Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

A la Carte Ausgabe 02/2007

Bio vs. integriert

Die meisten österreichischen Winzer betreiben Weinbau auf möglichst schonende Art und Weise, die Philosophien sind aber recht unterschiedlich und der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. Text: Rüdiger Pröl

Biologische Landwirtschaft und somit auch der Bio-Weinbau sind per se nicht neu: bis zur bäuerlichen Industrialisierung, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig eingesetzt hat, waren Kunstdünger oder synthetische Pflanzenschutzmittel kaum in Verwendung. Allerdings war aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Einschleppung von Rebkrankheiten und Schädlingen nach Europa, eine neue Ära für den Weinbau angebrochen; verzweifelt wurde versucht, die aufkommende Gefahr von Pilzkrankheiten, vor allem den Mehltau, zu bekämpfen. In Form der sogenannten „Bordelaiser Brühe“, eine Mischung aus gebranntem Kalk und Kupfersulfat, hatten die Winzer jedoch bald ein recht effektives Pflanzenschutzmittel zur Hand. Den verheerenden Pilzerkrankungen folgte ab 1870 die Reblaus nach, die für den europäischen Weinbau bis ins 20. Jahrhundert verheerende Auswirkungen hatte. Bis die Technik des Pfropfens auf amerikanische Unterlagsreben das Problem löste, vergingen schmerzhafte Jahre, nicht nur für die betroffenen Winzerfamilien, sondern auch für das biologische Gleichgewicht der Weinberge und die Bodengesundheit. Zur Bekämpfung der Reblaus wurden erstmals massiv toxische Substanzen in den Boden eingebracht, vor allem hochgiftige Verbindungen wie Schwefelkohlenstoff. Kupferne Giftinjektoren sind heute noch in jedem Weinbaumuseum zu bewundern.

Die integrierte Produktion.

Mit komplexeren Pflanzenschutzmitteln, den systemischen Fungiziden und Herbiziden, kam es ab Mitte der 1950er-Jahre zur Hochblüte der sogenannten konventionellen Produktion, hohe Erträge bei geringem Ausfall durch Pilze und Insekten schienen möglich. Die Resultate waren anfangs durchaus beachtlich, doch bald zeigten sich ernste Probleme. Neben einer unbalancierten Nährstoffversorgung der Böden kam es vor allem zu einer zunehmenden Wirkungslosigkeit durch Resistenzbildung der zu bekämpfenden Organismen. Aus diesem Problembewusstsein heraus hat sich das System der Integrierten Produktion (IP) entwickelt, ein staatlich gefördertes Modulsystem, welches von der Bodenbearbeitung bis zum Spritzmitteleinsatz genau regelt, was, wann und in welcher Menge eingesetzt werden darf. Heute nimmt in Österreich ein Großteil der Weinbaubetriebe an der IP teil. Sie beinhaltet im Kern vor allem einen Verzicht auf chemische Maßnahmen, soweit biologische oder biotechnische Mittel ausreichen. Das bedeutet zum Beispiel eine Unterstützung oder aktives Aussetzen von natürlichen Gegenspielern der Schädlinge, aber auch die Anwendung von Lock- und Duftstoffen. Auch für die Bodenbearbeitung gibt’s entsprechende Vorschriften, angefangen von verpflichtenden Bodenuntersuchungen, über Düngerichtlinien bis zu Extramodulen bezüglich des Erosionsschutzes im Weingarten durch Begrünung.

Organisch-biologisch versus biologisch-dynamisch.

Der Bio-Weinbau teilt sich in diese beiden Richtungen. Erstere richtet sich an das Ökosystem Weingarten, neben dem Verzicht auf systemische Spritzmittel sind es vor allem zum Erhalt des Bodenlebens durchgeführte Begrünung sowie die Schädlingsbekämpfung durch kulturtechnische Maßnahmen. Auch die Kellerarbeit regelt ein Vorschriftenkatalog; Weinbehandlungsmittel und Lebensmittelzusatzstoffe müssen, so sie organischen Ursprungs sind, aus biologischer Produktion stammen. Ganz ohne bestimmte chemische Präparate geht’s freilich nicht. Neben diversen Pflanzenölen und Mikroorganismen sind Schwefel und Kupfer erlaubt, sie sind immer noch die effektivsten Mittel im Kampf gegen Krankheiten und Schädlingsbefall.

Einen anderen Weg geht die Lehre des biologisch-dynamischen Weinbaus, dessen Philosophie weit über das Ökosystem Weingarten hinausreicht. Den Ausgang dieser als ganzheitlich verstandenen Landwirtschaft hat die Biodynamik von den Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiner. Er begann schon an der Wende zum 20. Jahrhundert ein Gegenmodell zur zunehmend industrialisierten Landwirtschaft zu entwerfen. Besondere Bedeutung kommt, ebenso wie im normalen Biobetrieb, der Erhaltung beziehungsweise dem Aufbau einer lebendigen Humusschicht zu, auch verrotteter und mit diversen Präparaten versehener Kompost wird in den Weingarten eingebracht. Alle Arbeitsabläufe richten sich – soweit möglich – nach möglichst günstigen Mondphasen und bestimmten Tagen. Natürlich kommen auch die oft zitierten Kuhhörner zum Einsatz. Hierbei wird Kuhmist in Rinderhörnern vergraben und gereift, nach Steiner wird dadurch der Inhalt mit kosmischer Energie und Information angereichert. Wieder ausgegraben, wird das Ganze mit Wasser „dynamisiert“ und in homöopathischen Dosen im Weingarten ausgebracht. Ebenfalls ins Horn kommen mineralische Substanzen, die dann in entsprechender Verdünnung aufs Blatt appliziert werden, um die Rebstöcke zu stärken. Neben solch ganzheitlichen Methoden muss aber auch der biodynamisch arbeitende Winzer Schädlingen und Pilzen mit Netzschwefel und Kupfer zu Leibe rücken, freilich in wesentlich geringerer Dosierung.

Probleme und Chancen.

Egal ob IP oder biologisch, jede der Philosophien hat so ihre Probleme in der weinbaulichen Praxis. Ein Beispiel dafür ist der dem IP-Modul angegliederte Erosionsschutz. Er schreibt vor, über welchen Zeitraum hinweg Fahrgassen begrünt oder offen gehalten werden dürfen, der Winzer muss sich, so er seine Förderung nicht verlieren will, daran halten, auch wenn aufgrund spezifischer Witterung und Bodenbeschaffenheit eine andere Vorgehensweise sinnvoller wäre. Bio-Betriebe stehen wiederum vor dem Problem, auf Schwefel und Kupfer nicht verzichten zu können. Netzschwefel und seine Abbauprodukte werden noch als relativ problemlos eingestuft, die Ausbringung der Kupferpräparate birgt jedoch ein Risiko der Anreicherung im Boden in sich. Trotz Hochdruckforschung gibt’s noch keinen Ersatz dafür. Das Einfahren in die Weingärten mit schwerem Gerät – Traktor samt Maschinenpark – ist ein Nachteil, der allen gemein ist. Die Biowinzer, aufgrund der mechanischen Mehrarbeit besonders gefordert, versuchen mit leichteren Maschinen (Squads) der Problematik entgegenzusteuern.

Die Chancen möglichst schonender und natürlicher Arbeitsweisen sind vor allem seit dem Bemühen um mehr Eigenständigkeit der Weine und der Terroirdebatte deutlich gestiegen. So unterschiedlich auch die Philosophien sein mögen, tolle Weine zu keltern: Spitzenweine entstehen niemals bloß durch starre Regeln und Überzeugungen, sondern sind das Ergebnis jahrelangen Bemühens und harter Arbeit mit einer der faszinierendsten Nutzpflanzen der Welt, der Weinrebe.