Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

Vinaria Ausgabe 05/2008

Riesling: Mit der feinen Klinge

Gerade beim Riesling präsentiert sich der 2007er-Jahrgang trotz ungewöhnlichen Witterungsverlaufs als Klassiker: Die gelungenen Vertreter bestechen mit feiner Frucht und Rasse ebenso wie mit ausgeprägter Mineralität. Voraussetzung für den Erfolg war allerdings Ertragsreduktion, Selektion und punktgenaue Lese.

Die Vorgabe war beachtlich: Nach den mächtigen, fruchtopulenten wie auch mit schöner Säure ausgestatteten Rieslingen des traumhaften Jahrgangs 2006, in dem auch die hinsichtlich Qualität weniger konstanten Winzer vielfach fruchtbeladene, reife Weine hervorbrachten, sah man den Sortenvertretern aus dem in klimatischer Hinsicht – in großen Teilen der Weinbaugebiete Niederösterreichs, Wiens und des nördlichen Burgenlands – eher wankelhaften 2007er-Jahr teils mit etwas Zurückhaltung entgegen.

Zwar schien das Weinjahr nach sehr frühem Austrieb und einer der frühesten Blüten überhaupt sogar noch einen Gang gegenüber 2006 einzulegen, was sich durch die Periode großer Hitze und Trockenheit ab Mitte Juli zu bestätigen schien, doch im Laufe des Augusts wurde es dann in den meisten Weingegenden Niederösterreichs langsam kühler und feuchter. Extrem hohe Niederschläge und kühle Temperaturen Anfang September verhinderten in der Folge die erwartet frühe Haupternte; und auch in der Folge blieb das Wetter äußerst wechselhaft – Regen und verhältnismäßig schönes, wenn auch eher kühles Wetter wechselten einander immer wieder ab, Ende Oktober kam es nochmals zu kräftigen Niederschlägen. Der beinahe schizophren anmutende Wetterverlauf stellte die Winzer im Weingarten vor große Herausforderungen – Lesezeitpunkt, Ertragsbegrenzung und penible Selektion waren erwartungsgemäß die Hauptthemen, auch wenn sich die Fäulnis dank der sehr kühlen Septembertemperaturen in Grenzen hielt. Dementsprechend verlangte 2007 den Winzern einen sehr hohen vitikulturellen Aufwand sowie auch Voraussicht und Flexibilität bei der Terminisierung der Weingartenarbeiten ab.

Für die Sorte Riesling sind etliche Aspekte des Jahrgangs im Besonderen interessant, auch wenn die Theorie natürlich von unterschiedlichen regionalen Situationen bzw. noch viel mehr von spezifischen vitikulturellen Maßnahmen teils sogar widerlegt wurde. So wirkte sich die des frühen Austriebs und der extrem frühen Blüte wegen sehr lange Vegetationsperiode bei einer spätreifenden Sorte wie Riesling grundsätzlich eher positiv aus. Prinzipiell vorteilhaft war auch der – im Gegensatz zum Grünen Veltliner – mehrheitlich höchstens durchschnittliche Behang beim Riesling – vor allem angesichts des kühlen Herbsts, in dem kein markanter Reifefortschritt (in Sachen Mostgewicht) mehr zu beobachten war. Darüber hinaus übertauchte die hinsichtlich Trockenheit nicht allzu empfindliche Sorte die Trockenphase im April bzw. Hitzeperiode im Juli recht gut, auch wenn gerade im sonnenintensiven Juli die Gefahr von Sonnenbrand bzw. Gerbstoffeinlagerung gegeben war.

Filigran und mineralisch.

Im Gegensatz zu ihren oft fast korpulent erscheinenden Vorgängern präsentieren sich die mittelgewichtigen Rieslinge aus 2007 mehrheitlich als klassische Kabinett- und Federspielweine: fruchtbetont und filigran, mit oft recht deutlicher Terroirbetonung und animierendem Trinkfluss. Teilweise weisen die Weine eine mehr oder weniger starke Gerbstoffbegleitung auf, die aber in etlichen Fällen wohl dosiert ist und strukturunterstützend wirkt. Dennoch gibt es doch auch Jahrgangsvertreter, bei denen das Tannin zu stark ausgeprägt ist. Anregend wirkt jedenfalls die meist rassige Säure, die zwar in vielen Fällen jene der 2006er-Vertreter nicht übersteigt, aber durch die schlankere Bauart mehr zum Tragen kommt. Wir hatten auch den Eindruck, dass es eine zunehmende, jedoch keineswegs a priori zu verurteilende Tendenz gibt, einen zumindest teilweisen biologischen Säureabbau zuzulassen (oder eventuell sogar zu initiieren); sofern der Winzer diesen im Griff hat, spricht unserer Meinung nach nichts dagegen – mit Bedacht eingesetzt, kann es die Weine geschmeidiger und ausgewogener machen.

Renommierte Betriebe top.

Gerade beiden mittelgewichtigen Rieslingen (und Veltlinern) liegen die Topweine oft denkbar knapp beieinander, heuer gab es aber einen eindeutigen Sieger: Johannes und Josef Hirsch aus Kammern konnten mit ihrem Riesling Zöbing – unserer Meinung nach dem besten seines Namens bisher – reüssieren: ein wunderbar exotischer Wein von beachtlicher Substanz sowie ausgeprägter Mineralität und viel Spannung, der jedenfalls noch Reserven besitzt. Ein Ergebnis der bio-dynamischen Bewirtschaftung, auf die derzeit im Weingut Hirsch umgestellt wird? Es wäre in der derzeiten Umstellungsphase übertrieben, Derartiges zu behaupten, gibt sich Johannes Hirsch bescheiden, der dieQualität des Weines mit „extremem Einsatz im Weingarten mit unglaublich vielen Leuten“ sowie dem geringen Behang und dem punktgenauen Erntezeitpunkt rechtzeitig vor dem großen Regen erklärt.

Gleich mit zwei Weinen unter den Top Ten konnte sich die mit einer ganz generell erstaunlichen Jahrgangsserie brillierende Domäne Wachau platzieren; Kellermeister Heinz Frischengruber spricht zu Recht von einem „ausgezeichneten Jahrgang für Riesling“. Er führt die eher späten Lagen in den oberen, waldnahen Bereichen des Loibenberg bzw. am Spitzer Burgberg sowie die deutlich längere Vegetationsperiode ins Treffen und freut sich über die filigranen, mineralischen, klassischen Sortenvertreter aus 2007, die „so spannend sind, dass man fast abhängig werden könnte“.

Sehr positiv haben wir auch das ausgezeichnete Abschneiden vom Riesling Vom Schloss vom Schlossweingut Graf Hardegg registriert, das damit auch nach dem Abgang von Weinmacher Peter Malberg Kontinuität signalisiert. Auch sonst tummeln sich in den vorderen Plätzen vorwiegend renommierte Qualitätsbetriebe wie Salomon Undhof aus Krems-Stein, der mit Kögl und Pfaffenberg gleich zwei Spitzenvertreter stellt, die Wachauer Schmelz und Karl Stierschneider sowie ein Langenloiser Quartett aus Hiedler, Bründlmayer, Loimer und Steininger.

Die Überraschungen waren zwar spärlicher gesäht, doch gab es sie auch: Beachtlich war der Erfolg des Wagramers Franz Sauerstingl, der ganz vorne mitmischte, sowie das Weingut Pröglhöf aus Obernalb bei Retz. Auch dahinter gab es eine solide Anzahl an sehr guten Sortenvertretern, die durch viel Sortenfrucht und besonders durch anregendes jugendliches Trinkanimo zu gefallen wussten. In diesem Zusammenhang dürfte gelten, dass eben diese jugendliche Knackigkeit eine der Stärken der meisten 2007er-Rieslinge aus den klassischen Kabinett- und Federspielkategorien sein dürfte, sie daher also am schönsten innerhalb der ersten zwei bis vier Jahre zu trinken sein dürften.

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