Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

A la Carte Ausgabe 05/2007

"Ich bin ein Wagramer"

Eine Frage der Identität war die Umbenennung des Weinbaugebietes Donauland zu Wagram. Das Gebiet rund um Klosterneuburg und der überwiegende Teil des Tullnerfeldes sind als Großlage Klosterneuburg mit dabei. Zufrieden sind mit dieser Lösung sowohl die Winzer des Wagram als auch die Weinbauern der neuen Großlage Klosterneuburg.
Text: Johann Werfring

In den österreichischen Weinbaugebieten hat seit Anfang der 1960er-Jahre eine Reihe von Umbenennungen stattgefunden. Einzig und allein die Wachau ist immer schon die Wachau gewesen. Unter der Bezeichnung „Donauland“ waren ab 1961 recht unterschiedliche Gebiete entlang der Donau vom Kremstal bis hinunter nach Carnuntum zusammengefasst gewesen. Es folgten mehrfach Teilungen und Abspaltungen. Seit 1995 umfasst das „Weinbaugebiet Donauland“ das nördlich des Flusses gelegene Teilgebiet Wagram (2.450 Hektar) sowie das Teilgebiet südlich der Donau mit der Gegend rund um Klosterneuburg inklusive Tulln und Atzenbrugg (insgesamt 350 Hektar).

In den Weinorten am Wagram kam es Anfang der 1990er-Jahre zu einem rasanten Wirtschaftsaufschwung. Karl Fritsch und weitere Winzer der Gegend verstanden es bravourös, ihre Betriebe den Erfordernissen einer zeitgemäßen Wirtschaftsweise anzupassen. Durch das Vorbild solcher Pioniere entstand am Wagram eine Dynamik, die zu einer wahren Qualitätsexplosion führte, wie Willi Klinger, Chef der Österreichischen Weinmarketing-Gesellschaft (ÖWM), kürzlich bei einer Pressekonferenz treffend anmerkte. Binnen kurzem zählte der Wagram zu den renommiertesten österreichischen Weingegenden.

Infolge dieser erfreulichen Entwicklung wuchs bei den Winzern am Wagram der Wunsch nach einem eigenständigen Weinbaugebiet. Mit der Bezeichnung „Donauland“ sei man am Wagram seit eh und je unglücklich gewesen, versichert Josef Leth aus Fels am Wagram. „Viele Weinkunden konnten mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen“, so Leth. Das Donauland sei eben ein undefiniertes Gebiet gewesen, zumal es die Donau flussaufwärts auch in Deutschland und flussabwärts in weiteren Ländern bis hinab zum Schwarzen Meer gibt. Hingegen sei der Wagram geografisch ganz eindeutig zu erfassen. Zudem habe das Donauland, wie Studien offenbarten, trotz seines langen Bestehens nur einen geringen Bekanntheitsgrad gehabt.

Zwar gab es für Gewächse aus den Gebieten nördlich der Donau (zu denen auch der Wagram zählt) in der Habsburgermonarchie jahrhundertelang die Bezeichnung „Donauweine“. Beispielsweise erzählt eine „Reben-Hymne“ aus dem 18. Jahrhundert von Donauweinen. Allerdings wurde auch damit bloß eine schwammige Gebietszuordnung ausgedrückt.
Josef Fritz, Weinbauer in Zaussenberg, veranschaulicht die Problematik der vergangenen Jahre anhand einer Schilderung von Messeauftritten. „Ich habe dort immer gesagt: Ich bin ein Wagramer!“ Unter dem vor Jahrzehnten künstlich geschaffenen Fantasienamen Donauland habe sich ohnedies kaum ein Messebesucher etwas vorstellen können. Aus diesem Grund vermerkten seit Jahren nicht wenige Erzeuger zusätzlich zum gesetzlich definierten Namen Donauland die Großlage Wagram auf dem Etikett und auf den Flaschenkapseln. Auch Stefan Bauer aus Königsbrunn am Wagram, der ein Vertreter der jüngeren Winzergeneration ist, setzte sich in den vergangenen Jahren vehement für die Umbenennung ein. „Wir haben unter der Bezeichnung Donauland vor allem für einen gewissen Buchklub und für die Flussschifffahrt Propaganda gemacht, aber uns selber hat es nicht wirklich etwas genützt“, sagt Bauer.

Weil man Wagram als eine gute Marke verstand, wurden ab den 1990er-Jahren entsprechende Vermarktungsgemeinschaften mit den Bezeichnungen „Wagramer Selektion“ und „Weingüter Wagram“ ins Leben gerufen. Auf diese Weise konnten die Winzer des Wagram ihrem Selbstverständnis schon lange vor der Umbenennung Ausdruck verleihen.
Mit der Gründung des Regionalen Weinkomitees Wagram im Jahr 2001 verfügten die Winzer über eine – auch in politischer Hinsicht – wirkungsvolle Einrichtung, mit der sie ihren Wünschen Nachdruck verleihen konnten. Eines der wichtigsten Ziele dieses Komitees war von Beginn an die Schaffung eines eigenständigen Weinbaugebietes Wagram. Allerdings musste man zuvor eine Einigung mit dem Regionalkomitee Klosterneuburg erzielen, zumal zu klären war, was im Falle einer allfälligen Abspaltung des Wagram mit dem Rest des Donaulandes geschehen sollte.

Wegen der Kleinheit des Gebietes rund um Klosterneuburg sowie des Tullnerfeldes kam die Schaffung eines solchen Miniweinbaugebietes nicht in Frage. Sowohl der Bundesweinbauverband als auch die ÖWM sprachen sich gegen eine solche Atomisierung aus, aber auch die Winzer des Gebietes südlich der Donau konnten sich mit einer derartigen Lösung nicht anfreunden. Für den Namen Wagram als Bezeichnung für ihr Gebiet konnten sich die Klosterneuburger und Tullnerfelder zunächst nicht wirklich erwärmen, erzählt Leopold Kerbl, Obmann des Regionalen Weinkomitees Klosterneuburg. Auch habe man sich am Wagram nicht so recht darüber gefreut, die Klosterneuburger und die Tullnerfelder als neue Wagramer dabeizuhaben.

Aus Sicht der Kleinen sei es theoretisch durchaus auch vorstellbar gewesen, ein großes Gebiet Donauland mit den entsprechenden Großlagen Wachau, Kamptal, Kremstal, Traisental, Wagram und Klosterneuburg bis hinunter nach Wien zu schaffen, so Kerbl. Es erscheine nämlich grundsätzlich sinnvoller, Gebiete zusammenzuführen als diese weiter aufzuspalten. Überdies sei der Name Donau durchaus positiv besetzt. Allerdings sei von vornherein festgestanden, dass Weinbaugebiete mit großem Renommee, etwa die Wachau, für eine solche Lösung nicht zu haben gewesen wären. Aus diesem Grund sei es ein Erfordernis gewesen, um einen Kompromiss zu ringen.

Durch die nun erfolgte Umbenennung des gesamten ehemaligen Weinbaugebietes Donauland zu Wagram bei gleichzeitiger Schaffung und Integrierung einer Großlage Klosterneuburg ab dem Jahrgang 2007 konnte schließlich eine Lösung gefunden werden, die für alle Beteiligten zufriedenstellend ist. Sowohl die Wagramer Winzer als auch jene südlich der Donau sind erleichtert über den guten Kompromiss, der auch vom Österreichischen Weinbauverband und von der ÖWM favorisiert wurde. Durch die unglückliche bisherige Bezeichnung Donauland sei das Gebiet bislang „fast wie ein weißer Fleck auf der Landkarte“ erschienen, er sei froh, dass mit der nunmehrigen Umbenennung alle zufrieden sind, erklärte Weinmarketingchef Willi Klinger. Josef Pleil, Präsident des Österreichischen Weinbauverbandes, vermerkte: „Eine Zersplitterung des Gebietes musste unter allen Umständen verhindert werden.“ Das kleine Gebiet südlich der Donau hätte sich nämlich marketingstrategisch nicht behaupten können, so Pleil.

Die Winzer der nunmehrigen Großlage Klosterneuburg können in Hinkunft frei wählen, ob sie auf den Flaschenetiketten „Wagram“ oder „Klosterneuburg“ verwenden. Wie Leopold Kerbl prognostiziert, werden die meisten Klosterneuburger Betriebe vorzugsweise den Namen ihrer Stadt vermerken. Was das Weingut des Stiftes Klosterneuburg betrifft, so ist zu vermerken, dass die Weine der Mönche ohnedies mit der Marke „Stift Klosterneuburg“ auskommen. Im Übrigen sind nur zu einem Teil stiftliche Weingärten in Klosterneuburg zu finden; der überwiegende Rebflächenanteil des Stiftes befindet sich in der Thermenregion, selbst in Wien hat das Stift etwas mehr Weingärten als in Klosterneuburg. Ob sich die Winzer des Tullnerfeldes für die Aufschrift „Wagram“ oder „Klosterneuburg“ entscheiden werden, ist laut Kerbl derzeit noch ungewiss. Immerhin haben sie die Möglichkeit, an der mittlerweile sehr starken Marke Wagram zu partizipieren.

Die Schaffung einer DAC Wagram sei derzeit nicht sinnvoll, betonten Leopold Blauensteiner, Obmann des Regionalen Weinkomitees Wagram, und Willi Klinger unisono. Zunächst gelte es nämlich, das Profil des Wagram zu schärfen. Auf keinen Fall möchte Blauensteiner den Wagram unter DAC-Vorgaben auf einen Bruchteil seiner Qualitäten einengen. Es sei besser, in dieser Hinsicht mit Bedacht vorzugehen und nichts zu übereilen.

Sowohl das Gebiet des Wagram (knapp 2.800 Hektar) als auch die Großlage Klosterneuburg (knapp 300 Hektar) zeichnen sich durch ihre Besonderheiten aus. Was den Wagram anlangt, so ist zu vermerken, dass es sich bei dieser Höhenlage, nördlich der Donau und östlich von Krems gelegen, um eine europaweit einzigartige Lössstufe handelt, die zum Teil auch terrassiert ist. Es gibt dort zahlreiche Einschlüsse von Muscheln und Meeresgetier. Etwa neun Zehntel der Wagramer Weingärten stehen auf Lössböden, die vor allem für die Leitsorte des Gebietes, nämlich für den Grünen Veltliner, vorteilhaft sind.

Neben dieser Sorte ist der Wagram auch für den Roten Veltliner bekannt. Zwar ist der Anteil des Roten Veltliners an der gesamten Rebfläche am Wagram nur gering (etwas über 70 Hektar), allerdings ist diese Sorte eine ausgesprochene Spezialität, die von einzelnen Winzern auf ein hohes Niveau gebracht wird. Es seien aber nicht alle Winzer des Wagram Anhänger des Roten Veltliners, „weil dieser nicht so kontinuierliche Erfolge bringt wie der Grüne Veltliner“, sagt Blauensteiner. Erst ab einem Mostgewicht von 19 °KMW sei der Rote Veltliner wirklich tauglich. Außerdem sei er in manchen Jahren äußerst schwierig. Er sei aber froh, dass sich einige hochspezialisierte Wagramer Winzer dieser Sorte widmen und dem Gebiet damit eine interessante Bereicherung bescheren.

Einen hervorragenden Stellenwert genießen am Wagram auch Weine der Burgunderfamilie. Vor allem Weißburgunder und Chardonnay finden beste Voraussetzungen vor. Jener kleine Teil der Rebfläche, der mit rotem Schotter oder Urgestein bedeckt ist, verleiht Weinen wie dem Riesling oder dem Sauvignon Blanc eine elegante Fruchtigkeit und eine auffallend mineralische Note. Hinsichtlich der Rotweine spielt am Wagram der Blaue Zweigelt die erste Geige, aber auch dem Pinot Noir ist in dieser Gegend einiges zuzutrauen. Dessen Potenzial ist dort (wie auch anderswo in Österreich) noch lange nicht wirklich ausgelotet.

Während die Winzer am Wagram mit Flaschenvermarktung höchst erfolgreich sind, konzentrieren sich so gut wie alle Erzeuger der Großlage Klosterneuburg (wenn man vom Stift Klosterneuburg absieht) auf ihr angestammtes Geschäft in den Buschenschenken. Da das ganze Jahr über viele Touristen in das Gebiet strömen und dabei stets auch die Buschenschenken frequentieren, ist man hier auf Flaschenvermarktung kaum angewiesen. Praktisch die gesamte Ernte könne entweder im Wege des Ausschanks umgesetzt werden oder „ab Hof“ an die Kunden gebracht werden, sagt Kerbl. Es gelte nun, die Buschenschenken mit hochqualitativen Weinen und einem entsprechenden Buffetangebot noch attraktiver zu machen. Es ist geplant, deren Inhaber für Schulungen zu motivieren und eine eigene Zertifizierung für die Buschenschank zu schaffen.