Die bereits sechste Degustation gereifter roter Gewächse, die VINARIA inKooperation mit den oberösterreichischen Weinfreunden „Wunderbare Wein-welt Gmunden“ durchgeführt hat, zeigte die Vorzüge des großen Jahrganges2003 in erfreulicher Weise auf. So jung und eindrucksvoll sich die roten Spitzenpräsentierten, gab es doch auch einige Schwachstellen zu bemerken. Text: Viktor Siegl
Der in jeder Hinsicht heiße Jahrgang 2003 ist wohl noch jedem Weinfreund in guter Erinnerung, sodass die Vorrede kurz ausfallen kann. Schon Ende April begann der Sommer vor dem Sommer in Gestalt eines ausgesprochen sonnigen, ja heißen Frühjahrs, in dem sich beispielsweise die Wiesen rund um Wien bereits im Juni wie braune Steppen präsentierten. Demzufolge verlief die Blüte völlig ungestört und so früh wie noch nie in der Weingeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Danach hielt die Hitze eigentlich über den ganzen Sommer an, wobei leichte Regenfälle zum gewünschten Zeitpunkt für eine günstige Belebung der Vegetation sorgten. Pünktlich zu Schulbeginn schlug das Wetter um, die Temperaturen fielen in den Keller und kühle Nächte bewirkten eine forcierte Aromenbildung, die sich nicht nur bei den Weißweinen positiv bemerkbar machte. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings die meisten Pinots und St. Laurents sowie viele Zweigelt-Reben rund um den Neusiedler See bereits in optimalem Traubenzustand geerntet worden. Auch der Herbst ließ dann die Sonne herein, sodass im Rahmen eines schönen Altweibersommers auch die spät reifenden Sorten Blaufränkisch und Cabernet störungsfrei gelesen werden konnten. Für einen kleinen Dämpfer, ohne den es im Weinbau eben nicht geht, sorgten heftige Regenfälle Mitte September, die vor allem den Gewächsen der mittelburgenländischen Rotweinhochburgen ein wenig Kraft und Dichte kosteten. Alles in allem also ein prächtig ausgereifter Jahrgang voll Extrakt und Fruchtsüße, der den ähnlich gearteten 2000ern auch schon in der Jugend einen Funken von Fruchtreichtum voraus hatte und in jedem Stadium zu großen Hoffnungen Anlass gab. In der Zukunft wird er sich wohlzahlreiche Vergleiche mit den unter ähnlichpositiven Vorzeichen stehenden 2006ern gefallen lassen müssen, die vielleicht noch etwas fruchtbetonter und rassiger ausgefallen sind, wobei bei derartigen Einschätzungen das ständig steigende Know-how unserer Rotweinspezialisten freilich nicht außer Acht gelassenwerden kann.
Waren wir während der Jungweinverkostungen des Jahrgangs 2003 ob der frühen Ernte und des hitzigen Jahrgangs noch skeptisch, was die Aromenbildung der so kapriziösen Rebsorten Pinot Noir und St. Laurent betraf, so wurden wir anlässlich der Premiumverkostung im Spätherbst 2005 erfreulicherweise eines Besseren belehrt: So massiv und üppig die Roten der Burgundergruppe auch über den Gaumen glitten, war doch ein Mindestmaß an Balance und Rasse gewahrt und blieben die positiven Attribute dieser eher zartgliedrigen Kreszenzen in klarer Form bewahrt. Ähnliche Ergebnisse erbrachte die „Fünf-Jahre-danach-Verkostung“, denn die besten Repräsentanten erbrachten zarte, rotbeerige Frucht ebenso wie fein linierte Struktur und wünschenswerte Harmonie. Auffallend war, dass gerade die Allerbesten schmeckbar erst am Beginn der Entwicklung standen und sich in diesem Stadiumso jung präsentierten, wie es noch keinemJahrgang zuvor beschieden war.Auf der Schattenseite der Degustation lagen übertriebener Holzeinsatz, vor allem in Form eines unsensiblen Toastings, und leicht oxidative Anklänge, die das alkoholische Feuer des Jahrgangs zu eindimensional hervortreten ließen, doch blieben diese Erscheinungen, diewir ja von Anfang an befürchtet hatten, glücklicherweise in einer überschaubaren Minderzahl.
Die kleine, aber feine Serie der St. Laurents wurde von einer ungemein dichten und schmelzigen Reserve von Philipp Grassl angeführt, die wohl die allermeisten Chambertins vor Neid erblassen ließe; ähnlich verhält es sich mit dem äußerst ausgewogenen und pfiffigen St. Laurent von Gerhard Pittnauer, der Nuancenreichtum mit blitzsauberem Fruchtspiel zu vereinen vermag, aber auch die übrigen St. Laurents haben – bis auf eine Ausnahme – eigentlich nicht enttäuscht .
Etwas unterschiedlich bewertet wurde die rote Diva namens Pinot Noir, die in so unterschiedlichen Gewändern wie dem geschmeidigen und fruchttiefen Gewächs von SchlossHalbturn, der saftigen und fruchtsüßen Version von Claus Preisinger und der eigenwilligen, gleichwohl engmaschigen Variante desTattendorfer Weinguts Schneider aufgetreten ist. Die sentimentalen Favoriten der VINARIA-Crew waren freilich der ungemein sexy und ungezähmt auftretende, zugegebenerweise noch viel zu junge Individualist von SilviaPrieler und vor allem der in seiner Himbeerfrucht archetypische und hochelegante Grand Select von Fritz Wieninger, den nur seine extreme Jugend und die damit einhergehende, verkapselte Anmut die letzten Punkte zu einem absoluten Spitzenrang gekostet haben –in weiteren fünf Jahren wird die Sache naturgemäß anders aussehen, denn da würden wir – ausgehend von der langjährigen Kosterfahrung – die beiden zuletzt genannten Pinot-Geschöpfe favorisieren, wenn auch eine derartige Prognose immer etwas gewagt erscheint.
Die sensationelle Hochform, zu der die allerbesten Blaufränkischen nunmehr aufgelaufen sind, brauchen wir nicht lange zu umschreiben, waren doch die ersten vier Ränge für diese Rebsorte reserviert, die gemeinsam mit den besten Cuvées und Bordeaux-Blends verkostet wurden. Angeführt wurde diese Gruppe von einem exzeptionellen Mariental von Altmeister Ernst Triebaumer, um den uns die ganze Rotweinwelt beneiden darf: schlicht und einfach Weltklasse, wenn auch noch embryonal; vernünftige Weinliebhaber sollten auch die nächsten fünf Jahre ihre Finger davon lassen. Aber auch der ungemein feine und pointierte Ungerberg von Paul Achs, der ungewohnt massive, fruchtsüße und erst langsam in die Gänge kommende, noble Point von Andi Kollwentz sowie der an messerscharfer Definition und Herkunftstypizität wieder einmal nicht zu übertreffende Reihburg von Vordenker Uwe Schiefer – wer diesen Weinstil nicht im Schlaf erkennt, dem ist nun wirklich nicht zu helfen– haben die Meriten unserer österreichischen Haus-und-Hof-Sorte in völlig unterschiedlicher, doch eindrucksvoller Weise aufgezeigt.
Die ein bisschen aus der Mode gekommenen, reinsortigen Cabernets präsentierten sich in ausgereifter und traubiger Gestalt, wovon etwa der Ungerbergen von Bertl Prieler, aber auch die solide gereiften und mächtigen Versionen von Andi Kollwentz und der Familie Wachter & Wiesler Zeugnis ablegten. Gleiches gilt es für die allerbesten Bordeaux-Blends, wie etwa Elegy von Silvia Heinrichoder Bela Rex von Albert Gesellmann, zu berichten, womit nur die höchstbewerteten beispielhaft herausgehoben wären. Reinsortige Merlots konnten aus diesem heißen Jahrgang erwartungsgemäß nicht so hervorstechen, wie dies beispielsweise 2005 der Fall war (und für 2007 vielleicht zu erwarten sein wird), wenn auch die Sorten-Interpretationen von Franz Weninger und Helmut Preisinger für ausgeglichenes Wohlgefühl am Gaumen gesorgt haben. Auch die allerbesten Zweigelt-Auslegungen, angeführt vom wieder einmal glockenklaren und bestechend strukturierten Gigama von Franz Leth, haben diese immer noch unterschätzte Rebsorte in tadelloser Weise repräsentiert.
Auf die Kunst, den richtigen Verschnitt ihrer besten roten Partien zu finden, verstehen sich die österreichischen Rotweinspezialisten nach Jahrzehnten des Trainings am Objekt immer besser. Ganz vorne lagen so unterschiedliche Gewächse wie der kühle, hochelegante Xur von Werner Achs, der nach einer geradezu unheimlich anmutenden Pechsträhne endlich einmal zum richtigen Zeitpunkt voll da war, und die Grande Cuvée d’Or von FranzSchindler, der nur die jugendliche, nahezu überbordende Opulenz einige Punkte zum absoluten Spitzenrang kostete, aber auch der souveräne, wie aus einem Stück geformte Cablot von Josef Gager und der schon in der Jugend auffallende, druckvolle wie herkunfts-typische Border der Familie Kopfensteiner haben vom ersten Hineinschnuppern bis zum langen Finale dokumentiert, wie weit das österreichische Rotwein-Know-how mittlerweile gediehen ist. Letztlich sind wir überzeugt davon, dass derartige Gewächse auch in einer internationalen Verkostung mit den besten Provenienzen mithalten sollten, wobei die richtige gebietsweise Zuordnung in einem Jahrgang wie 2003 (oder 2006) in vielen Fällen nicht eben einfach sein dürfte.
Herrschte bei der Verkostung der Gruppe Pinot & Co. angesichts einer fehlerfreien Vorstellung – nur der Pegelwein war in einem Fall korkig – eitel Wonne, ja nahezu Verblüffung, holte uns beider umfangreichen Degustation der 46 roten Kreszenzen aus anderen Rebsorten und Cuvées rasch die Realität in Gestalt von Korkfehlern der unterschiedlichsten Ausprägungen und Intensitäten in ernüchternder Weise wieder ein. So klangvolle Namen wie beispielsweise der Salzberg von Gernot Heinrich, der Pannobile von Gerhard Pittnauer, der Comondor von John Nittnaus, der Danubis von Fritz Wieninger oder der Blend I aus dem Hause Kracher konnten zwangsläufig nichtbeschrieben und bewertet werden, weil beide Flaschen deutlich fehlerhaft waren (und in diesen Fällen handelte es sich um eindeutige Beeinträchtigungen, die keinen Spielraum für Interpretationen zuließen). Auf der anderen Schattenseite standen überraschend zahlreiche Oxidationsprobleme, mit denen der eine oder andere Wein kämpfte, der durchaus den kräftigen Körper und satten Fruchtreichtum sowie entsprechenden Tanninrückhalt für eine längere Lagerung besessen hätte, sodass vorzeitige Alterserscheinungen riech- und schmeckbar wurden. Hier wurde offensichtlich zur falschen Zeit gezögert oder am falschen Platz gespart. Auch wenn wir den sparsamen Einsatz des notwendigen Konservierungsstoffes Schwefel durch unsere Winzer im Großen und Ganzen begrüßen, sollte dieser Fehlerquelle mittels zielgerichteter önologischer Beratung doch auf den Grund gegangen werden, denn es ist einfach schade, dass einige, ursprünglich hochangesehene rote Exponenten ein derart frühes (und unrühmliches) Ende finden.
Im Fazit hat sich der Jahrgang 2003 mit den bisher höchsten Punktebewertungen an der Spitze erfolgreich bestätigt: Viele Exemplare haben nunmehr ihre erste Trinkreife erreicht, wobei die Reifekurve eher flach verläuft und die meisten auch noch nach weiteren fünf Jahren viel Trinkvergnügen bereiten werden. Der Vergleich mit dem wesentlich härteren und ebenso standhaften Jahrgang 2002 oder mit den beispielsweise im Mittelburgenland überragenden 2004ern wird also mittelfristig reizvoll bleiben; die allerbesten Modelle haben aber auch genug Power und Standhaftigkeit, um mit den unter ähnlichen Ausgangsbedingungen erzeugten 2006ern noch in einigen Jahren in einen spannenden Wettstreit zu treten – letztendlich ist die Vorfreude ja doch durch wenig zu ersetzen
Abschließend gilt unser ausdrücklicher Dank dem wunderbar eingespielten Team der „Wunderbaren Weinwelt Gmunden“, das mit seinem erfahrenen back office für einen beispielhaft organisierten und fairen Ablauf der Probe gesorgt hat, sowie den jegliche Weinaktivitäten leidenschaftlich unterstützenden Gastgebern Ingrid und Franz Pernkopf vom Gmundner Landhotel Grünberg, die der gemeinsamen Degustation eine perfekte Bühne geboten haben. VINARIA war diesmal durch Rüdiger Pröll und Viktor Siegl präsent, die sämtliche dargebotenen Weine verkostet haben. Wir haben uns erlaubt, die Wertungen der beiden VINARIA-Verkoster dem Durchschnittsergebnis in Klammer anzufügen, wobei die teilweise signifikant höheren Bewertungen zum Großteil auf die nivellierende Wirkung zurückgehen, die das Durchschnittsresultat einer relativ großen Gruppe von Degustatoren ergeben muss.
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