Bei aller berechtigten Euphorie über autochthone, österreichische Weine, sollte man die traditionellen Burgundersorten in Weiß nicht unterschätzen. Die Reservekategorie ist mit 2006, 2005 und 2004 zum VINARIA-Jahrgangscheck angetreten, wieder einmal konnten vor allem die ausgewiesenen Burgunderspezialisten reüssieren.
Chardonnay, Weiß- und Grauburgunder führen zwar ein gewisses Schattendasein in der heimischen Weinlandschaft, in der Nische der charakterstarken Reserveweine können sie aber großartige Weine hervorbringen, die auch internationale Vergleiche mit Topweinen nicht zuscheuen brauchen. In der gerne als „klassisch“ eingestuften Kategorie können weiße Burgunder hingegen kaum reüssieren, kein Wunder, benötigen diese Sorten doch relativ hohe physiologische Traubenreife und längere Ausbauzeiten, um ihre Stärken bezüglich Aromatik und Tiefgang voll auszuspielen. VINARIA konzentriert sich daher auch dieses Jahr auf die Reservekategorie und hat mit dem Jahrgangsduo 2006 und 2005, sowie einigen bemerkenswerten Nachzüglern aus 2004 gut 90 Weine in getrennten Sortengruppen und Jahrgängen blind degustiert.
Bezüglich der Sauberkeit des Traubenmaterials - Stichwort Botrytis – kommt dem viel gelobten Jahrgang 2006 auch beim Thema Burgunder besondere Bedeutung zu, vereint doch dieser gleich mehrere besonders positive önologische Faktoren, nämlich relativ hohe Säure, eine perfekte Reife und blitzsauberes Traubengut, für hochwertige Pinots und Chardonays unabdingbar.
Fritz Wieniger, mit seinem Chardonnay Grand Select 2006 der Gesamtsieger unserer Probe sieht das naturgemäß genau so, „ 2006 war bei uns ein Topjahrfür hochwertige Burgundersorten, die wärmeren Jahre ergeben vor allem bei alten Rebstöcken meist auch die spannenderen Weine, ein kühler Hochsommer und ein konzentrierter Herbst mit stabilem Wetter, einfach perfekt. “Da war 2005 bekanntlich aus ganz anderem Holz geschnitzt, Botrytis war teilweise ein großes Problem, freilich nicht überall, wie zum Beispiel in burgenländischen Burgunderhochburgen, wo zumindest der späte Botrytisdruck dank Reifevorsprung kaum Thema war.
Die steirischen Winzer hatten 2006 weit weniger zu lachen, ein Adriatief brachte bekanntlich teils massive Niederschläge, die eine rigorose Auslese in mehreren Durchgängen notwendig machte, immerhin war die Regenperiode in der grünen Mark zur Lesezeit etwas kürzer als 2005. Umso bemerkenswerter sind die guten Bewertungen der Steirer, allen voran der Chardonnay Grubthal 2006 von Reinhard Muster (muster.gamlitz): „2006 war letztlich für mich schon ein Topjahr, aber erst nach bis zu fünf(!) Lesedurchgängen war das Traubenmaterial so, wie ich es haben wollte, eine schwierige Lese und ein wahnsinnige rAufwand“, es hat sich offensichtlich ausgezahlt. Kollege Christoph Neumeister, unter anderem mit dem Grauburgunder Saziani erfolgreich, sieht das genauso: „ Der Selektionsaufwand war beträchtlich, günstig war 2006 sicher der insgesamt recht lange Vegetationszeitraum, der sich auf die alkoholstarken Reserveweine in Punkto Balance recht positiv ausgewirkt hat.“ Auch die etwas reiferen Nachzügler aus 2004 konnten in der Spitze überzeugen, wie Familie Alphart aus Traiskirchen oder der Rohrendorfer Hermann Moser unter Beweis stellen.
Die besten Interpretationen der Reserven in Weiß brachten bei unserer Verkostung alle Eigenschaften mit, die man sich von Spitzenweinen dieser Kategorie erwarten darf, nämlich Eigenständigkeit, Tiefgang, Harmonie und ein ordentliches Potenzial für längere Flaschenreife. Dieser Anspruch ist auch gerechtfertigt, schließlich wenden sich die Produzenten mit ihren Topburgundern ohnehin an ambitionierte Weinfreunde, die auch die internationale Qualitätselite beim Trinken und Vergleichen mit österreichischen Gewächsen nicht ausblenden. Wobei der stilistische Zugang zu Sorte und Ausbaustil, zumindest in der Spitze, ein erfreulich heterogener ist, mal steht die Eleganz des Hausstils im Vordergrund, mal zeigt sich die Eigentümlichkeit einer Einzellage sehr deutlich, was bei Chardonnay und Co nicht nur die Steirer sehr gut beherrschen, sondern auch Traditionsbetriebe wie das Wachauer Weingut Jamek. Dessen Weißburgunder ausder Lage Hochrain ist als traditioneller, im großen Holzfass gereifter Vertreter besonders hervorzuheben. Jamek-Protagonist Hans Altmann hält der unterschätzten Sorte schon seit vielen Jahren die Stange: „Die Lage ist zwar für den Grünen Veltliner zu trocken, fürW eißburgunder aber ideal, seit Jahrzehnten können wir in der Riede Hochrain mit der Sorte punkten, immerhin wurde der Weingarten 1947 gepflanzt.“
Sparen kann man sich mittlerweile bei vielen österreichischen Topbetrieben die Diskussion über ein zuviel oder zu wenig an Holz, es gab aber während unserer Verkostung vor allem im qualitativen Mittelbau, sprich bei den „sehr guten“ Weinen im Bereich von 15 bis 16 Punkten genug Anlass zur Diskussion, besonders beim Chardonna yfavorisieren manche Winzer einen sehr weichen, schmeichlerischen Stil, teils immer noch mit etwas molligen Barriquehüften, diese Weine mögen für sich sogar recht trink-freundlich und zugängig sein, den Anspruch eines Reserveweins mit Reifepotenzial und Charakter können diese aber beim besten Willen nicht erfüllen, auch ein sinnvoller Einsatz als Essensbegleiter erübrigt sich in solchen Fällen meistens.
Betrachten wir die Ergebnisse unseres Panels im Detail, so wird das Ranking der Topweine vom Chardonnay als Sorte, mehrheitlich aus 2006 dominiert. Wenig überraschend, wurden dank des Chardonnaybooms in der ersten Hälfte der 90er-Jahre deutlich mehr Flächen damit bestockt und diese Weingärten kommen langsam in ein interessantes Alter für ambitionierte Winzer. Freilich ist darüberhinaus der richtige Standort und das Fingerspitzengefühl in Weingarten und Keller entscheidend, weshalb bei Bewertungen auch mehrheitlich ausgewiesene Burgunderspezialisten reüssieren können, gerade bei den 2006ern hätten wir uns aber auch über unbekannte Neuzugänge unter den Topweinen gefreut, positiv, auch bezüglich Preis-Leistungs-Verhältnis sei das Weingut Hahnekamp erwähnt, welches gemeinsam mit Tschermonegg, Frauwallner und Topf die bestbuy-Liste anführt.
Ebenfalls nicht selbstverständlich ist die Tatsache, dass sich der Mustersche Chardonnay Grubthal so deutlich durchsetzen konnte, handelt es sich doch dabei um einen juvenil-strengen Wein, dessen Komplexität sich erst langsam erschließt und ihn nicht von vorneherein als Gewinnertyp für Verkostungen prädestiniert. Nicht so positiv schaut das Entwicklungspotenzial bei manchen der moderneren und fruchtbetonten Kandidaten aus, abgesehen davon, dass eine Fokussierung auf Primäraromatik bei ernstzunehmenden Reserveweinen unsinnig ist, schwankt die Fruchtintensität schon einmal zwischen „Genie und Wahnsinn“, intensiv-estrige Komponenten lassen die Weine zwar auf den ersten Riecher recht attraktiv erscheinen, aber mit etwas Zeit und Luft – und beides ist für Vorrunden und Finalverkostung bei VINARIA Standard – zeigen diese Bewerber leider deutlich flüchtige Ansätze, kein gutes Zeichen, auch dann nicht, wenn der Wein relativ bald getrunken wird. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist auch bei den klassischen Burgundersorten der gehobenen Kategorie ein Thema, zwar mögen Weine, die 20 Euro oder mehr kosten, für österreichische Verhältnisse teuer erscheinen, aber wenn wir von der überschaubaren Gruppe heimischer Topweine sprechen, so muss man sich auch die Preise für international gesuchte Burgunder vor Augen führen, bei vergleichbaren ausländischen Qualitäten greifen Weinfreunde gerne deutlich tiefer in die Tasche, zum Beispiel, wennes sich dabei um verlässliche Premiers Crus oder gar Grands Crus aus dem Chablis oder Montrachet handelt.
Kork ist meiner persönlichen Meinung nach immer noch ein Topverschluss für Spitzenweine, wenn er nicht deprimierende Korkschmecker verursachen würde, wa sleider bei unseren Proben wieder einmal zur Genüge passiert ist. Oft brachte zumindest die zweite Vergleichsflasche ein sauberes Ergebnis, einige Weine hat es aber komplett aus dem Rennen geworfen, weil alle betreffenden Vergleichsflaschen mehr oder weniger stark gekorkt haben, prominente Opfer waren diesmal unter anderem Ploder-Rosenberg mit dem viel versprechendem Linea Pinot Gris, oder auch Familie Reinisch mit dem hochwertigen Chardonnay Lores. Überraschend wenig Probleme bereiteten die relativ hohen Alkoholwerte, gerade 2006 erscheinen auch mächtige Weine erstaunlich balanciert, beim einen oder anderen Tropfen hätten wir uns locker um ein Prozent Alkohol verschätzt. Insgesamt fällt das Resümee recht positiv aus, besonders der Jahrgang 2006 wird noch viele Jahre von sich Reden machen und Burgunderfans wissen ohnehin, dass die qualitativen Spitzen der Reserveweine teils noch recht ungeschliffene Rohdiamanten sind, die Zeit und Geduld brauchen, um all ihre köstlichen Facetten voll auszuspielen, wie schön, dass es solche Weine immer noch gibt.
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