus Abtragungsmaterialien der nahen Koralpe entstanden sind. Diese Böden sind eine bunte Mischung aus Sanden, Sandsteinen, Kiesen, kristallinem Glimmer und Konglomeratgesteinen. Für den Weinbau sind die durchlässigen Böden recht interessant, da sie nur sehr wenig Wasser speichern und so den Rebstock dazu zwingen, tief in den Untergrund einzuwurzeln. Dieser Bodentyp ist nördlich der Linie Arnfels – Leutschach – Gamlitz vorzufinden. In diesen Weinen findet man häufig eine auffällige mineralische Komponente, die in Form einer typischen Salzigkeit zum Ausdruck kommt.

Erdgeschichtlich um ein paar hundert Millionen Jahre älter finden wir als vierten wichtigen Bodentyp im Bereich des Sausals um Kitzeck, am Remschnigg und in der Region Kittenberg/Kogelberg bei Leibnitz Böden aus kristallinem Schiefer. Diese Böden sind völlig kalkfrei und bringen eine ganz eigenständige, sehr kühle und feinmineralische Charakteristik in die Weine.

Die wichtigsten Grand Crus

Hochgrassnitzberg
Nach Südwesten geneigte Hanglage in Spielfeld, auch kurz HG genannt. Es dominieren lehmreiche Böden, stellenweise sind auch sandige Muschelkalk-Verwitterungsböden zu finden. Auf der rund 16 Hektar großen Fläche dominieren Sauvignon Blanc und Morillon.
Zur Stilistik der HG-Weine meint Walter Polz: „Morillon und Sauvignon Blanc reifen am HG zur absoluten Perfektion heran. Beide Sorten werden bei uns im großen Holzfass ausgebaut und erbringen so Weine mit konzentrierter, intensiver Frucht aus handerlesenem Traubengut.“

Hochsulz
Steil abfallender Südkessel in Sulztal. Die rund fünf Hektar Weingärten werden zum Großteil vom Weingut Dreisiebner Stammhaus, ein kleiner Teil von Walter Skoff bewirtschaftet. Die vorhandenen Sand- und Tonböden sind aus Meeresablagerungen entstanden. Die Lage ist klimatisch von Norden gut geschützt, sodass die Trauben regelmäßig optimal ausreifen und eine besonders späte Ernte möglich ist. Sauvignon Blanc, Morillon und Muskateller finden die besten Voraussetzungen.

Kranachberg
Zahlreiche Einzelparzellen ziehen sich entlang der Hügelkuppe über den gesamten Höhenrücken des Kranachberges. Die meisten Weingärten sind nach Süden, Südosten und Südwesten steil abfallende Kessellagen, eingerahmt von üppiger Waldvegetation. Mit rund 115 Hektar Rebfläche handelt es sich um die größte Weinbergslage der Südsteiermark. Die Böden bestehen überwiegend aus sandigschottrigen Abtragungsmaterialien der Koralpe. Speziell dem Sauvignon Blanc dürften diese Bedingungen sehr entgegenkommen. Von den rund 15 Winzern, die derzeit Weingärten am Kranachberg bewirtschaften, zählen Willi Sattler, Hannes Sabathi und Peter Skoff zu den herausragenden Produzenten.

Oberburgstall
Eine der kleinsten Top-Lagen der Südsteiermark wird derzeit zur Gänze von Hannes Harkamp bewirtschaftet. Die nach Süden ausgerichtete Kessellage gehört zum Sausal und damit zum Nordrand des südsteirischen Weinanbaugebietes. In den besonders kalkreichen Sandsteinböden findet man zahlreiche Muscheln und Koralleneinlagerungen.
Hannes Harkamp zum Lagencharakter: „Oberburgstall bringt Weine in hoher Reife, mit cremiger Textur, einer spürbaren mineralischen Komponente und entsprechender Länge.“

Pössnitzberg
Der Pössnitzberg besteht aus zahlreichen, extrem steilen Kessellagen, die von Südosten bis Südwesten geneigt sind. Typisch für diese Lage ist der blaugrau gefärbte, kalkhaltige Opok, der durch seine poröse Struktur den Rebwurzeln auch ein tieferes Eindringen in vorhandene Bodenspalten ermöglicht. Am Pössnitzberg dominieren Sauvignon Blanc und Morillon.
Erwin Sabathi zur Besonderheit des Pössnitzberges: „Die Weine weisen eine hohe, aber keine laute Sortentypizität auf, sind langlebig und besitzen eine süßliche, warme Aromatik. Durch die hohe Mineralität im Boden ist auch eine deutliche Salzigkeit im Geschmack spürbar.“

Ratscher Nussberg
Dreigeteilte Kessellage direkt beim Weingut Gross. Es gibt hier keine homogene Bodenstruktur. Im oberen Hangteil findet man kalkarmen Lehm, im unteren Hangbereich verwitterte Kalksandsteinböden. Bei Grabungsarbeiten stieß man auf Tuffablagerungen aus vulkanischer Asche, welche aus der Südoststeiermark angeweht worden sein dürften. Mit 14 Hektar Rebfläche bewirtschaftet Alois Gross den Löwenanteil der Lage, deren Weincharakter er folgendermaßen beschreibt: „Der Nussberg bringt eher weichere körperbetonte Weine, die sich in der Nase zunächst verhalten zeigen, aber durch ihr Entwicklungspotenzial und ihre Haltbarkeit überzeugen. Der stellenweise hohe Kalkgehalt in den Böden bringt zusätzlich eine bemerkenswerte Mineralität und Kernigkeit in die Weine.“

Zieregg
Direkt unterhalb des Weingutes Tement breitet sich die Lage nach Süden und Südwesten aus. Die warmen, trockenen und kalkreichen Böden bieten perfekte Bedingungen für die Rebsorte Sauvignon Blanc, die knapp Dreiviertel der Gesamtfläche in Anspruch nimmt. Im oberen Teil der Lage dominieren Muschelkalkböden, der untere Teil des Hanges besteht aus verfestigtem Tonmergel, dem so genannten Opok.
Manfred Tement zur Lagencharakteristik: „Die Weine aus der Lage Zieregg bringen eine besonders auffällige Terroir-Ausprägung. Durch den Ausbau im Holz, egal ob im Barrique oder im großen Holzfass, entstehen hier äußerst langlebige Weine, die erst im Alter ihre wahre Größe zeigen.“

Ruhm, Erfolge & Zukunft?

Während es eine Hand voll südsteirischer Winzer bereits vor gut 20 Jahren geschafft hat sowohl national wie auch auf internationalen Märkten Fuß zu fassen, steht heute eine ganze Schar junger Winzer an vorderster Front, um das Bild des steirischen Weines in Zukunft mitzuprägen. Auch die im Weinbau derzeit allgegenwärtige Tendenz einer Rückbesinnung auf biologische und biodynamische Produktionsmethoden hat trotz klimabedingter Schwierigkeiten vor der Südsteiermark nicht Halt gemacht. Eine überaus engagierte Gruppe von Winzern rund um Sepp Muster, Karl Renner und Andreas Tscheppe zeigt mit ihren Weinen schon recht eindrucksvoll, dass dieser schwierige Weg auch in der Südsteiermark von Erfolg gekrönt sein kann. Hier darf man in Zukunft sicherlich auf so manches spannende, wie unkonventionelle Ergebnis gefasst sein. Wie sieht nun die Zukunft des südsteirischen Weines aus? Wir haben dazu einige arrivierte Top-Winzer und junge Aufsteiger befragt:

Hannes Dreisiebner, Sulztal: „Die Steiermark hat als kleines Gebiet eine große Chance durch ihre besonderen Spezialitäten. Das internationale Angebot ist groß und der Markt steht gehörig unter Druck. Wir haben viele Möglichkeiten mit Nischenprodukten aus unseren Top-Lagen. Ein großes Potenzial liegt natürlich auch im Weintourismus.“

Daniel Jaunegg, Eichberg-Trautenburg: „Es trennt sich nun die Klasse von der Masse und wer in der Masse mitschwimmt, wird sich in Zukunft schwer tun. Gute Weine sind überall gefragt. Der bedeutendste Wein der Südsteiermark auf dem internationalen Markt ist ohne Zweifel der Sauvignon Blanc.“

Wolfgang Maitz, Ratsch: „Die Verschluss-Thematik ist voll im Rollen und wie es aussieht macht der Drehverschluss das Rennen. Auch müssen wir wieder mehr auf die Natur hören. Biodynamik ist ein Schlagwort, das auch bei Großproduzenten für Nachdenklichkeit sorgt, im Weingarten wie auch im Keller.“

Erich & Walter Polz, Spielfeld: „Unverzichtbar ist die Konzentration auf unsere typischen steirischen Rebsorten. Es kommt unumstritten Qualität vor Quantität. Die Terroir-Unterschiede werden heute besser herausgearbeitet. Neben den qualitativ hochwertigen Weinen wird auch in den Bereichen Gastronomie und Hotellerie verstärkt in Qualität und Individualität investiert.“

Erwin Sabathi, Leutschach: „Qualität und Nachfrage sind in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen. Der Weinbauer musste sich auch kaufmännisch weiterentwickeln. In punkto Qualität wird die Südsteiermark sicher noch stärker werden. Die Anzahl der Nebenerwerbsbetriebe wird sich verringern und somit das Gesamtqualitätsniveau weiter steigern.“

Markus & Peter Skoff, Gamlitz: „Es wurde in den vergangenen Jahren besser auf die unterschiedlichen Jahrgänge, Lagen, Sorten und Ausbauweisen eingegangen. Es wird immer wichtiger, das nötige Fingerspitzengefühl und das Know-how zu haben, um auch in anspruchsvollen Jahren die Konsumenten positiv überzeugen zu können.“

Walter Skoff, Gamlitz: „Die Hektarerträge sind deutlich – zum Teil weit unter die Grenzen des Weingesetzes – gesenkt worden. Man hat damit begonnen, qualitativ mehr aus den einzelnen Lagen herauszuholen und spezifische Lagencharakteristiken zu entwickeln. Der Kunde kauft sich nicht mehr einen Wein vom Betrieb X, sondern er kauft sich die Lage Y von den Betrieben 1, 2, 3. Die Lage selbst ist eine Marke, nicht nur der Betrieb.“

Manfred Tement, Berghausen: „Die etablierten Betriebe haben eine internationale Größe erreicht und nun rücken viele steirische Jungwinzer nach. In Zukunft werden wir uns auf die steirischen Leitsorten konzentrieren. Für Burgundersorten, eventuell auch als Cuvée, und sortenreinen Welschriesling sehe ich ebenfalls eine Zukunft. Letzterer hat auch
als Cuvée mit Sauvignon Blanc oder Muskateller recht gute Chancen als Alltagswein“.