Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

Vinaria Ausgabe 01/2009

Thermenregion aktuell: Reserviert die Reserven!

Unter Patronanz des Weinforums Thermenregion hat sich VINARIA wieder einmal mit einer der anerkannten Stärken des Weinbaugebietes an der Südbahn befasst, nämlich den kräftigen, trockenen Weißweinen – mehrheitlich aus der Reserve-Kategorie und überwiegend aus den aktuellen Jahrgängen 2007 und 2006.

Als für die weißen Reserveweine prädestinierte Rebsorten standen die Burgunderfamilie sowie die autochthonen Spezialitäten Rotgipfler und Zierfandler zur Verfügung. Alles in allem hat die gedeckte Verkostung einer durchaus repräsentativen Auswahl eben dieser Gewächse schöne bis ausgezeichnete Resultate gezeitigt, wie bereits die Empfehlung im Titel erwarten lässt.

Über den Verlauf der Jahrgänge 2007 und 2006 in der Thermenregion gibt es kaum etwas Regionalspezifisches zu berichten, das nicht ohnehin schon in den zahlreichen Jahrgangsberichten über das niederösterreichische Weinland im Allgemeinen gesagt worden wäre. Wenn man sie dennoch kurz Revue passieren lässt – und dies unter besonderer Bedachtnahme auf die erfreulichen Verkostungsergebnisse –, so fällt auf, dass 2006 seinem Ruf als ganz großer Jahrgang wieder einmal gerecht geworden ist. Über alle Rebsorten hinweg haben die 2006er enorme Extraktfülle, engmaschige Struktur und im Regelfall, was für die Südbahn nämlich nicht selbstverständlich ist, auch einen entsprechenden Säurerückhalt geboten, sodass sich eine bezwingende Balance der Inhaltsstoffe und beeindruckende Länge bereits in ihrer Jugend abzeichnen, wobei kaum ein Repräsentant als zu opulent oder überladen oder gar vom Alkohol dominiert wirkte. Zweifellos ein Jahrgang, der auch für die längere Lagerung trockener Weißweine geradezu prädestiniert erscheint, und ebenso sicher ein Jahr, an das wir uns noch lange mit Freude zurückerinnern werden.

Flotte 2007er – viel Licht und ein wenig Schatten.

Dem schwierigeren Witterungsverlauf im Jahr 2007 entsprechend war das Qualitätsniveau der aus diesem Jahr vorgestellten Proben deutlich heterogener. So haben wir Ihnen auch die Beschreibung einiger einfacher gestrickter Tropfen erspart, die zwar nicht wirklich als fehlerhaft einzustufen waren, aber doch mit gewissen Mängeln à la leichter Böckser, überreduktiver Charakter oder einfach zu neutraler Art und dünnem Körper behaftet waren, die sie nicht gerade zu Vorzeigemodellen dieses Weinbaugebietes werden lassen. Darunter fallen auch durchaus saubere Weinchen einfacherer Bauart, die wir an einem groben Heurigentisch keinesfalls verschmähen würden, nur damit wir uns recht verstehen. Die überwiegende Zahl der vorgestellten Weine fiel freilich in die Kategorien Gut bis Sehr gut, gekrönt von einigen ausgezeichneten Spitzen, die auch gehobensten Ansprüchen gerecht werden: Im Allgemeinen waren sie durch mittlere bis gute Substanz, klare Struktur und saftige Fruchtfülle, gestützt durch eine angenehm rassige Säurestruktur, gekennzeichnet. Eben die zuletzt genannte Rasse tut den diesbezüglich ohnehin manchmal etwas minderbemittelten Südbahnweinen sehr gut und trägt zu ihrer eleganten Erscheinung und frühzeitigen Harmonie entscheidend bei, sodass die weißen Reserveweine aus 2007 in der Thermenregion qualitativ ein wenig über dem nie-
derösterreichischen Durchschnitt zu liegen kommen.

Wankelhafte Burgunder, superbe Rotgipfler und kapriziöse Zierfandler.

Beginnen wir den Reigen der Rebsorten mit der an sich ebenso zufrieden stellenden wie kontroversiell auftretenden Gruppe der Chardonnays. Wer von einem anderen Stern – oder sagen wir: von Neuseeland kommend – als geschulter Weinverkoster nach Baden gebeamt worden wäre, wäre aufgrund der vorherrschenden Mixtur von Stilrichtungen wohl alsbald der völligen Verwirrung anheimgefallen. Dies ist aber eher als Feststellung denn als Kritik zu verstehen, da sich doch eine ähnliche Vielfalt von Chardonnay-Stilübungen von Belgien bis Feuerland auftut, und so gibt es eben auch an der Südbahn sehr kraftvolle, mehr oder weniger im neuen Holz ausgebaute Varianten, für die beispielsweise der Jahrgang 2006 bestens geeignet war. Die meisten von ihnen vermeiden zu starke Eichenlohe oder dominante Röstnoten des Toasting und lassen auch der Frucht, zumindest im Hintergrund, ihren Raum, womit sie ein durchaus ausgewogenes Geschmacksbild realisieren. Freilich gibt es auch beinhart reduktive, offensichtlich im Stahltank ausgebaute Chardonnays, die sich teilweise sehr temperamentvoll und kernig zeigten, wie es eben dem straffen und nervigen Jahrgang 2007 entspricht. Selbstverständlich gibt es auch Winzer, die ganz bewusst den Kompromiss zwischen forciertem Holzausbau und allzu reduktiver Richtung gesucht und zum Teil auch mit geschickter Hand gefunden haben – ein Musterbeispiel dafür sind beispielsweise die beiden 2007er-Chardonnay-Varianten von Karl Alphart; etwas mehr Holz, aber in überaus fruchtsüßer und geschmeidiger Verpackung, weisen die Grande Reserve von Harald Zierer und der Lores von Johann Reinisch auf, die alle Vorzüge des Jahrgangs 2006 ausspielen. Als Musterbeispiel für einen charmanten, ganz dem Fruchtspiel verpflichteten Chardonnay lässt sich der 2007er von Johann Gisperg hervorheben.

Eine etwas enttäuschende Vorstellung haben im Großen und Ganzen die Weißburgunder abgeliefert, von denen viele Weine seltsam blass und ausdrucksarm auf den Gaumen trafen. Obwohl in dieser Sortengruppe mit dem Holzeinsatz (verständlicherweise) eher gespart wurde, traten auch Fruchtnuancen nur recht zögerlich zutage; die wohltuenden Ausnahmen bildeten der nahezu Auslese-Charakter beweisende, ungemein druckvolle und lange Höfen 2006 von Johann Stadlmann und der pikante wie zupackende 2007er BT von Lukas Wasinger aus Gießhübl. Als höchst schmackhafter und bemerkenswerter Solitär trat der einzige Pinot Gris in Erscheinung, den Gustav Krug trotz kräftigen Holzeinsatzes zu einem saftigen Wein mit viel Tiefgang und schönen Facetten vinifiziert hat.

Nahezu aus einem Guss präsentierten sich die in den beiden letzten Jahrgängen offenbar ungemein verlässlich auftretenden Rotgipfler, die satten Körperreichtum mit Definition und ausgesprochen transparenter Fruchtbrillanz zu verbinden verstehen, sodass erstaunlich harmonische wie eindringliche Gewächse die Folge waren: Als Musterbeispiele fungieren hier wieder, wie nicht anders zu erwarten war, die meisterhaften Rotgipfler-Varianten von „Altmeister“ Karl Alphart; aber auch die Reserven vom Johanneshof, der Flamming von Leopold Aumann, der Privat von Gustav Krug, der Rodauner von Harald Zierer sowie die Reserve von Othmar Biegler bestechen durch ihren bildhübschen Fruchtcharme und satten Schmelz.
Von den wenigen Cuvées aus dem Gumpoldskirchner Traditionsmix Spätrot-Rotgipfler, den es ja im Gemischten Satz praktisch nicht mehr gibt, überzeugten in erster Linie der hochreife und mächtige, ausnahmsweise halbtrocken gehaltene 2006er von Richard und Hannes Thiel wie auch die beiden stilsicheren Varianten von Johannes Gebeshuber, der den Holzeinsatz nunmehr schon sehr geschickt zu dosieren versteht. Wohl am besten an dieser Stelle hervorzuheben wäre auch die ungewöhnliche Melange aus Zierfandler und Chardonnay, wie sie der Pfaffstättner Winzer Leopold Kernbichler vorgestellt hat: satte Marillenfrucht und Opulenz sowie feine Linien stehen für dieses gelungene Experiment.

Etwas stärker durch den Wechsel von Licht und Schatten geprägt war die Serie der Zierfandler, was ebenfalls keine Überraschung darstellt. Auch hier ist gleich wieder das Weingut Kernbichler mit einem ungemein pikanten und fruchtsüßen 2007er (halbtrocken) an vorderster Stelle zu nennen, aber auch der Zitrusfrucht verwirklichende Zierfandler-Typ von Leopold Aumann beweist seine Meriten; an der Schwelle zum großen Wein steht der einzige 2005er-Zierfandler, nämlich die Große Reserve von Johann Stadlmann, die nunmehr die ersten Facetten ihrer Pracht und Herrlichkeit freigibt und offensichtlich für die Ewigkeit ausgebaut sein dürfte.