Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

A la Carte Ausgabe 01/2007

Die Zuckerseite des Lebens

Ein bemerkenswertes Niveau an Spitzenweinen, das Burgenland als eindeutiger Gebietssieger und kaum Überraschungen – das ist die Quintessenz des zweiten Teils der umfangreichen VINARIA-Süßweinprobe. Besonders die Klassiker der großen Namen zeigten deutlich, wer in dulcis das Sagen hat. Text: Hans Pleininger und Rüdiger Pröll

Österreichische Eisweine, Trockenbeerenauslesen und Co., also die sogenannten höherwertigen Prädikate, spielen im weltweiten Reigen der Topweine ganz oben mit, dem Loblied der internationalen Weinpresse können wir uns angesichts der Ergebnisse auf jeden Fall anschließen, wenn ein Hitzejahrgang wie 03 die Winzer auch auf den (zu) trockenen Boden der Tatsachen zurückholte.

Der erste des verkosteten Jahrgangtrios – es kamen Weine von 2003 bis 2005 auf den Prüfstand – war von tropischer Hitze über einen Großteil des Vegetationsverlaufs geprägt, dies erbrachte querbeet wunderbar sauberes und überaus reifes Material für trockene Weine, aber eben nur ganz wenig von der Edelfäule Botrytis cinerea befallenes Traubengut. Immerhin bot sich die Chance der Eisweinproduktion. Spitzenwinzer wie Alois Kracher deklassierten überhaupt einen Großteil der Ernte und beschränkten sich hauptsächlich auf die Produktion von (sehr guten) Auslesen und Beerenauslesen.

2003

Die paar eingereichten 2003er führten, durchwegs auf hohem Niveau, die Grenzen des Jahrgangs vor Augen und zeigten bereits ziemlich fortgeschrittene Reife bei relativ wenig Spiel bezüglich Struktur und Präzision. Jetzt und in absehbarer Zukunft sind sie wunderbar zu trinken, im Regelfall erübrigt sich aber die Frage nach großem Potenzial und anwachsender Finesse. Für die Eisweine sah es da schon besser aus, der Frost kam zögerlich, aber doch: ein kurzer Kälteeinbruch Ende Oktober, hauptsächlich aber relativ spät im Dezember, ermöglichte die Einbringung sehr guter Qualitäten; in der Spitze können diese aber weder dem Jahrgangsvorgänger noch dem Nachfolger das Wasser reichen.

2004

Der Nachfolgejahrgang 2004, dem ein Großteil der verkosteten Weine zuzurechnen ist, stellt nämlich ein ganz anderes Kaliber dar, und zwar quer durch alle süßen Prädikatsstufen. Lassen wir dieses Jahr, welches die Presse gern als „typisch österreichischer Jahrgang“ bezeichnet, kurz Revue passieren: Der Winter markierte einen durchaus positiven Beginn, reichlich Niederschläge brachten den im Hitze- und Trockenjahr 2003 gestressten Reben die verdiente Erholung, allerdings ging’s regnerisch und teilweise recht kühl weiter und der Austrieb erfolgte später als gewohnt. Die anhaltend sonnenarmen Monate Mai und Juni sorgten dann für eine mittelspäte Blüte, die auch von teilweise starken Niederschlägen begleitet wurde, eine erste natürliche Ertragsreduktion war die Folge. Als dann auch noch der feuchte Juli Einzug hielt, waren die pessimistischen Prognosen vieler Winzer schon unüberhörbar, aber – unverhofft kommt oft – ein strahlender August erwies seinem Ruf als Sonnenmonat alle Ehre.

Der ersehnte Umschwung währte allerdings nur kurz, denn kaum waren die ersten Frühsorten eingebracht, setzten Niederschläge ein, die, von kleinen Unterbrechungen ausgenommen, den ganzen Oktober über anhielten. Ein hohes Ausmaß an Mehrarbeit für engagierte Winzer war die Folge. Verstärkt wurde die Tendenz zu hoher Luftfeuchtigkeit durch ein unterschätztes Phänomen während der seltenen Hochdruckphasen, nämlich der Hochnebelbildung. Im Donautal und den Anbaugebieten der Nebenflüsse, aber auch in Teilen des Weinviertels, der Steiermark und des Nordburgenlandes konnten die Reben zwischen den Regenperioden kaum abtrocknen, was wiederum ideale Bedingungen für die Ausbildung der Edelfäule bedeutete. Während ab Ende Oktober und Anfang November die Einbringung der reifen Premiumqualitäten einem Wettrennen gegen den Pilzdruck glich, wurde den Süßweinspezialisten ob der Wetterbedingungen ganz warm ums Herz. Spät, aber doch konnten erhebliche Mengen an hohen Prädikatsweinen gelesen werden, wohlgemerkt von ausgezeichneter Qualität.

Auch die Eisweinlese begann Mitte Dezember in etwas eingeschränktem Ausmaß. Somit stellte die Witterung im Herbst die Weichen in Richtung ausgezeichneter Süßweinjahrgang, wobei die Burgenländer klimatisch gesehen etwas im Vorteil waren. Hier setzte die Botrytisbildung meist bei optimaler Traubenreife ein, während im Großteil Niederösterreichs zum Zeitpunkt der Ausbildung des edlen Schlauchpilzes die erforderliche Reife zwar oft, aber nicht immer optimal gegeben war. So mancher Winzer der klassischen Weißweinhochburgen entschloss sich, aufgrund der ohnehin niedrigen Erträge in diesem Jahr die Selektion gesunden Traubenmaterials zu forcieren, um genug Mengen für die trockenen Premiumweine zu erhalten. Auch viele steirischen Kollegen folgten ähnlichen Überlegungen.

2005

2005 waren die Bedingungen für die Edelfäule grundsätzlich gut, jedoch setzte die ideale Witterung erst recht spät ein, so ist die Qualität zum Beispiel im Burgenland sehr gut, die Mengen aber bestenfalls bescheiden, derzeit können vor allem die niedrigeren Prädikate ob ihrer ausgesprochen sauberen Fruchtpräsenz und des sympathischen Trinkflusses besonders überzeugen. Für die Eisweine gilt Ähnliches, später Lesezeitpunkt und wenig Ertrag waren aber die Regel. Eine gewisse Sonderstellung nehmen Schilf- respektive Strohweine ein, für deren Herstellung sauberes Traubenmaterial unabdingbar ist, für diese Spielart mussten sich die Winzer 2005 noch wesentlich härter ins Zeug legen als im Jahr davor.

Wo der Bartel den Süßwein holt.

Betrachten wir die nachstehenden Ergebnisse unserer Blindprobe, so liest sich die Liste der Besten wie das Who is Who der österreichischen Winzerszene. Süßweinherstellung an sich ist schon eine Königsdisziplin, solche Essenzen aber auf Weltklasseniveau zu keltern, ist eine Leistung, die offensichtlich viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordert. Newcomer oder unbekanntere alteingesessene Betriebe konnten den Spitzenbetrieben nicht das Wasser reichen. Die Übermacht der Burgenländer wurde wieder einmal eindrucksvoll bestätigt, deren Trockenbeerenauslesen stellen die Mehrzahl unter den Topweinen, allen voran die alles überragende 2004er Scheurebe TBA von Kollwentz, deren Lebendigkeit, tiefgängige Aromatik und vibrierende Säure schlicht und ergreifend als perfekt zu bezeichnen ist: Leben wie Gott in Großhöflein eben! In derselben Liga spielt auch Feiler-Artinger mit dem Ruster Ausbruch Pinot Cuvée des gleichen Jahrgangs, ein Feuerwerk an Exotik, unnachahmliche Balance und ein unendlich anmutendes Finale unterstreichen die Süßweinkompetenz dieses Hauses.

Dass Trockenbeerenauslesen die anderen Prädikate punkto Image überstrahlen, ist in Anbetracht des gebotenen Qualitätslevels der Schilfweine eigentlich bedauerlich, wie Hans Tschida vom Angerhof, aber auch Gerhard Nekowitsch – übrigens gemeinsam mit Willi Opitz einer der Spezialisten auf diesem Gebiet – wieder einmal unter Beweis stellen. Überhaupt die Familie Tschida, die ist uns schon fast ein bisschen unheimlich ob ihrer Dauerpräsenz, zum fünften Mal in Serie dürfen sie sich über eine Platzierung bei der VINARIA-Trophy freuen: ein grandioser Muskat Ottonel mit überbordender Komplexität ließ diesmal unsere Herzen höher schlagen. Dieselbe Rebsorte, aber in Gestalt einer verlockend vielschichtigen TBA, bescherte den Krachers eine Topplatzierung, die tollen Wertungen von insgesamt vier Weinen ihrer 2004er-Serie unterstreichen den verdienten Status dieser Winzerdynastie, die nach dem trockenen 2003er nun wieder aus dem Vollen schöpfen konnte. Einen sprichwörtlichen Steinwurf entfernt residiert die Familie Steindorfer, deren ungewöhnliche TBA-Essenz von der Scheurebe genauso brillierte, wie wir sie von der Drei-Sterne-Verkostung in Erinnerung hatten.

Tendieren Weine vom Kaliber einer Essenz ob ihrer Zuckerkonzentration für gewöhnlich ein wenig zur Schwermut, so ist diese durch feine Balance und Eleganz geadelt. Neben den Feilers bewiesen auch andere Ruster Spitzenbetriebe Kontinuität, so konnte sich Michael Wenzel gleich mit zwei Ausbrüchen durchsetzen, der 2004er Saz eilte diesmal eine Nasenlänge voraus. Voll und ganz die hochgesteckten Erwartungen erfüllen konnte auch der Sieger der Verkostung „Prädikatsweine I“ (VINARIA 08/2006), den wir bei den Hochprädikaten noch einmal mitlaufen ließen: Willi Bründlmayers zugegebenermaßen eher einer TBA entsprechende Riesling 2005er-Beerenauslese vom Heiligenstein konnte sich auch in diesem Feld behaupten und landete auf dem hervorragenden sechsten Platz.

Dass uns vom Jahrgang 2005 nur wenige Einreichungen zur Verfügung standen, verwundert ob deren jugendlich-ungestümer Art kaum, die meisten waren noch deutlich von heftigen Noten und prägnanter Säure geprägt. Umso überraschender daher die Platzierung der Weinviertler Familie Zull: das erfolgreiche Vater-Sohn-Gespann aus dem malerischen Schrattenthal brachte eine erstaunliche Chardonnay TBA auf die Flasche. Vor den Vorhang bitten wir auch die überaus präzise Sauvignon Blanc TBA von Walter Skoff, einer der wenigen Steirer, die sich diesmal nach vorne kämpfen konnten. Auf ungewöhnlichen Pfaden wandeln die Weingüter Velich und Spaetrot, ersteres stellte den einzigen Nachzügler, die von uns bereits mit 3 Sternen bedachte 02 Welschriesling TBA, zweiteres überzeugte mit dem Eiswein einer Rebsorte, die in dieser Spielart und Qualität gar nicht oft anzutreffen ist, nämlich dem Frühroten Veltliner.
Auch der Korkteufel zeigte ob einer Verschlussrate von einhundert Prozent Baumrinde eine gewisse Kontinuität, wenn auch eine unerfreuliche: in Anbetracht der ausgezeichneten Prädikate der Weingüter Jamek und Schloss Halbturn, um nur zwei Beispiele zu nennen, war deren Ausscheiden besonders schmerzhaft.

Weltspitze.

Bei Weinbewertungen sind Superlative schnell zur Hand, im Falle der Spitze österreichischer Süßweine ist das aber absolut berechtigt, sie fügen sich nahtlos in die Reihe der großen Weine der Welt ein, die Ergebnisse unserer Probe sollten eigentlich auch Weintrinkern, die diesen Spielarten skeptisch gegenüberstehen, ein wenig zu denken geben. Das Paradoxon ist ja bekannt: Dem „flüssigen Gold“ war auf den Exportmärkten eine beispielhafte Karriere geglückt, während im Inland ein breiteres Interesse erst langsam erwacht. An budgetären Erwägungen kann es nicht liegen, im internationalen Vergleich weisen unsere Prädikatsweine ein unüberbietbar gutes Preis-Leistungs-Verhältnis auf. Auch bezüglich der Bandbreite der Ausbaustile sei festgehalten, dass diese beim Süßwein weit weniger Anlass zur Diskussion ist als bei österreichischen Rotweinen.

Die Probe
94 Weine wurden eingereicht und verdeckt nach steigendem Süßegehalt aus Riedel-Vinum-Chianti-Gläsern gekostet. Alle Weine waren mit Naturkork verschlossen.
Für VINARIA verkosteten Hans Pleininger, Rüdiger Pröll, Michael Prónay und Peter Schleimer.