Bei der gedeckten Cabernet Sauvignon-Verkostung in der Wiener Weinbar „Enrico Panigl“ verspürten die Juroren österreichische Rotweingeschichte in flüssiger Form. Wie sich zeigte, können burgenländische Topweine mit internationalen Spitzenweinen dieser Sorte tadellos mithalten. Text: Johann Werfring
Obwohl hierzulande nur 2,5 Prozent der Rotweinanbaufläche mit Cabernet Sauvignon bestockt sind, hat diese Sorte in den vergangenen 20 Jahren nicht wenig zum Aufschwung und Image des österreichischen Rotweines beigetragen. Bei einer Reihe von Weinen, die es mittlerweile zu Kultstatus gebracht haben, spielt der Cabernet Sauvignon als Cuvéepartner eine wichtige Rolle. So etwa trifft dies auf Kollwentz’ „Steinzeiler“, Iglers „Vulcano“, Kerschbaums „Impresario“ und Pöckls „Admiral“ zu.
Hingegen sind reinsortige Cabernet Sauvignons in Österreich äußerst rar. Die Gründe hierfür sind rasch und einfach erklärt: Weil die Trauben dieser Sorte nur in warmen Jahren voll ausreifen und bei etwas kühleren Vegetationsperioden dazu neigen, unerwünschte Grüntöne mit Brennnessel- und überbetonten Paprikaanklängen auszubilden, haben viele Erzeuger ihre liebe Not mit dem Cabernet Sauvignon.
Einige Top-Winzer haben sich dennoch dem reinsortigen Cabernet Sauvignon verschrieben und diesen jahrgangsweise beinahe lückenlos seit den 1980er-Jahren produziert. Um zu erkunden, ob österreichische Cabernet Sauvignons auch im gereiften Zustand den Erwartungen gerecht werden und international mithalten können, haben wir diese – gemeinsam mit einigen angesehenen ausländischen Weinen – im Wege einer gedeckten Verkostung getestet.
Ausgewählt wurden für diesen Test ausschließlich Weine von – durchwegs hochkarätigen – Betrieben, die bereits seit den 1980er-Jahren kontinuierlich reinsortige Cabernet Sauvignons erzeugen. Gekostet wurde in drei Gruppen: In der ersten Altweingruppe standen Weine der Jahrgänge 1983 bis 1994 auf dem Prüfstand. In der zweiten Gruppe wurden ausschließlich 1997er-Rebsäfte verkostet. In diesem Falle wurde zudem der bekannt grandiose Ausnahme-Cabernet des Horitschoner Winzers Paul Kerschbaum mitbewertet. Die dritte Gruppe wurde von 2003ern bestritten. Mithin waren ausschließlich Jahrgänge am Start, in denen der Cabernet Sauvignon im Burgenland gute Voraussetzungen vorfand.
In der Altweingruppe der Jahrgänge 1983 bis 1994 bestätigten die Juroren den Wein von Prieler unisono als herausragend. Relative Einhelligkeit herrschte bei den Verkostern auch hinsichtlich des 1987ers von Igler. Hinsichtlich der übrigen Weine dieser Gruppe waren die Meinungen der Verkoster überaus uneinheitlich. So etwa erhielt der Cabernet Sauvignon 1992 von Igler unter anderem zwei Mal die Note 83 und zwei Mal die Note 90. Auch beim 1992er von Juris klafften die Punktefestschreibungen sehr weit auseinander. Am augenfälligsten waren die Meinungsunterschiede der Verkoster beim ältesten Wein, dem 1983er Cabernet Sauvignon von Kollwentz. In diesem Fall oszillierten die Punkte sogar zwischen 80 und 95. Der Wein von Léoville Barton korkte und fiel aus dem Bewerb. Schließlich ist zu vermerken, dass bei den 1997er- und 2003er-Cabernet Sauvignons von den Verkostern annähernd einheitliche Punktewerte vergeben wurden.
Sehr interessant ist ein direkter Vergleich der 1997er- und 2003er-Ergebnisse. Diese Jahrgänge waren zunächst von der Fachpresse gleichermaßen hoch gelobt worden. Obwohl die Burgenländer auch in der 1997er-Gruppe recht passable Werte erzielen konnten, punkteten ihre 2003er vergleichsweise sehr hoch. Sowohl in der 1997er- als auch in der 2003er-Gruppe konnten die heimischen Weine mit den internationalen Tröpfchen durchwegs mithalten, zum Teil wurden Letztere sogar in beeindruckender Weise überflügelt. Während Paul Kerschbaum beim 1997er seiner Favoritenrolle gerecht werden konnte, hatte Prieler bei den 2003ern (ebenso wie bei der Gruppe 1983 bis 1994) die Nase vorn.
Willibald Balanjuk, Chef von „Wein Burgenland“, der bei der Verkostung als Juror teilgenommen hatte, zeigt sich mit den Ergebnissen hoch zufrieden: „Es ist eine Überraschung, dass die Weine derart gut gehalten haben und sich so lebendig präsentierten.“ Das schlechtere Abschneiden des Jahrganges 1997 gegenüber dem Jahrgang 2003 erklärt Balanjuk damit, dass zu jener Zeit in vielen Fällen zu lange Maischestandzeiten angesetzt wurden, was dem Cabernet Sauvignon nicht wirklich gut getan habe. Hinsichtlich der unterschiedlichen Verkostungsergebnisse in der Gruppe 1983 bis 1994 möchte Balanjuk die Ergebnisse etwas relativieren. Es sei vor allem eine Frage der spezifischen Verkostungserfahrung mit gereiften Weinen und der Investition in gereifte Weine. Natürlich könne man sich nicht so oft gereifte, hochwertige und damit teure Weine leisten. Es gelte aber, in Österreich ein Sensorium für Entwicklungsstadien hochwertiger Weine sowie eine Altweintradition zu entwickeln. Alles in allem, so Balanjuk, sei der reinsortige Cabernet Sauvignon in Österreich eher ein Randprodukt, zumal pro Dekade lediglich zwei bis drei Spitzenjahre für diese Sorte zu verzeichnen seien.
Etwas differenzierter sieht das Andi Kollwentz: „Es gibt in jeder Dekade zweifellos Spitzenjahrgänge wie den 2003er, aber durch aufwändige Rebpflege ist es uns möglich, selbst Jahrgänge wie den 2005er in entsprechender Qualität, ganz ohne Grüntöne, in die Flasche zu bekommen. Auch unser 2001er-Cabernet Sauvignon, der zunächst als schwierig eingestuft worden war, ist sehr schön ausgefallen.“ Freilich gibt es auch (ganz selten) Jahrgänge wie den 1996er und den 1991er, in denen Kollwentz sowohl den reinsortigen Cabernet Sauvignon als auch die Cuvée „Steinzeiler“ ausfallen ließ. Im Übrigen produziert Kollwentz seinen Cabernet Sauvignon seit 1997 nicht mehr ausschließlich reinsortig, sondern stets unter Hinzufügung von sieben bis fünfzehn Prozent Zweigelt (eine Beimengung von bis zu 15 Prozent ist laut österreichischem Weingesetz erlaubt, um einen Wein als reinsortig bezeichnen zu dürfen). Im Wege des jahrelangen Experiments habe er herausgefunden, dass sich sein Cabernet Sauvignon mit geringfügigem Zweigelt-Anteil viel besser präsentiert als reinsortig.
Axel Stiegelmar vom Golser Weingut Juris freut sich, dass mit der gedeckten Verkostung auch der gereifte Cabernet Sauvignon zum Thema gemacht wird. „Weil Österreich erst nach dem 2. Weltkrieg begonnen hat, eine Weintradition zu entwickeln, konnte hierzulande bisher noch kein richtiges Altweinbewusstsein entstehen. Die Gastronomie bietet aus Gründen der teuren Lagerhaltung fast ausschließlich junge Weine an. Wir möchten da mit unserer Reservelinie bewusst entgegensteuern, indem wir die Weine erst nach entsprechender Flaschenreife auf den Markt bringen. Gerade beim reinsortigen Cabernet Sauvignon wäre es ein großer Fehler, den Wein bereits in einem jugendlichen Stadium zu trinken.“
Silvia Prieler, die bei dem Bewerb mit ihren Weinen insgesamt am besten abgeschnitten hat, erblickt im reinsortigen Cabernet Sauvignon trotz seiner Randständigkeit in Österreich auch eine gewisse Chance für den Export: „Unser Hauptabsatzmarkt ist Westösterreich, vor allem der Arlberg. Es kommt immer wieder vor, dass ausländische Weinexporteure, die am Arlberg urlauben, über die hohe Qualität unseres Cabernet Sauvignon erstaunt sind und solcherart auf unser Weingut aufmerksam werden.“ Nicht wenige Exporte nach England, Kanada und in die USA seien auf diese Weise zustande gekommen.
Die Geschichte des Cabernet Sauvignon in Österreich reicht in ihren Anfängen zurück bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Champagnerexperte Robert Schlumberger in Bad Vöslau mehrere Weingärten in der Riede Goldeggen (heute Goldeck) erwarb. Um 1850 profilierte sich Schlumberger mit seinen Neuauspflanzungen von Cabernet Sauvignon und Merlot als österreichischer Rotweinpionier. Sohin darf er als Stammvater des Cabernet Sauvignon in Österreich bezeichnet werden. Auch heute noch spielt die Sorte bei Schlumbergers Bad Vöslauer Top-Cuvées eine vorrangige Rolle.
Sehr viel später erst wurde die Sorte auf burgenländischem Terrain ausgepflanzt. Im Jahr 1969 verfiel der Ruster Winzer Peter Schandl auf der Suche nach botrytisresistenten Sorten auf den Cabernet Sauvignon und auf den Cabernet Franc. Als eigentlicher Begründer einer nachhaltigen Cabernet Sauvignon-Tradition in Österreich gilt allerdings der Großhöfleiner Qualitätsweinpionier Anton Kollwentz. Nachdem er Anfang der 1980er-Jahre durch autodidaktische Studien auf die französische Edelsorte aufmerksam geworden war, hatte ihm ein Weinkunde eine Flasche reinsortigen Cabernet Sauvignon aus Südafrika mitgebracht. „Ich war von den herrlichen Johannisbeeraromen derart begeistert, dass ich augenblicklich beschloss, einen Auspflanzversuch zu unternehmen“, erinnert sich Anton Kollwentz. Jedoch galt es zunächst, den hartnäckigen Widerstand der Behörden zu überwinden, die einer Auspflanzung damals keinesfalls zustimmen wollten. Nach zähem Ringen erreichte Kollwentz schließlich eine Sondergenehmigung für eine Cabernet Sauvignon-Versuchsanlage, allerdings mit der Auflage, dass er den Weingarten nach 15 Jahren roden müsse. „Das war mir damals egal, denn wenn die Sorte nicht ins Gebiet passt, verdient sie es ohnedies, ausgehackt zu werden, dachte ich mir, wenn sie aber erfolgreich ist, wird sich alles Weitere weisen“, erläutert Anton Kollwentz seine damalige Strategie.
So kam es, dass Kollwentz 1981 seinen ersten Cabernet Sauvignon auspflanzte und gleich mit der ersten Lese (1983) im Jahr 1984 den Falstaff-Sieg errang, den er im darauf folgenden Jahr mit derselben Sorte gleich wiederholte. Mit diesen Erfolgen löste er in Österreich einen regelrechten Cabernet Sauvignon-Boom aus. 1982 erreichte auch Laurenz Moser für Niederösterreich eine Aussetzgenehmigung und pflanzte in Mailberg im Schlossweingut des Malteser Ritterordens seinen ersten Cabernet Sauvignon. Mitte der 1980er-Jahre organisierte Franz Schuster vom Weingut Rosi Schuster eine Reihe von Weinreisen nach Frankreich, an denen sich neben Anton Kollwentz auch Hans Igler, Engelbert Gesellmann, Hans Feiler und viele weitere Winzer beteiligten. „Was wir dort sahen und lernten, hatte eine regelrechte Initialzündung für den burgenländischen Rotweinanbau zur Folge“, erläutert Franz Schuster. Neben Laubarbeit, Ertragsbeschränkung und biologischem Säureabbau wurde den Burgenländern damals durch das französische Vorbild auch der Cabernet Sauvignon noch weiter schmackhaft gemacht. Anknüpfend an die Erfolge von Anton Kollwentz, brachte Hans Igler seinen ersten Cabernet Sauvignon im Jahr 1987 und „Bertl“ Prieler im Jahr 1988 heraus. Georg Stiegelmar (Weingut Juris) kelterte seinen ersten Cabernet Sauvignon 1989 und in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre folgten zahlreiche weitere Erzeuger diesem Beispiel. Einen (vorläufig) letzten Höhepunkt erreichte die Euphorie, als Paul Kerschbaum 1997 mit seinem reinsortigen Cabernet Sauvignon bei Bewerben im In- und Ausland Furore machte.
Im letzten Jahrzehnt ist die Begeisterung bei vielen Winzern wieder verflogen. Paul Achs etwa, der zuvor seinen Edelwein „Pannobile“ mit Cabernet Sauvignon verschnitten hatte, rodete 1999 den gesamten Bestand dieser Sorte. „Der Cabernet wird gut auf sonnigen Top-Lagen, aber diese Lagen benötigen wir für den Blaufränkischen“, begründet Achs diesen Schritt. Außerdem habe der Cabernet Sauvignon-Anteil in der Cuvée „Pannobile“ im Laufe des Reifeprozesses den Wein viel zu stark dominiert. Auch Anton Iby aus Horitschon hat 2004 dem Cabernet Sauvignon gänzlich abgeschworen: „Wir haben die Sorte ausgehackt, weil sie auf unseren lehmigen Böden nicht so gut funktioniert und in fünf von zehn Jahren unreife Töne zeigt. Durch die Hinzufügung von Cabernet Sauvignon hat in solchen Jahren bei uns eine Blaufränkisch-Cuvée viel weniger Körper als vorher.“ Stattdessen will man sich im Hause Iby „mehr auf die eigentlichen Stärken“, vor allem auf den angestammten Blaufränkischen, besinnen.
Obwohl der Cabernet Sauvignon eigentlich ein Luxus ist, weil er die besten Lagen beansprucht und in manchen (ganz problematischen) Jahren sogar im Gebinde verkauft werden muss, haben sich die Weingüter Kollwentz, Igler, Prieler und Juris ihre Euphorie für die Sorte bewahrt und keltern den Wein bis heute auch reinsortig. Was den aktuell heranreifenden 2006er-Jahrgang betrifft, bringt Axel Stiegelmar vom Weingut Juris seinen Enthusiasmus – auch im Sinne seiner Winzerkollegen – auf den Punkt: „Dieser hervorragende Cabernet Sauvignon-Jahrgang ist eine wahre Freude. Er ist ein Grund für mich, mit der Sorte weiterzumachen.“
| Weingut | Jahrganz | VINARIA | Gesamt |
|---|---|---|---|
Hans Igler, Deutschkreutz |
1992 |
87 |
87 |
Prieler, Schützen am Gebirge |
1992 |
88 |
90,35 |
Hans Igler, Deutschkreutz |
1987 |
87 |
84,00 |
Kollwentz, Großhöflein |
1990 |
92 |
87,80 |
Juris, Gols |
1992 |
92 |
88,27 |
Kollwentz, Großhöflein |
1992 |
88 |
85,18 |
Kollwentz, Großhöflein |
1983 |
90 |
86,86 |
| Weingut | Jahrganz | VINARIA | Gesamt |
|---|---|---|---|
Hans Igler, Deutschkreutz |
1997 |
85 |
86,54 |
Kollwentz, Großhöflein |
1997 |
89 |
87,92 |
Sassicaia, Italien |
1997 |
87 |
87,08 |
Juris, Gols |
1997 |
88 |
87,42 |
Paul Kerschbaum, Horitschon |
1997 |
93 |
90,67 |
Pichon Lalande, Frankreich |
1997 |
92 |
88,00 |
Prieler, Schützen am Gebirge |
1997 |
91 |
89,13 |
| Weingut | Jahrganz | VINARIA | Gesamt |
|---|---|---|---|
Léoville Barton, Frankreich |
2003 |
88 |
89,79 |
Kendall Jackson, Kalifornien |
2003 |
87 |
86,79 |
Hans Igler, Deutschkreutz |
2003 |
89 |
90,54 |
Prieler, Schützen am Gebirge |
2003 |
93 |
87,42 |
Kollwentz, Großhöflein |
2003 |
90 |
90,33 |
Juris, Gols |
2003 |
92 |
90,38 |