Der Jahrgang 2005 hat den Rotweinwinzern viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung abverlangt. „Ein Jahr des Winzers“, wie es so schön heißt, dessen Ergebnisse sich dementsprechend durchwachsen präsentierten. Vor allem namhafte Topbetriebe und ausgewiesene Sortenspezialisten konnten sich in unserer umfangreichen Degustation der Standardrotweine durchsetzen. Text: Rüdiger Pröll
Lassen wir das Weinjahr 2005 Revue passieren: Ein kühles Frühjahr sorgte für mittelspäten, aber problemlosen Austrieb und in weiterer Folge für einen langsamen Blühverlauf, je nach Sorte zeigte sich darüber hinaus auch ein relativ inhomogener Traubenansatz. Die folgenden Sommermonate waren von recht gemäßigten Temperaturen begleitet, die Traubenreife entwickelte sich dabei aber grundsätzlich zufriedenstellend, doch bereits ab Anfang August setzten verstärkt Regenphasen ein, die, von wenigen Pausen abgesehen, bis Ende September andauerten. Problematisch war vor allem die warm-feuchte Witterung im August, die den Fäulnisdruck stark erhöhte und die Winzer in weiterer Folge zu sehr rigorosen Selektionsmaßnahmen nötigte. 20 bis 30 Prozent Mengeneinbußen waren die Regel, Primadonnen wie Pinot und Sankt Laurent konnten in ungünstigen Fällen bis zu über 50 Prozent von Botrytis befallen sein, auch beim früher reifenden Zweigelt mussten, wenn auch regional sehr unterschiedlich, große Abstriche hingenommen werden. Im goldenen Oktober zog dann doch noch der Altweibersommer ins Land und konnte die Sorgenfalten der heimischen Winzerschaft etwas glätten, summa summarum wurden bei den Standardrotweinen gute bis sehr gute Qualitäten eingefahren. Im Premiumbereich dürfte es, wenn auch sehr rar gesät, ausgezeichnete Weine geben, auf deren Entwicklung bis zu unserer endgültigen Bewertung am Jahresende wir recht gespannt sind.
Somit sind wir, was den Rotweinjahrgang 2005 betrifft, schon bei des Pudels Kern angelangt, nämlich bei den regional sehr unterschiedlichen Witterungsbedingungen, die konsequenterweise auch eine differenzierte Bewertung des Jahrgangs erfordern. Die selteneren Rotweinrieden im Krems- und Kamptal, am Wagram und in der Steiermark waren weitaus größerem Fäulnisdruck ausgesetzt als die ebenfalls sehr inhomogenen Gebiete im Weinviertel und im Burgenland. Letzteres ist zum Beispiel beim Thema Zweigelt genauer zu betrachten, manche Gemeinden auf der Golser Seite des Neusiedler Sees waren von besonders starken Regenfällen während der Lese der früher reifenden Sorten betroffen, im Seewinkel waren die Bedingungen für die roten Sorten wiederum sehr gut. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, am Leithagebirge und dessen Ausläufern, scheinen die klimatischen Voraussetzungen auch besser gewesen zu sein, wenn auch hier der Botrytisdruck in seenahen Lagen nicht unerheblich war. Die Hochburg des Blaufränkisch, das Mittelburgenland, hatte 2005 ebenso mit ungünstiger Witterung zu kämpfen, so mancher Winzer verzichtete zugunsten seiner Standard- und Lagenweine auf die Füllung von Topweinen. Besonders auffällig im Rahmen unserer Degustation war das sehr gute Niveau der niederösterreichischen Rotweinhochburgen Carnuntum und Steinfeld, die mit klassischem Zweigelt ebenso punkten konnten wie mit Pinot und Sankt Laurent.
Die Rotweinproduzenten hatten es mit dem Jahrgang 2005 wahrlich nicht leicht, dazu gesellt sich die Tendenz medialer Berichterstattung, einen schlanken Jahrgang, und dazu zählt 2005 nun einmal, stark verallgemeinert darzustellen und Weine und Winzer sprichwörtlich über einen Kamm zu scheren. Vor zehn bis fünfzehn Jahren hätte ein solch durchwachsener Jahrgang deutlich mehr önologische Probleme verursacht und folglich auch deutlich bescheidenere Ergebnisse hervorgebracht, als dies heutzutage der Fall ist. Den Winzerinnen und Winzern sei daher an dieser Stelle auch Respekt vor den unermüdlichen Anstrengungen gezollt, die solch ein Jahrgang im Besonderen mit sich bringt. Sie haben bezüglich Holzeinsatz, Konzentration und Balance ihre Weine wesentlich besser im Griff als noch vor ein paar Jahren; auch die Konsequenz, auf gewisse Lagenweine und Spitzencuvées zu verzichten gehört mittlerweile dazu, mit dem angenehmen Nebeneffekt, den qualitativen Mittelbau und die Basisqualitäten in einem Jahr wie 2005 nicht zu sehr ausbluten zu lassen.
Andererseits scheint Kritik angesichts mancher eingereichter Proben durchaus angebracht: So zeichnet sich in der Zweigeltgruppe ein deutlicher Hang zur Überkonzentration ab, in der Regel zwar durch natürlichen Saftabzug, aber das Ergebnis ist trotzdem unharmonisch und deckt bisweilen den Sortencharakter zu –, weniger wäre hier oft mehr gewesen. Wie’s richtig geht, zeigt der tolle Zweigelt Dornenvogel von Walter Glatzer oder die Reserve vom Weingut Ernst Steindorfer.
Ein durch die Bank erfreuliches Bild zeichnen Sankt Laurent und Pinot Noir, sie stellen fast die Hälfte der Top-20-Weine und bieten viel Typizität und Trinkspaß zu vergleichsweise fairen Preisen. Das zeigen bekanntere Winzer wie Gerhard Markowitsch, das Rotweingut Lang oder Rosi Schuster ebenso wie Hannes Dachauer und Rudolf Kaiser, um nur einige zu nennen.
Die Gruppe der Blaufränkischen zeigt sich hingegen ziemlich durchwachsen, zumal einige Winzer mittels merklicher Zugaben von Cabernet und Merlot versuchen, ein Manko an Struktur und/oder Reife wettzumachen. Wenn’s der Winzer beherrscht, ist das nicht nur legitim (bis zu 15% Zugabe ist ja weingesetzlich erlaubt), sondern bezüglich Harmonie und Trinkfluss in dieser Preisklasse auch wünschenswert. Wenig sinnvoll erscheint dies, wenn der Sortencharakter des Blaufränkisch unnötig maskiert wird, wie das bei einigen Proben deutlich der Fall ist. Die besten Blaufränkischen zeigen den Jahrgang ungeschminkt und recht trinkfreudig, wenig überraschend zählen die Weine von Winzereliten wie Paul Kerschbaum oder Feiler-Artinger zu den Besten. Cabernet und Merlot sind reinsortig beziehungsweise als Cuvée im Standardbereich durchwegs gut, knapp sehr gute Ergebnisse haben aber nur wenige Betriebe erreicht.
In der Gruppe der Cuvées mit anteilig österreichischen Sorten ist das Niveau wiederum durchwegs besser, und zwar querbeet durch die Anbaugebiete, wobei die Weine des Seewinkels besonders hervorzuheben sind; mit der Cuvéerot beweist Hans Tschida vom Angerhof exemplarisch, dass er nicht bloß bei den süßen Prädikaten ein Wörtchen mitzureden hat, er stellt den besten Wein der gesamten Probe.
Im Gegensatz zu den leichteren Weißweinen ist in derselben Kategorie bei Rotweinen der Anteil an Korkverschlüssen immer noch sehr hoch, trotzdem ist die verschlussbedingte Fehlerrate rückläufig, die Korkqualitäten dürften sich zunehmend bessern. Ein paar Proben wiesen auch starke oxidative Töne auf, obwohl es sich dabei keinesfalls um Fassproben gehandelt hat, die Fehlerrate ist insgesamt mit gut achtzehn Prozent aber immer noch viel zu hoch.
Dem Rotweinjahrgang 2005 kommt insofern Bedeutung zu, als er den reifeverwöhnten Konsumenten einen schlankeren Stil beschert, der, so sich der Winzer Mühe gegeben hat, genau jene Attribute erfüllt, die ein Großteil der Weinfreunde ohnehin einfordert, nämlich balancierte, früh zu trinkende Weine mit klarem Sortenprofil und einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Im Resümee können wir also eine große Anzahl an guten bis sehr guten Weinen empfehlen, wenn auch das durchschnittliche Punkteniveau niedriger als in den drei Jahren davor angesiedelt ist und die rar gesäten Spitzen die Grenzen des Jahrgangs aufzeigen. Weinliebhaber sind genauso wie die Gastronomie gut beraten, Rotweinjahrgänge mit Lagerpotenzial zugunsten des Jahrgangs 2005 zurückzuhalten und dafür diesen in absehbarer Zeit zu genießen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und so zeigten ein paar Topweine im Jungweinstadium zweifelsohne auch Potenzial; spätestens nach unserer Premiumverkostung gegen Jahresende wissen wir mehr zu berichten.
Für VINARIA verkostet haben Hans Pleininger, Rüdiger Pröll, Peter Schleimer und Viktor Siegl. Als Gastverkoster an der Finalrunde nahm Thomas Breitwieser vom Restaurant Coburg teil, dessen Team wir an dieser Stelle für die professionelle Abwicklung der Verkostung danken möchten.