Schon kurz nach der Ernte nach dem Jahrhundertsommer war von unglaublich konzentrierten, feurigen Weinen die Rede, wie sie Österreich noch nie gesehen hat, aber auch von Bedenken, dass die Rotweine zu plump und einförmig geraten könnten. Unsere Degustation hat die erste Einschätzung bestätigt.
Text: Viktor Siegl und Peter Schleimer
Der Sommer 2003 ist in frischer Erinnerung; auf ihn folgte die früheste Ernte seit Menschengedenken, die bei den frühen Roten östlich des Neusiedler Sees bereits Ende August begann. Die 2003er präsentierten sich von Anfang an zugänglich, geschmeidig und kraftvoll. Einige kleine Wermutstropfen gab es für das Mittelburgenland in Gestalt ausgiebiger Niederschläge Mitte September, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, was in manchen Rotweinen zu Tage trat, jedoch kann man auch dort von einem sehr guten Jahrgang sprechen. Noch ein Detail: die Rotweine vom westlichen Ufer des Neusiedler Sees, also einem Streifen, der etwa von Eisenstadt im Norden bis Mörbisch im Süden reicht, scheinen besonders gebündelt, harmonisch und ausdrucksstark ausgefallen zu sein, während sich manches Gewächs von der östlichen Seeseite beinahe schon zu massiv und vom südlichen Feuer geprägt zeigt.
In der Verkostung präsentierten sich die Blaufränkischen ungewöhnlich konzentriert und dicht, wobei die pannonische Würze unangetastet blieb, wenn man von manch einem mittelburgenländischen „Wasserloch“ absieht. Das unverkennbare Bukett springt diesmal besonders charakteristisch aus dem Glas und trumpft mit Aromen von Vogelbeere, Elsbeere, Veilchen, Kirschen, Brombeeren in einem bisher ungekannten Ausmaß auf. Auf den zweiten Schluck präsentieren sich jedenfalls ungemein dichte und dunkelbeerige Weine mit ungewöhnlich satten, ausgereiften Tanninen.
Eine lobende Bemerkung sind auch die Cabernets wert, ausgereift wie nie zuvor, glänzen sie mit prachtvoller Cassis- und Tabak-Aromatik, ohne jemals überladen oder überreif zu wirken. Die Allerbesten nähern sich idealtypischen Napa-Valley-Cabernets, ohne New-World-Charakter im negativen Sinn. Ähnliches gilt für die äußerst großzügigen und tiefen Merlots.
Für den Zweigelt war es wichtig, die drohende Überreife zu vermeiden und möglichst frische, reintönige Weine zu keltern, was vielen auch gelungen ist.
Insgesamt hat sich die Spitzenklasse der österreichischen Rotweine jedenfalls bedeutend ausgeglichener, fruchttiefer und auch frischer präsentiert als im letzten Hitzejahr 2000. Auch der Höhepunkt der marmeladigen New-World-Epigonen scheint überschritten, denn allzu mächtige Gewächse waren in der Minderzahl. Sehr gut gefiel uns bei zahlreichen Weinen der zwar mächtige, aber ausgereifte Tanninrückhalt.
Erfreulicherweise verfügen viele österreichische Rotweine über eine messerscharf definierte, klare Struktur, die auch das Terroir erahnen lässt – beispielhaft etwa die besten Rotweine des Südburgenlands. Die nach der Verkostung der 2002er geäußerte Befürchtung, dass Österreichs Winzer auf den Blockbuster-Zug aufspringen, kann nicht bestätigt werden. Alles in allem ist die Spitze bedeutend breiter geworden, was sich auch in ungewöhnlich vielen hohen Wertungen niedergeschlagen hat.
Dem heißen Jahrgang entsprechend war die stilistische Kluft erwartungsgemäß recht groß: So zeigten sich die Hitze-affineren St. Laurents wie erwartet kraftvoll, körperreich und schmalzig, mit ausgereiften Beeren- und Weichselaromen und ausgezeichneter Struktur. Die Pinots überraschten in positiver Hinsicht. Obwohl einige Weine durch zu viel Üppigkeit und Wucht oder eine Überdosis Gerbstoff auffielen, wusste die größere Zahl durch Harmonie, seidige Tannine und auch Eleganz zu gefallen. Zwar wird der 2003er in seiner Gesamtheit sicher nicht als großer Burgunderjahrgang in die Annalen eingehen, dennoch haben die Pinotwinzer deutlich dazugelernt, wobei der Vertreter von Schloss Halbturn besonders hervorragt.
Für VINARIA verkostet haben Rainer Christ, Dagmar Gross, Oliver Krainz, Rüdiger Pröll, Peter Schleimer, Luzia Schrampf, Viktor Siegl, Paul Sturm und Harald Wohlgenannt. Die Finalrunden fanden im Weingut Christ und im Weingut Gebeshuber statt – beiden Gastgebern sei an dieser Stelle für die professionelle Betreuung nochmals gedankt.
| Betrieb | Wein/Lage | Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|---|
Kollwentz, Großhöflein |
Steinzeiler |
(BF, ZW, CS), € 34,– Muskulös und massiv, nussige Würze, Brombeeren, schwarze Kirschen, pfeffrig, vielschichtig; Tiefgang, riesige Substanz, glockenklar und elegant, volle Cassis-Weichsel-Frucht, süß und balanciert, geschliffen, in puncto Finesse unüberbietbar: hat Länge, Reserven, großer Wein. |
18,9 |
Heribert Bayer, Neckenmarkt |
In Signo Leonis |
(BF, ZW, CS) € 32,– Saftig, mollig und konzentriert, Zwetschken, auch rohes Fleisch und Eukalyptus, fast piemontesische Würze; streng strukturiert, trotz Power elegant und ausgewogen, tiefe Brombeerfrucht, festes Tanningerüst, beeindruckende Finesse und Länge, ganz im makellosen Stil des Hauses gehalten, große Ausbaureserven. |
18,0 |
| Betrieb | Wein/Lage | Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|---|
Hans Igler, Deutschkreutz |
Ab Ericio |
(BF, ME, ZW) € 27,– Floral und traubig, süß und einschmeichelnd, ausgereift und komplex; fruchtsüß, an Schliff und Eleganz kaum zu übertreffen, auch salzig-mineralische Einflüsse, tolle Struktur und weiche Tannine, rotbeerige Frucht bis zum langen Abgang, zeigt festen Biss und Entwicklungspotenzial. |
17,9 |
Paul Kerschbaum, Horitschon |
Cuvée Impresario |
(BF, ZW, CS) € 23,50 Lakritzwürzig untermalte Heidelbeerfrucht, hohes Toasting, teerig-rauchig; saftig und konzentriert, delikater Fruchtschmelz und beachtliche Substanz, feingliedrige Struktur, cremig, noch harsche Tannine, Reserven, lang. |
17,9 |
Josef Pöckl, Mönchhof |
Admiral |
Cassis, Brombeeren und Leder, tief und elegant, fein abgestimmt; rauchig-würzig, Bordeaux-artige Struktur, fest und dicht, kräftiges Tannin und feine Herbe, viel Temperament und Spiel bis zum langen Nachhall, noch etwas kantig, aber äußerst viel versprechend. |
17,9 |
Mariell, Gabi und Richard Mariell, Großhöflein |
Wetzlasberg |
(ZW, BF, CS) € 15,– Schwarzer Pfeffer und Vogelbeere, der Blaufränker dominiert, fest und gediegen, rauchig und gebündelt; extraktsüß und voluminös, puristische Fruchtfülle, geschliffen und elegant, geht auf, Bordeaux-artige Finesse, lang, und das zu einem Superpreis. |
17,8 |
Anita und Hans Nittnaus, Gols |
Pannobile |
(ZW, BF) € 22,– Eukalyptus und Leder, eindringlich, mächtig und feurig, aber stets vornehm und dicht; adäquates Holz, Power und kühle Eleganz, pikant und mineralisch, viel Tannin im langen Abgang, ungekünstelt und zukunftsträchtig, toller Stil. |
17,8 |
Josef Umathum, Frauenkirchen |
Hallebühl |
(ZW) € 35,– Feine Rosen, dezent, dahinter Erdbeeren, saftig-röstig; kernig und dicht, schöne Struktur, die Rotbeerfrucht bleibt verhalten, jugendlich, ja unfertig, anhaltend und tanninreich, lässt erst wenige Facetten aufblitzen, Zukunft. |
17,8 |
Erich und Claudia Giefing, Rust |
Cardinal |
(BF, ZW, CS) € 29,– Würzig unterlegte Nase nach Kirschen, Brombeeren und roten Ribiseln, herzhaft, doch etwas streng, fast unnahbar; muskulös und fruchtbeladen, feine Earl Grey-Töne, elegant, lebhaft und harmonisch, sehr reintönig und fokussiert, benötigt noch Flaschenreife, gute Reserven. |
17,7 |
Hans und Philipp Grassl |
Göttlesbrunn |
Bärnreiser (ZW, ME, CS) € 22,– Zimt und Vanille, fleischig-saftig, pfeffrig, schwarze Kirschen; samtige Fülle, schöne Vielfalt, likörige Kirschfrucht, kraftvoller Fruchtschmelz, mürbe Tannine, geschmeidig und lang (etwas unterschiedlich bewertet). |
17,7 |
Rotweingut Iby, Horitschon |
Cuvée Quintus |
(BF, ZW, CF) € 25,– Graphit, Lakritze und Zwetschke, dicht, reintönig und pikant; kompakt und druckvoll bei mittlerem Volumen, kernig und gebündelt, aber subtil und elegant, zarte Kirsche, fein liniert, lange nachklingend und ausbaufähig. |
17,6 |
Feiler-Artinger, Rust |
Solitaire |
(BF, CS, ME) E 26,– Zarter Flieder, verspielt und nuanciert, viel dunkelbeeriger Schmelz, hohes Toasting, geht auf; zeigt Power und Finesse, reichhaltig und ungekünstelt, geschmeidig, aus einem Guss, vielfältiger Wein mit samtigem Tannin-Background, Potenzial. |
17,5 |
Paul Lehrner, Horitschon |
Cuvée Paulus |
(BF, CS, ZW) € 15,40 Feiner Blütenduft, traubig und offen, charmant und glockenklar; druckvoll, aber nie überladen, sanft und elegant gelöst, zeigt tolle Balance und samtige Tannine vor dem langen Abgang, schöne Harmonie und Standfestigkeit. |
17,5 |
Wachter-Wiesler, Deutsch-Schützen |
Cuvée Julia |
(BF, CS, ME) € 18,– Bitterschokolade und Mokka, Zwetschkenröster, gute Tiefe; massiv und opulent, breit, aber grundsolid, weit gefächerte Aromen, kernig und fruchtsüß, mächtig und lang, kein Schmeichler, Biss und Potenzial. |
17,3 |
Johann Böheim, Arbesthal |
Stuhlwerker |
(ZW, ME, CS, SY) € 16,– Viel Temperament und Spiel, helle Fruchtnuancen à la Confit und Haselnüsse, feine Eichennote; nervig und fruchtsüß, erneut nuanciert und kraftvoll, ausgewogen und lange nachklingend, aus einem Guss. |
17,2 |
Heinrich-Kanyak, Deutschkreutz, |
terra O. |
(BF, CS, BB, ME, SY, ZW) € 21,90 Saftig, offen, Liebstöckel, Herzkirschen, charmant, klar; temperamentvoll, feine Tabaknote, sehr süß und entwickelt, dicht und harzig, hohe Tannindosis im langen Abgang, ausgewogen, viel Potenzial. |
17,2 |
Gernot und Heike Heinrich, Gols |
Gabarinza |
(ZW, BF, ME, SY) Würzig, etwas deftig, einerseits tiefgründige Frucht, andererseits ölig-trüffelig, ein Hauch von Brett? Brombeeren und Paradeiser, herb, feurig-südlich, ungestüm, weiche Tannine, derzeit schmeckbar in schwieriger Verfassung, einige Länge (mehrmals verkostet). |
17,1 |
Walter Glatzer, Göttlesbrunn |
Gotinsprun |
€ 19,50 Brenzlig-röstig, dann feine Frucht nach Heidelbeeren, sanft und wuchtig zugleich; opulent, viel dunkelbeerige Frucht, erinnert an sehr gute Napa-Valley-Weine, viel Holz, dennoch ausgewogen, muskulös und anhaltend. |
17,0 |
Münzenrieder, Apetlon |
Mavie |
(CS, ZW, BF) € 18,– Dicht, schotig und mächtig, eher dezent, sehr ausgereift; wuchtig, ja dickflüssig, dabei fest und sehr klar, feine Fruchtnuancen und schöne Harmonie, druckvoll und ausdauernd, Zukunft. |
17,0 |
Engelbert Prieler, Schützen am Gebirge |
Schützner Stein |
(BF, ME) € 17,– Schwarze Kirschen pur, intensives Spiel, charmant und subtil, unverwechselbare Art, feine Linien; saftig und gebündelt, dabei stets elegant, sanfte, rotbeerige Aromenvielfalt, viel Schmelz und Länge, schöne Zukunft. |
17,0 |
| Nr. | Betrieb | Wein | Punke |
|---|---|---|---|
1 |
Kollwentz |
Steinzeiler |
18,9 |
2 |
Fischer |
Merlot Premium |
18,7 |
3 |
Prieler |
CS Ungerbergen |
18,7 |
4 |
Bayer |
BF In Signo Sagittarii |
18,3 |
5 |
Weninger |
BF Dürrau |
18,2 |
6 |
Schiefer |
BF Reihburg |
18,1 |
7 |
Schindler |
2002 Grande Cuvée d'Or |
18,1 |
8 |
Schloss Halbturn |
PN |
18,1 |
9 |
Bayer |
In Signo Leonis |
18,0 |
10 |
Fiedler |
CS |
17,9 |
10 |
Grassl |
SL |
17,9 |
10 |
Pöckl |
Admiral |
17,9 |
10 |
Igler |
Ab Ericio |
17,9 |
10 |
Kerschbaum |
Impresario |
17,9 |
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