Im Vinaria-Jahrgangs-Check der 2006er-Mittelgewichts-Veltliner bis 12,5% kam es zum Finale zwischen der Wachau und dem Kamptal – und es blieb spannend bis zum Schluss.
Text: Hans Pleininger
Kaum eine Rebsorte versprüht derart vielfältig ihren Charme wie der Grüne Veltliner. Und kaum einer Traube wird derzeit auch so viel abverlangt. Veltliner ist in. Der Trend zu den trinkfreudigen Mittelgewichten ist nicht nur in der Gastronomie deutlich spürbar; denn wenn Frucht, Struktur und Balance stimmen, zählen diese Weine zu den trinkanimierendsten Weißen überhaupt. Kein Winzer darf sich heute daher in diesem Mengengeschäft qualitativ Blöße geben – was jedoch genau im Weinjahr 2006 gar nicht so leicht war. Wieder einmal.
Immer wenn man glaubt, man hat schon alles erlebt, setzt die Natur noch einmal eines drauf – und manchmal so wie im Jahr 2006 ganz schön kräftig, weswegen der Jahrgang wohl lang in der Erinnerung bleiben wird. Wir blenden kurz zurück: 2006 hat recht unauffällig begonnen. Ein langer, schneereicher Winter ging zu Ende. Es folgten ein in klimatischer Hinsicht durchwachsenes Frühjahr und ein zwischen Hitze und Trockenheit im Juli und Kühle und Regen im August zerrissener Sommer, der mancherorts schon schlimme Befürchtungen ob eines versöhnlichen Ausklangs auslöste.
Aber dann kam ein Herbst, an den wir uns alle erinnern, als wäre er gestern gewesen: mit einem nicht enden wollenden Altweibersommer, der bis in den November hineinreichte. Herrlich für die Erzeugung von Veltliner-Granaten, von denen wir in unserer nächsten Ausgabe berichten werden, aber umso schwieriger für die trinkfreudigen Grünen Veltliner bis 12,5 Prozent Alkohol, da die Mostgewichte und somit auch die potenziellen Alkoholgehalte des schönen Wetters wegen immer höher stiegen, während die physiologische Reife vielerorts hinterherhinkte. Wieder einmal war hinsichtlich Lesezeitpunkt viel Fingerspitzengefühl vom Winzer gefragt, auch wenn die wetterliche Konstellation eine ganz andere war als in den Jahren zuvor.
Ohne Frage war der mit einer nicht enden wollenden Schönwetterperiode im Herbst gesegnete 2006er primär ein Jahrgang der kraftvollen, körperreichen Weine, was sich auch bei unserer Verkostung offenbarte. So waren nicht nur die Spitzen rarer als bei unserer Verkostung der 2005er-Veltliner bis 12,5 Prozent im Vorjahr – weniger Weine konnten die 16-Punkte-Schallmauer durchbrechen –, auch der Punkteschnitt war niedriger. Außerdem hatten etliche bekannte Weingüter gradationsbedingt gar keinen 2006er-Veltliner mit 12,5 Prozent zu bieten – selbst unter Einbeziehung der bei der Etikettangabe erlaubten Toleranzgrenze von 0,5 Prozent Alkohol.
Doch auch bei etlichen der zur Verkostung eingereichten Veltliner dürften die Winzer die Toleranzgrenze ausgereizt haben, sprich: es gab wenige Leichtgewichte, dafür aber einige Weine, die sich recht kraftvoll und füllig präsentierten – durften sie auch, war doch der Jahrgang von einer attraktiven reifen (Wein-)Säure geprägt. Die Spitzen der Veltliner-Verkostung zeigten eindrucksvoll, wie diese Balance zwischen ausgereifter Frucht, pikanter Säure und gutem Alkoholgerüst Weine aus einem Guss ergab – eben trinkfreudige Paradeveltliner.
An die 200 Weine, naturgemäß vornehmlich aus Niederösterreich, wurden zur Verkostung eingereicht. Einige konnten ihren deutlichen Gerbstoff nicht verleugnen, bei manchen Vertretern fiel es sogar relativ unangenehm auf. Dazu fiel auch bei etlichen Weinen die mangelnde physiologische Reife auf; unreife Noten sind aber keinesfalls gutzuheißen, nur um das spritzige (zitrus)säurebetonte Feeling, das unter dem Deckmantel „pfeffrig“ verkauft wird, zu erhalten.
Die Sieger kamen diesmal aus der Wachau und dem Kamptal, deren Beste sich im Finale ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, wobei schlussendlich Johann Schmelz aus Joching in der dicht an dicht gereihten Leistungsschau mit seinem Steinwand-Federspiel knapp die Nase vorne hatte: ein Schulbuch-Veltliner, vollgepackt mit feingliedrigen Pfefferaromen, guter Mineralität und einem saftigen Fruchtmix aus Ringlotten, Pfirsichen und Hagebutten. Knapp dahinter folgte ein gemischtes Doppel aus je zwei Wachauern und Kamptalern: einerseits Willi Bründlmayer mit seinem Berg-Vogelsang sowie Michael Moosbrugger von Schloss Gobelsburg mit seiner Allerheiligenstiftung. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Moosbrugger auch seinen ansprechenden Basis-Veltliner namens Messwein im Vorderfeld platziert hat.
Andererseits konnten sich heuer auch die Wachauer Karl Stierschneider vom Kartäuserhof mit seinem gehaltvollen Federspiel von der Achleiten und Alois Höllmüller mit dem Federspiel Pichlpoint in der Spitzengruppe der kräftigen Mittelgewichte etablieren. Mit minimalen Abständen folgte eine Phalanx an weiteren höchst empfehlenswerten Veltlinern aus den donaunahen Gebieten, wobei der Wagram gleich mit vier Weinen vertreten war: Gerhard Direder, der mit seinem Schlossberg aufzeigen konnte, genauso wie sein Mitterstockstaller Ortskollege Bernhard Ecker, der mit dem Stokstal auch einen der Preis-Leistungs-Hämmer hält. Als dritter Power-Mann am Wagram konnte sich Franz Leth mit seinem Steinagrund in Szene setzen, knapp dahinter platzierte sich noch Stefan Bauer mit seinem Bromberg. Die Ehre des Weinviertels verteidigte schließlich der Pernersdorfer Julius Klein.
In Sachen Verschluss hat sich in den letzten Jahren einiges getan, und heuer setzte sich der Trend der letzten Jahre fort: Die Mehrzahl der eingereichten 2006er Veltliner-
Proben war verschraubt. Vereinzelt fanden sich ein paar Glasstöpsel-Verschließer, wie Summerer oder Jurtschitsch, deren Weine übrigens auch im Vorderfeld landeten. Naturkork war im mittelgewichtigen Veltliner-Segment so gut wie nicht vorhanden. Da die Winzer in dieser Qualitätsklasse zum Drehverschluss tendieren, sei noch angemerkt, dass auch nicht jede Flasche, die aufgedreht wurde, entsprach: Zu bemängeln gab es da teilweise überreduktive Weine, bei denen die Schwefeldosis wohl zu hoch angesetzt wurde, aber auch einige Flaschen, bei denen der Schraubverschluss nicht präzise angepasst war, was sich in Beeinträchtigungen bemerkbar machte. Bei jenen paar Weinen, bei denen sich die Flaschen krass unterschieden, haben wir von einer Beurteilung und Bewertung abgesehen.
Rund 200 Grüne Veltliner bis 12,5% Alkohol (laut Etikett) kamen zur Verkostung aus Riedel-Vinum-Gläsern Chianti Classico. Für Vinaria verkosteten Hans Pleininger, Rüdiger Pröll und Peter Schleimer. Als Gast-Juror fungierte Paul Kiefer von der Alpe Adria Weinhandlung am Hof in der Wiener Innenstadt.