Nach einer Hochblüte in den Sechziger- und Siebzigerjahren kam es zu einer Phase desStillstands, in der andere Gebiete wie die Wachau Wien zweifellos den Rang abgelaufen haben. Erfreulicherweise scheint sich das Blatt nunmehr entscheidend gewendet zu haben: der Wiener Wein erlebt, vor allem in den letzten fünf Jahren, eine ungeahnte Renaissance.
Im Prinzip ist es wie im Fußball: Nach einer Niederlage gibt es viele ratlose Unschuldige, der Erfolg hat hingegen viele Väter. So ist die vor rund fünf Jahren von VINARIA mit einem Forum führender Wiener Winzer geführte Round-Table-Diskussion noch in bester Erinnerung, in deren Mittelpunkt das Forschen nach den Gründen für die Stagnation in der Wiener Weinszene stand. Generell beklagt wurde die zu geringe Zusammenarbeit mit der Wiener Gastronomie, aber auch Teilen des Fachhandels, VINARIA-Kolumnist Adi Schmid monierte auch das fehlende Wissen um den Wiener Wein, das auch bei aufgeklärten Gourmets festzustellen sei, und schließlich haben die aufstrebenden Jungwinzer Rainer Christ und Michael Edlmoser mehrfach betont, dass für die Imageprobleme des Wiener Gebietes die im Vergleich zu anderen Weinbauregionen zu geringe Weiterentwicklung verantwortlich ist und eine bessere Vermarktung letztlich nur über die Steigerung der Qualität möglich sein wird. Rainer Christ im seinerzeitigen O-Ton: „Es hilft nichts, unser Wein muss eben einen solchen Qualitätsstandard erreichen, dass er eine attraktive und preiswerte Alternative zu jedem vergleichbaren österreichischen Wein darstellt.“
Dabei war in der Vergangenheit ja schon einiges geschehen: Beispielsweise wurde die Markengemeinschaft „Vienna Classic“ ins Leben gerufen, um den Wiener Wein besser zu positionieren. Allein die Resonanz von Weinliebhabern und Gastronomie blieb auf Sicht weiterhin gering. Ganz wichtig erscheint auch, dass die infrastrukturellen Rahmenbedingungen auf politischer Ebene in bemerkenswert entschiedener Weise festgelegt wurden. Obschon immer wieder davon gesprochen wurde, dass die Wiener Weingärten früher oder später durch Immobilienspekulationen verringert werden würden, hat man dieser Gefahr schon dadurch frühzeitig einen Riegel vorgeschoben, dass die Wiener Weinberge zu besonderen Schutzzonen, in denen strenges Bauverbot herrscht, erklärt wurden.
Dieser Grundsatz wurde auch nicht durch Ausnahmen durchlöchert, wie zum Beispiel die hoffnungsvoll angelegten Terrassen am Grinzinger Steinberg beweisen, die nunmehr statt der begehrten Nobelvillen „nur“ Rebstöcke beherbergen.
Flankiert wurde diese strikte Raumordnung durch ein von der Stadt Wien und der Wiener Landwirtschaftskammer ausgearbeitetes Förderungssystem, nach dem Prämien für das Aussetzen von Weinreben bezahlt werden, sofern die Neuauspflanzung innerhalb geschlossener Rebfläche erfolgt bzw. eine dreijährige Brachezeit der gerodeten Rebfläche abgewartet wird, wobei es für qualitativ besser eingeschätzte Rebsorten eine höhere Unterstützungals für andere gibt. Damit konnte die bereitsdeutlich abgesunkene Rebfläche wieder angehoben werden, wobei der drohende Strukturwandel den Verantwortlichen dennoch Sorgen bereitete. Zum einen haben viele kleine Winzerbetriebe, die den Wein nahezu ausschließlich über ihren Heurigen vermarkteten, keinen Nachfolger gefunden und in der Folge ihre Lokale zugesperrt sowie die Weingärtenbrach liegen lassen; zum anderen hatten einige große Betriebe ebenfalls mit einer ungeklärten Nachfolgesituation zu kämpfen. Und schließlich gab und gibt es ja nach wie vor die gar nicht so geringe Anzahl von Pseudo-Heurigen – der Begriff Heuriger ist ja nicht schützbar –, die zumeist billig eingekauften Wein aller möglichen Provenienzen, nur keinen Wiener Tropfen ausschenken. Wieso ist es also dann doch zur Wende gekommen, die uns alle so optimistisch stimmt?
Offensichtlich sind mehrere günstige Faktoren zusammen getroffen, die das Prestige des Wiener Weins nahezu mit einem Schlag verbessert haben. Bleiben wir zunächst bei den Rahmenbedingungen, wo zu den bei den zuvor gelobten Maßnahmenpaketen ein ganz wichtiges drittes hinzukam: 45 Hektar Rebfläche, die bis vor einigen Jahren von der Liegenschaftsverwaltung der Stadt Wien betreut wurden, sind nämlich zum stadteigenen Weingut Cobenzl gewandert, das diese Weingärten nicht dauerhaft bearbeitet, sondern vielmehr in einem guten Zustand hält oder nach der Rodung ungepflegter Weinfluren wieder in einen solchen versetzt, sodass sie wieder an interessierte Weinbautreibende weitergegeben werden können, was grundsätzlich auch gut angenommen wurde.
Die zuständige Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima beantwortet die Frage, wie sich denn die Stadt Wien die Förderung des Weinbaus eigentlich vorstelle, noch umfassender: „Es gibt hier mehrere Aufgaben, die wir als Stadt Wien im Bereich Weinbau erfüllen. Zum einen sind wir Behörde, wir sind zuständig für Kartierung, Verwaltung und Kontrolle der Weingärten. Zum anderen sind wir auch Grundstückseigentümer, wir besitzen das bekannte Weingut am Cobenzl und zugleich vermitteln wir Weingärten, verpachten welche oder kaufen auch strategisch wichtige Flächen, um wertvolle Kulturlandschaft zu erhalten. Über die Wirtschaftsförderung hinaus fördert die Stadt Wien auch speziell das Weinmarketing. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit; es gibt viele Veranstaltungen, um den Wiener Wein zu vermarkten – schließlich ist der große Wiener Weinpreis im Rathaus jedes Jahr der Sammelpunkt für die Winzerszene und die Weinliebhaber in der Stadt und sei damit stellvertretend für viele Events hervorgehoben.“
Unter diesen wirtschaftlich günstigen Voraussetzungen wurde der Weinbau in Wien auch für zahlreiche Quereinsteiger plötzlich interessant. So hat glücklicherweise der legendäre Mayer am Pfarrplatz mit Investor Hans Schmid, der schon zuvor im Weingut Rotes Haus seine Begeisterung für den Weinbau entdeckt hatte, einen optimalen Nachfolger gefunden, der den altbewährten Betrieb mithilfe seines engagierten Teams schrittweise auf stolze 51 Hektar erweitert hat, von denen derzeit 32 selbst bearbeitet werden. Ein ganz wichtiger Hoffnungsfunke, denn das Image eines Gebietes ist nur dann zu halten oder zu verbessern, wenn seine Flaggschiffe erfolgreich Kurs halten können. In diesem Sinne ist es auch mehr als erfreulich, dass der große Grundeigentümer Stift Klosterneuburg nunmehr auch im Weingartenmanagement zweckmäßige Schritte unternommen hat, von denen die Qualität der Weißweine aus den renommierten Kahlenbergerdorfer Lagen bereits schmeckbar profitiert hat.
AproposFlaggschiffe: Ebenso bedeutsam sind die unübersehbaren Fortschritte des Weingutes Cobenzl als Vorzeigebetrieb der Stadt Wien. Wurde das Kellerequipment schon vor einiger Zeit optimiert, so hat nun der engagierte Betriebsleiter Thomas Podsednik offensichtlich jenes Team zur Verfügung, das ihm auch die Umsetzung seiner Strategien ermöglicht. Auch hier scheinen die gezielten Pflegemaßnahmen in den Weingärten die Qualität deutlich nach oben geschraubt zu haben; anders ist etwa der Katapultstart in den Jahrgängen 2005 bis 2007 nicht zu erklären, der das stadteigene Weingut plötzlich an die Spitze der besten fünf, sechs Betriebe von ganz Wien befördert hat.A ber auch das Interesse von bekannten Weingütern aus dem Umland wurde geweckt: So hat zum Beispiel der Weinviertler Qualitätspionier Roman Pfaffl am Bisamberg Weingärten erworben und gleich drei Weine auf den Markt gebracht, von denen der Pinot Noir aus dem Stammersdorfer Herrenholz gleich als absoluter Premiumwein positioniert wurde.
Zuvor hatte Quereinsteiger und Gastronom Stefan Hajszan für Aufsehen gesorgt, der bis dato einen Hobbyweingarten in Krems bewirtschaftet und den Wein selbst ausgebaut hatte, als er in ziemlich rascher Abfolge 14 Hektar Rebflächen in Döblinger Lagen erwarb. Wurde sein Engagement anfangs belächelt, vielleicht, weil er auch einige weniger günstige Rieden übernommen hatte, so wich diese typisch wienerische Grundhaltung bald dem Erstaunen über das bedingungslose Vorwärtsstreben, von dem allenthalben Hajszan-Tafeln in den Weingärten künden. Aber auch innerhalb der Wiener Weinszene gab es einige gravierende Veränderungen. In mehreren Tranchen – die letzte große Fläche stammt vom Schottenstift – ist es nämlich Leitfigur Fritz Wieninger gelungen, ansehnliche Rebflächen am Nussberg zu erwerben, darunter solche Spitzenlagen wie Preussen, Rosengartl oder Kaasgraben, die primär mit Riesling, Grünem Veltliner und naturgemäß mit Gemischtem Satz bestockt sind, dem seither die Liebe dieses Vordenkers gilt.
Richard Zahel musste zwar nicht die Donau überspringen, hat dafür aber von Mauer bis nach Döbling den noch weitaus längeren Weg auf sich genommen. Seit ihn bei einer Besichtigung eines Nussberger Weingartens der Traumblick auf die Wiener Stadt überwältigt hat, hat er sein Herz an diese Lage verloren und aus dem aktuellen Jahrgang gleich sieben Weißweine aus Döbling im Sortiment. Dabei wird es aber nicht bleiben, denn in der Neustifter Mitterbergen wurde bereits ein Hektar mit Riesling bestockt, und das neueste Projekt führt ihn gar zu einem ebenfalls ein Hektar großen Rebgarten nach Oberlaa in den äußersten Südosten Wiens.
Ein Wiener Weinbaufunktionär hat einmal beiläufig erwähnt, dass den amtlichen Aufzeichnungen zufolge immerhin 20 Prozent der Wiener Weingärten von Hobbywinzern betreut würden. Mittlerweile sind so gut wie alle Berufssparten vertreten: Angeführt von Pionieren wie dem emeritierten Baumeister und Riesling-Fan Manfred Felix und dem Wirtschaftsjournalisten Dr. Georg Wailand, hat sich ein buntes Völkchen zusammengefunden, zu dem auch Protagonisten aus der Modebranche, wie Marina Mostbeck, oder aus der Landespolitik, wie Norbert Walter, zählen. In einer groben Differenzierung könnte man allenfalls jene Gruppen unterscheiden, die möglichst alle Schritte der Weinbereitung selbst durchführen wollen oder die einzelnen Schritte der Vinifikation lieber altbewährten Profis überlassen, was allerdings keine Wertung bedeuten soll. In diesem Zusammenhang sind auch Kooperationswille und Hilfsbereitschaft des Weingutes Cobenzl, von Fritz Wieninger oder von Matthias Hengl zu loben, um nur die drei rührigsten Betriebe zu nennen, die den Hobbyisten regelmäßig das Rebgut pressen, die Weine beaufsichtigen und schulen und schließlich auf die Flasche ziehen.
Besonders hervorgetan hat sich in letzter Zeit der lose Zusammenschluss unter der klangvollen Bezeichnung „Wiener Orchideen-Winzer“, zu denen Grafikerin Jutta Ambrositsch als Wortführerin – manchen von ihrer zauberhaften „Buschenschank in Residence“ in Sievering bekannt –, Violinist Peter Uhler, Banker Klaus Windischbauer und der Betriebswirt und Nachkomme der bekannten Winzerdynastie Franz-Michael Mayer (am Pfarrplatz) zählen. Während die drei Letztgenannten in Weingarten und Keller praktisch alles selbst machen, setzt Jutta Ambrositsch auf Fritz Wieningers Vinifizierungskünste.
Sehr segensreich für den Wiener Wein ausgewirkt hat sich bereits nach kurzer Zeit das Wirken der erst im Jahr 2006 gegründeten Gruppe „WienWein“, zu der sich vier der führenden Wiener Weinbaubetriebe – Rainer Christ, Michael Edlmoser, Fritz Wieninger und Richard Zahel – mit dem primären Ziel zusammengeschlossen haben, neue Qualitätsstandards für den Wiener Wein zu setzen. Diese hoch gesteckten Erwartungen haben sie schon nach zwei Jahren übererfüllt, ist es ihnen doch gelungen, gewaltige Steigerungen im Fachhandel und in der Gastronomie zu erzielen und auch die Exportquote zu erhöhen, ja den Gesamtumsatz ihrer Betriebe jeweils um 20 bis 25 Prozent zu steigern.
Auch diese Erfolgsstory beschränkt sich naturgemäß nicht nur auf die vier Hauptdarsteller, sondern hat eine Sog- und Vorbildwirkung für die gesamte Wiener Weinszene. Das dynamische Wien Wien-Quartett hat sich auch die besondere Forcierung des alten Klassikers Wiener Gemischter Satz unter dem hübschen Motto „Ein bunter Straußaus Wien“ auf seine Fahnen geheftet. Alle vier Betriebe führen nunmehr einen Gemischten Satz in zwei Kategorien: als klassischen Gemischten Satz, schlank gebaut und im Stahltank vergoren, um die lebhafte Frucht möglichst zu bewahren, und als Premiumwein aus einer einzelnen Lage, die mit alten Reben bestockt ist.
Den Beweis dafür, dass die einstige Kluft zwischen Wiener Weinerzeuger und Wiener Gastronomie überbrückt wurde, liefert eine nach Bezirken übersichtlich gegliederte Broschüre der Stadt Wien, die 161 Restaurants, Gaststätten, Weinbars und Hotels aufzählt, auf deren Getränkekarten feine Wiener Gewächse ihren Anteil haben. Die vielen Väter und auch Mütter des „Wiener Weinwunders“ – denn als solches kann man es in Anlehnung an das vor rund 20 Jahren gefeierte „steirische Weinwunder“ ohne Übertreibung bezeichnen – sind somit zu Recht vor den Vorhang geholt worden. Sofern das Zusammenwirken der politischen Entscheidungsträger und Fachgremien, der führenden Topwinzer, der dynamischen Quereinsteiger und eifrigen Hobbyisten so harmonisch weitergeht, könnte der niveauvolle Wiener Weinbald zu einem knappen Gut werden.
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