Am 30. August 2006 verordnete der Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft die „Festsetzung von Bedingungen für regionaltypische Qualitätsweine mit Herkunftsprofilen für das Weinbaugebiet Mittelburgenland“, sprich eine neue DAC. Aber auch sonst tut sich einiges.
Text:
Luzia Schramp
Das Mittelburgenland hat es geschafft. Als zweite Region nach dem Weinviertel hat man sich in dem Weinbaugebiet in der schmalen Mitte des jüngsten österreichischen Bundeslandes auf eine DAC-Regelung geeinigt, die Anfang September vorgestellt wurde. Mit Districtus Austriae Controllatus (DAC), wie das 2002 eingeführte Konzept heißt, soll über die Diskussionen in einem Regionalen Komitee aus Vertretern von Weinproduzenten und -handel ein identifizierbarer Herkunftsstil geschaffen werden. Typische Weine einer Region werden unter einer Marke zusammengefasst, um somit größere Mengen an Erzeugnissen eines regional zuordenbaren Stils – beispielsweise für den Export – zu schaffen. Nachdem eine gesamtburgenländische Lösung bereits vor längerer Zeit verworfen wurde, hat man im Mittelburgenland ein dreistufiges Modell präsentiert, das Weinqualitäten von der Basis über die Mittelklasse bis zu den kräftigsten und lagerfähigsten Vertretern abdeckt.
Die Bestimmungen sind bis hin zum Restzucker (der als „Push- up“ nicht erwünscht ist) detailliert in einer Verordnung (BGBl. II 2006/328) aufgeführt. Der Blaufränkisch „Classic“ wird 12,5 bis 13 Prozent Alkohol haben, ist fruchtig und ohne Holzgeschmack erwünscht, wird ergo laut Verordnungstext „sortentypisch, fruchtig, würzig“ sein und im „traditionellen großen Eichenfass (kein bis kaum merkbarer Holzton) oder Stahltank“ ausgebaut. Darüber, mit einer „verpflichtenden Angabe einer Riede“, darf es schon kräftiger sein („13 oder 13,5%“), der Wein wird „im traditionellen großen Eichenfass oder in gebrauchten Barriques (kein bis leichter Holzton)“ vinifiziert. „Dac Mittelburgenland“ mit der Angabe „Reserve“ hat mindestens 13% Alkohol, wird „im traditionellen großen Eichenfass oder in Barriques“ vinifiziert und darf auch, so der Zusatz in der Klammer, einen „merkbaren bis dominierenden Holzton“ aufweisen.
Die Weine unterscheiden sich auch im Markteintritt: Während Classic ab 1. März nach der Ernte, Riedenweine „ab 1. September des auf die Ernte folgenden Jahres“ an den Verbraucher abgegeben werden dürfen, sind die Reserven erst ab 1. März des „zweiten auf die Ernte folgenden Jahres“ zu haben. Die Weine werden mit einem Mittelburgenland-Dac-Schriftzug auf der Kapsel und den allfälligen „Classic“-, Rieden- oder „Reserve“-Zusätzen auf dem Etikett gekennzeichnet. Der Begriff „Mittelburgenland“ wird nach einer Übergangsregelung bis 2007 nur noch auf den DAC-Weinen zu lesen sein, alle anderen firmieren unter „Burgenland“. Man wollte, so Anton Iby, Chef des Verbands Blaufränkischland und als Mittelburgenland-Vertreter ins Regionale Komitee entsandt, keinesfalls Classic-Weine, die mit Eichenholz-Chips gemacht werden, die vor kurzem von der EU als önologisches Verfahren zugelassen wurden.
Dass die Dac Mittelburgenland um Blaufränkisch kreist, ist eine aufgelegte Sache. Die Leitsorte der Region steht auf inzwischen 1.100 Hektar der Gesamtrebfläche von rund 1.900, die sich im sanften Hügelland rund um die vier zentralen Weinbaugemeinden des Gebietes Deutschkreutz, Horitschon, Lutzmannsburg und Neckenmarkt – in streng alphabetischer Reihenfolge aufgelistet – verteilen. Auf den schweren lehmigen, teils auch sandigen und schottrigen Böden der Region, die auch in manchen Ecken mit Schiefer oder Kalk durchsetzt sind, findet die Rebsorte ideale Bedingungen. Dazu kommen weiße Sorten wie Chardonnay oder andere Mitglieder der Burgunderfamilie sowie Zweigelt, Merlot, Syrah, auch Pinot Noir und Sankt Laurent. Der Neusiedlersee ist zwar nahe, spielt aber klimatisch nicht jene Rolle, die man aufgrund der geografischen Nähe vermuten könnte, weil er durch die Topografie des Ödenburger Gebirges abgeschirmt ist. Klimatisch greift aus Osten das pannonische Klima, von den Wetterlagen her wird man oft aus dem Süden bedient und entgeht so mancher feuchten Westwetterlage.
Im Mittelburgenland mangelt es weder an Potenzial noch an interessanten Projekten. Ersteres zeigen Leitbetriebe wie Gesellmann in Deutschkreutz oder Weninger in Horitschon – um nur zwei herauszugreifen – bereits seit vielen, vielen Jahren. Dazu zählen auch die beiden großen Genossenschaften der Region, die sich mit klaren Markenauftritten positionieren konnten. Vieles dreht sich dabei um die Promotion von Blaufränkisch aus der Region. Aber aller DAC-Einigkeit zum Trotz und „Juwel“- und „Vitikult“-Kooperationen miteingerechnet, laufen all diese Aktivitäten doch mehr parallel denn gemeinsam. Die Rivalität zwischen den Gemeinden ist legendär und wird gerne historisch-diffus erklärt, aber praktisch nie näher begründet. Manifest wird sie bereits, wenn man die Kellergassen-, Rotwein- und sonstigen Festivals in den Orten besucht, was insgesamt eine gedeihliche gemeinsame Entwicklung nicht unbedingt leichter macht.
Die beiden größeren Genossenschaften („Winzerkeller Neckenmarkt“ und „Vereinte Winzer Blaufränkischland“ in Horitschon) und eine kleinere („Weinkeller im Blaufränkischland“, Winzerkeller Deutschkreutz) sind Sammelbecken für die zahlreichen kleinen, oftmals noch im Nebenerwerb produzierenden Traubenerzeuger der Gegend.
Die „Vereinten Winzer“ wurden 1962 als Winzergenossenschaft Horitschon gegründet, 1996 kam Lutzmannsburg dazu. Heute werden Trauben von insgesamt 570 Hektar der beiden Hauptstandorte inklusive einiger kleinerer Orte und Teile von Neckenmarkt und Deutschkreutz an drei Standorten verarbeitet – „Arachon“ mit eingerechnet, das ein selbstständiges „Spin-Off“-Produkt der Aktivitäten der Vereinten Winzer ist.
Josef Pusch (VW-Kellermeister) und Illa Szémes, zwei der vier Arachon-Protagonisten, beschreiben Arachon als „Weingut auf Plattform einer Genossenschaft“ mit der Idee, „Best of“ alte Anlagen zu nützen. Beteiligt sind auch F. X. Pichler aus der Wachau und Manfred Tement aus der Südsteiermark, die damals ein Betätigungsfeld im Rotweinbereich suchten und sich heute bei Weingarten- und Kellerarbeit einbringen. Nach dem unerwarteten Tod des dritten Mitbegründers Tibor Szémes 2001 macht seine Frau Illa weiter. Während die Vereinten Winzer ausschließlich den Lebensmittelhandel beliefern, wird Arachon und der seit 2001 existierende kleine Bruder „A’kira“ über den Fachhandel vertrieben.
Auch die Winzerkeller Neckenmarkt, 1968 gegründet, konnten sich dank eines seit dem Jahrgang 2000 ausgeführten Konzeptes, an dessen Ausarbeitung auch Alois Kracher beteiligt war, fest am Markt positionieren. Die am Projekt beteiligten Betriebe wurden auf das Qualitätssicherungsprogramm „Acht Trauben“ eingeschworen. Die Weine aus Blaufränkisch und Zweigelt werden in zwei Serien „Vitis Unitis“ und „Terra Cognita“ (ältere Anlagen) über den Lebensmittelhandel vermarktet und haben einen erfolgreichen Markenauftritt geschafft, mit dem man mittlerweile auch in die Schweiz expandierte.
Die kleinste der drei Genossenschaften, der „Weinkeller im Blaufränkischland“ (WIB), verarbeitet die Trauben von etwa 100 Hektar. Die Weine werden unter dem sympathischen Etikett „Dragonfly“ vermarktet. Die „Drachenfliege“ ist aber keineswegs martialisch oder furchterregend konzipiert, ganz im Gegenteil: So heißt die Libelle auf Englisch, und mit ihr hat es folgende Bewandtnis: „Libellen sind Sonnenkinder und als solche Zeugen einer gesunden Natur“ und also der Hinweis auf eine pflegliche naturnahe Bewirtschaftung der Weingärten.
Das Mittelburgenland ist auch das Land der Markenbezeichnungen und Vereinigungen. Mit dem Jahrgang 2000 schuf der Verband Blaufränkischland das „Juwel“. Die Idee dahinter: In einer Region, die sich Blaufränkischland nennt, sollte der beste Wein eines Weinguts doch reinsortiger Blaufränkisch sein, und dies auch – wie die Bestimmung heute genau lautet – „durch den höchsten Preis im Sortiment“ kennzeichnen, dessen Höhe jedoch dem einzelnen Betrieb überlassen wird. Waren es zu Beginn 23 Winzer, die mitmachten, sind es heute noch elf, deren Sortimentsstruktur den „Juwel“-Anforderungen entspricht. Natürlich werde die Marke weiter bestehen, erklärt Blaufränkischland-Obmann Anton Iby, denn sie fügt sich nahtlos in die DAC-Hierarchie ein. „Juwel“, der erst im dritten Jahr nach der Ernte und nach Durchlaufen einiger Jury-Verkostungen auf den Markt kommt, werde von den Kunden als die Spitze, „der Teuerste wahrgenommen“ und habe sich etabliert. Mit der Dac Mittelburgenland für Basis und Mittelbau und „Juwel“ an der Spitze wurde Blaufränkisch als Leitrebsorte der Region Blaufränkischland sozusagen „durchdesignt“.
Auch Vitikult, eine Vereinigung von neun Betrieben (fünf Deutschkreutzer und vier Neckenmarkter), ist mit dem Jahrgang 2003 angetreten, um Blaufränkisch und Mittelburgenland zu verteidigen. Die Vereinigung, die bei Präsentationen und Messen gemeinsam auftritt und zumindest bei der Gründung auch logistische Synergien ins Treffen führte, entstand aus der Opposition zu einer gesamtburgenländischen DAC-Regelung heraus: Man wollte eine mittelburgenländische Lösung, die auf Blaufränkisch basiert. Wie Stefan Lang, Vitikult-Winzer aus Neckenmarkt, feststellt, „ist Vitikult, das sich als Marke etabliert habe, und Mittelburgenland Dac auf einer Linie“. Vom Weinstil her „gibt es vor allem bei den Lagenweinen Berührungspunkte und Überschneidungen“, so Lang. Wie man aber bei Bezeichnung und Abgrenzung voneinander vorgeht, werde derzeit innerhalb der Gruppe diskutiert. Kundenverwirrung soll in jedem Fall vermieden werden, weshalb man noch abwartet.
Moric. Eines der interessantesten Projekte in puncto Blaufränkisch-Potenzial und Gebietstypizität in der Region wird von einem aus dem Seewinkel „Zuagrasten“ betrieben. Roland Velich aus Apetlon gründete 2001 „Moric“ gemeinsam mit Erich Krutzler, der 2003 aus beruflichen Gründen wieder ausgestiegen ist (er leitet nunmehr das slowenische Weingut Dveri Pax, das dem Stift Admont restituiert wurde). Man schätzte das Potenzial der Region und hatte die Idee, auf Neckenmarkter und Lutzmannsburger Lagen aus alten Anlagen Blaufränkisch herzustellen, der zum einen ein möglichst puristischer Ausdruck der Rebsorte sein soll, zum anderen auch die unterschiedlichen Boden- und Klimabedingungen der beiden Orte zum Ausdruck bringt. Das Weinangebot ist rund um das Herzstück der Dorflagen Neckenmarkt und Lutzmannsburg strukturiert, welche die wichtigsten Weine des Projekts sind. Hierarchisch darunter liegt der „Blaufränkisch Burgenland“, in dem alle Anlagen, die jünger als 20 Jahre sind, verarbeitet werden.
Ergänzt werden die beiden Dorflagen durch die Selektionen „Alte Reben“, die es aber nicht in jedem Jahr geben muss. Derzeit kauft Roland Velich in einer Art Miet-Pacht-Verhältnis noch alles zu: In Neckenmarkt acht Hektar von einem einzigen Besitzer, wo „ich selbst lese und verarbeite“, so Velich. In Lutzmannsburg sind es zwei Hektar von zwei Besitzern, „wo ich auch mehr als die Hälfte der Arbeiten, Ausdünnen, Laubarbeit, selbst mache“. Die vielen Lagen – über 20 – werden separat in 500- und 600-Liter-Eichenfässern ausgebaut, mit dem Ziel, die ausgeprägt mineralischen Geschmacksprofile deutlich herauszuarbeiten: Neckenmarkter Dunkelfruchtigkeit versus Lutzmannsburger Rotbeerigkeit ist dabei ein plakativer, wenn auch nicht der einzige Unterschied. Die Weine der einzelnen Lagen werden kurz vor der Füllung verschnitten. Die Jahrgänge 2004 und 2005 bezeichnet Velich als „fast optimal für das, was wir wollen“. Seine Gesamtproduktion geht zu etwa drei Viertel in den Export.
Roland Velich und Moric, Letzteres ist die ungarische Schreibweise für Lutzmannsburg, ist in keine der Herkunfts-, Gebiets-, Marken- oder sonstigen Strukturen eingebunden, sondern kocht, wenn man es so ausdrücken will, seine eigene Suppe. Und die höchst erfolgreich: David Schildknecht beschrieb die Moric-Weine in der August-Ausgabe von Robert Parkers „Wine Advocate“ nicht nur mit hymnischen Worten, sondern bewertete sie auch mit Rekord-Punkten zwischen 89 für den Blaufränkisch Burgenland 2004 und 92–94 für die Fassprobe der Neckenmarkter Alte Reben.