Muskateller auf dem Vormarsch: Jüngst widmen sich immer mehr Winzer dem aromatischen Darling
der vinophilen Gesellschaft. Aroma allein macht aber noch nicht glücklich,
ein Topmuskateller braucht
auch Saftigkeit und Struktur.
Text: Peter Schleimer
Aroma ist angesagt: Was vor gar nicht langer Zeit noch undenkbar war, ist heute zum Teil schon vinophiler Hype. Nach dem bemerkenswerten Comeback des Sauvignon Blanc in den 1990er-Jahren erlebten zuletzt auch die Vertreter der Muskat-Familie eine Renaissance. Mittlerweile zählen die elegant-aromatischen Vertreter aus dieser Familie zum Standardinventar auf den Weinkarten der gehobenen Gastronomie, wo sie mehrheitlich als Aperitifweine angeboten werden.
Die organoleptische Kehrtwendung der vinophilen Konsumenten und die folglich stark steigende Nachfrage führte auch auf Winzerseite zu einem Run auf Muskateller – nicht nur in der Steiermark, die dem Muskateller auch in schlechten Zeiten die Treue gehalten hatte, sondern auch in praktisch allen anderen Weinbaugegenden Österreichs, wobei vor allem die niederösterreichischen Winzer sehr regen Rebennachwuchs am Muskatellersektor verzeichnen konnten. War die grüne Weinmark noch um die Jahrtausendwende mit etwa 60 Prozent Anteil tonangebend bei dieser Sorte, dürfte sie mittlerweile – zumindest in absoluten Zahlen – vom blau-gelben Weinbundesland überholt worden sein. Wie viel Hektar der Muskateller aktuell beansprucht, kann nur gemutmaßt werden, da die Rebflächenzuwächse in den letzten Jahren derart markant waren. Laut Bundesministerium (Umstellungsänderung 1999–2006, ausgepflanzte Flächen, nicht notwendigerweise im Ertrag stehend) gab es in dem genannten Zeitraum einen Zuwachs um gut 150% auf gut 360 Hektar, doch sind auch in den letzten Jahren eine Reihe weiterer Auspflanzungen erfolgt, sodass die Gesamtfläche inzwischen durchaus auch schon jenseits der 400 Hektar liegen könnte.
Das wachsende Engagement in Sachen Muskateller ist deutlich erkennbar: In den letzten Jahren haben viele Weingüter den aromatischen Darling der Gesellschaft neu ins Programm aufgenommen. Wurden bereits bei unserer vorjährigen Sortenverkostung fast 100 Proben eingereicht, so stieg diese Zahl heuer auf etwa 140.
Die Beliebtheit des Muskatellers ist leicht nachvollziehbar, weiß die Sorte doch mit ihrer frischen, eleganten Aromatik zu verführen. Außerdem sind die Weine mit einer knackigen Säure ausgestattet und ziemlich moderat im Alkoholgehalt, was daran liegt, dass der Muskateller – soferne botrytisfreies Traubenmaterial verwendet wird – selten mehr als 12,5 Volumsprozent Alkohol aufweist. Somit eignet sich die Sorte ideal zur Erzeugung unmittelbar ansprechender, unkomplizierter Sommer- und Aperitifweine, wofür sie auch mehrheitlich herangezogen wird. Doch hat der Muskateller auch wesentlich mehr zu bieten: In Toplagen – bevorzugt mit alten Reben – kann sie bei sorgfältiger und sortengerechter Pflege sowie hoher physiologischer Reife auch komplexe, mineralische Kreszenzen hervorbringen, die trotz moderaten Alkoholgehalts eine erstaunlich gute Lagerfähigkeit aufweisen. Voraussetzungen dafür sind allerdings eine gerade bei dieser spät reifenden und potenziell reich tragenden Sorte entsprechende Mengenbeschränkung, eine sehr späte Lese sowie die Verarbeitung absolut sauberen und gesunden Traubenmaterials, also penibler Selektion. Gerade der eher kühle und nasse Jahrgang 2008 verlangte den Winzern diesbezüglich äußerst viel Fingerspitzengefühl und Flexibilität ab.
Ungetrübte Freude herrschte bei unserer Sortenverkostung nicht: Etlichen Muskatellern fehlte es ganz offensichtlich an Reife, Substanz und Länge, was teils wohl auf einen zu frühen Erntezeitpunkt, teils auf einen Überbehang zurückzuführen sein dürfte. Eine Reihe von Weinen wies auch markante reduktive Töne auf, die die an sich elegante Sortenaromatik oft plakativ verstärkten.
Andererseits wurden uns auch viele erfreuliche Kosterlebnisse beschert: Auf der einen Seite eine Gruppe von beschwingten, lebhaften Sortenvertretern mit verspielter Frucht, die sich vor allem für jungen Trinkgenuss anbieten, auf der anderen Seite eine überschaubare Gruppe von Weinen, die mit Tiefgang und Vielschichtigkeit bestachen. Einige der bekannten Lagenmuskateller – mehrheitlich aus der Steiermark – waren Fassproben und noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung.
Was ein Jahr mehr an Reife bringen kann, zeigte der von uns eingeschleuste Polz Grassnitzberg 2007, der im Vergleich zum Vorjahr einen Punkt zulegte und noch weitere Reserven hat. Bei unserem Muskateller-Finale im März ragten drei mit kristallklarer Sortenfrucht und präziser Struktur beeindruckende Weine aus dem Spitzenfeld hervor, die nicht nur von der offensichtlich makellosen Pflege und Verarbeitung der jeweiligen Winzer profitiert hatten, sondern auch sonst einige Gemeinsamkeiten aufwiesen: Alle drei Sortenvertreter stammen aus nach Süden bzw. Südwesten ausgerichteten, gut durchlüfteten Höhenlagen mit durchlässigen Böden: Bei Lackner-Tinnacher kommen die Trauben für die Steirische Klassik von jüngeren Reben aus der guteigenen Muskateller-Paradelage Gamitz (der Lagenwein von alten Reben wird erst später herausgebracht), die einen kargen Sandboden mit schottrigen (teils als Schotter-Konglomeratbänke) Anteilen aufweist, bei Gerhard Wohlmuth von alten Reben der Lage Steinriegl, wo paläozoischer Schiefer mit einer dünnen Auflage von lehmigem Sand bedeckt ist, und im Fall von Johann Schmelz aus der mit sandigen Verwitterungsböden versehenen Lage Postaller.
Hinter diesem Trio konnten neben steirischen Sortenspezialisten wie Polz, Tement, Sabathi, Peter Skoff etc. sowie dem auch für Muskateller bekannten Karl Lagler auch einige zumindest für Muskateller weniger bekannte Winzer aufzeigen, allen voran Harald Ernst mit seiner Jungfernlese.
Die Verkostungsergebnisse im Detail (pdf, 1,2 MB)