Wein und Essen in perfekter Harmonie

FalstaffAusgabe 02/2009

Finessenreicher Blauburgunder

Der Pinot Noir oder Blauburgunder ist eine der exklusivsten Rotweinsorten der Welt. Er verlangt vom Winzer besondere Hingabe und Fingerspitzengefühl, stellt Ansprüche an den Standort und ist in der Weinbereitung kapriziös. Selbst die routiniertesten Kellermeister erleben mit dem Pinot Noir immer wieder Überraschungen. Einige Stöcke der Sorte sind in allen Weinbauregionen anzutreffen, wir interessieren uns diesmal aber explizit für Pinot Noir aus Niederösterreich und hier für die kühleren Ecken. Die Weine der klimatisch eher wärmeren Gebiete Carnuntum und Thermenregion blieben diesmal im Karton. Text von Peter Moser

Ein cooler Typ: Der Pinot Noir ist eine Rebsorte, die ein kühleres Klima bevorzugt, um eine optimale Aromenausbeute und möglichst viel an Finesse zu gewinnen. Sie stellt hohe Ansprüche an das Klima, den Boden und die Lage. Der Burgunder schätzt warme, fruchtbare, tiefgründige und kalkhältige Böden, ausreichende Feuchtigkeit sowie windoffene und flache Hanglagen.

Festzuhalten wäre einmal, dass rund zwei Drittel der wenigen Hundert Hektar der kapriziösen Rebsorte in Niederösterreich liegen. Dass die Thermenregion ein sehr geeigneter Standort für den Blauburgunder ist, wurde bereits in vielen Degustationen bewiesen, die Region kann auch aus historischer Sicht als Hotspot für das erste Auftreten der Rebsorte in unseren Breiten betrachtet werden. Selbstverständlich konnten sich auch im Burgenland einige Betriebe mit ausgezeichneten Pinots Noirs in Szene setzen, oftmals sind diese Weine aber auch vom warmen pannonischen Klima geprägt.

Der Blick dieses Beitrags ist auf die Blauburgunder des niederösterreichischen Cool-Climate-Bereichs gerichtet, um zu überprüfen, welche Berechtigung und welche Zukunft der Anbau der Sorte entlang und nördlich der Donau haben kann. Dazu wurde als eine Art »Fact-Finding-Mission« eine Verkostung von den drei Jahrgängen 2006, 2004 und 2000 angesetzt und dabei einerseits das Potenzial und andererseits der Stil der Weine in einer gemeinsamen Runde mit den Winzern erörtert.

Pinot-Noir-Geschichten

Wann genau die ersten Reben des Pinot Noir sich in österreichischen Weingärten rankten, werden wir wohl nie genau wissen. Stark anzunehmen ist das Vorhandensein der Sorte im 13. Jahrhundert, wohl aber erst nach der Gründung des Zisterzienserklosters Heiligenkreuz und der ersten Weingüter durch die Zisterzienser. Das Freigut Thallern bei Gumpoldskirchen bekamen die Heiligenkreuzer 1141 von Markgraf Leopold IV. zum Geschenk. Dass die Mönche mit Mutterklöstern im Burgund Rebsorten aus ihrem Ursprungsland mitbrachten, gilt heute als verbrieft. Thallern als Wiege des Pinot Noir in Niederösterreich zu betrachten ist also ein plausibler Ansatz.

In der Weinliteratur finden sich dann ab dem 18. Jahrhundert klare Hinweise auf das Vorhandensein des Pinot Noir in Niederösterreich. Prinz Carl Alexander von Lothringen, der Schwager von Maria Theresia, erwarb 1740 das Schlösschen Möllersdorf samt Weingärten in der Thermenregion, dazu gehörte auch die Ried Eichberger in Gumpoldskirchen, wo der Bruder des Kaisers Franz Stephan I. Blauburgunderreben auspflanzen ließ. Sebastian Helbling (1777) berichtet: »Des Herzogs Karl von Lothringen Königliche Hoheit haben außer Gumpoldskirchen auf einer mittägigen Anhöhe am so genannten Beigelgraben einen mit dieser vortrefflichen Art ausgesetzten Weinberg, welcher zur Zeit der Traubenfechsung eingeschlossen, um jedes Jahr beynahe um 14 Tage später als in den umliegenden Weingarten abgelesen wird.« Prinz Carl wurde als junger k. k. Feldmarschall mit den Grafen von Abensperg und Traun bekannt, zu deren Besitzungen unter anderem ab 1648 die Herrschaft Groß-Schweinbarth im Weinviertel gehörte. Hier wird der Blaue Burgunder explizit vor 1770 genannt. Ernst von Abensperg und Traun, Erbmarschall von Österreich, belieferte regelmäßig den Kaiserlichen Hof zu Wien mit dem Groß-Schweinbarther Wein. Marcel de Serres (1814) berichtet in seinem vierbändigen Reisebericht »Voyage en Autriche« von Setzlingen aus dem Burgund, »welche die Gemeinde Pfaffstätten zu einem ausgesprochenen Rotweinbaugebiet gemacht hätten, neben Brunn am Gebirge, dem hervorstechendsten Weinbauort«.
Im 19. Jahrhundert etablierte sich der Blaue Burgunder dann langsam, aber sicher als Qualitätsweinsorte in den heimischen Rieden.

Pioniere der jüngeren Zeit

Fritz Salomon pflanzte in den Siebzigerjahren in den Rieden von Gut Oberstockstall am Wagram den Spätburgunder, die erste Lese erfolgte im Jahr 1975. Das Ergebnis ließ die Fachleute aufhorchen. Falstaff-Gründer und -Herausgeber Dr. Helmut Romé berichtet 1979 von einem geglückten Experiment als vielversprechendem Schritt, einen guten Rotwein auch in Österreich auf die Flasche zu bringen: »Der 75er Blauburgunder brilliert mit einer tiefen, rubinroten Farbe, mit einem reintönigen Bukett und dem typischen Feuer der Pinot-Noir-Rebe im Geschmack.« Am Wagram findet der Burgunder sichtlich gute Bedingungen vor, zahlreiche Betriebe haben sich dieser anspruchsvollen Sorte zugewandt, unter den besten sind hier Karl Fritsch aus Oberstockstall und Franz Leth aus Fels am Wagram zu nennen; mit Anton Bauer aus Feuersbrunn, Familie Kolkmann aus Fels und Familie Fritz aus Zaussenberg gibt es weitere gute Adressen für den Pinot.

In der Wachau, man glaubt es kaum, hat der Blaue Burgunder ebenfalls Tradition. Interessanterweise stand die Befassung mit der Sorte in einer engen Beziehung zu bekannten gastronomischen Einrichtungen. Im heute nicht mehr existierenden Weingut des Hotel-Restaurants »Richard Löwenherz« in Dürnstein war der Ausbau des Blauen Burgunders eines der Liebkinder des einstigen Patrons Raimund Thiery. Josef Jamek in Joching, der große Pionier des biologischen Säureabbaus, ist für seinen feinen Blauen Spätburgunder legendär: Der Spätburgunder Cabinet 1979 wurde bereits anlässlich der 2. Falstaff-Rotweinprämierung unter die besten Weine Österreichs gewählt. Bis zum heutigen Tag ist das Weingut Jamek Quelle des besten Blauen Burgunders der Wachau geblieben. Reinsortig ist der Blauburgunder heute in der Wachau immer noch rar. Der Kartäuserhof füllt eine interessante Cuvée »Decimo«, für welche der Pinot mit Zweigelt eine komplexe Verbindung eingeht.

Entlang der Donau  

Im Kremstal sind die Erzeuger von reinsortigen Blauburgundern noch eher dünn gesät. Mit Gerald Malat aus Palt, der sich in den letzten Jahren nicht zuletzt als Rotweinpionier einen Namen gemacht hat, trat aber bereits in den frühen Achtzigerjahren ein echter Pinot-Noir-Könner in Erscheinung. Mit dem klassisch ausgebauten Pinot Noir 1988 fuhr Malat den Sieg bei der Falstaff-Rotweinprämierung ein. Auch Sepp Dockner aus Höbenbach ließ in jüngerer Zeit mit guten Pinots aufhorchen. Sepp Moser in Rohrendorf hat ebenso früh auf den Blauburgunder gesetzt, Filius Niki Moser führt diese Tradition erfolgreich fort.
Der Pinot Noir 1983 des Kamptalers Willi Bründlmayer aus der Riede Dechant, ausgebaut in Fässern aus Manhartsberger Eiche, war ein Falstaff-Sieger, aber auch weitere traditionsreiche Langenloiser Betriebe wie Jurtschitsch – Sonnhof oder Hiedler haben sich der diffizilen Sorte angenommen. Unter den jüngeren Topwinzern versteht sich Fred Loimer auf den Pinot Noir, er pflegt ihn auch im Weingut Schellmann in der Thermenregion.
Im Weinviertel findet sich in so gut wie allen Zonen geeignetes Terroir für den Blauburgunder. Einen offenbar wirklich optimalen Standort haben die Zulls in Schrattenthal gefunden. Philipp Zull erzeugt den wohl elegantesten Pinot Noir des Weinviertels, auch das Schlossweingut Hardegg in Seefeld-Kadolz kann mit feinen Blauburgundern punkten.
In Carnuntum ist Gerhard Markowitsch aus Göttlesbrunn der Herr der Materie, aber auch von Ernst Lager kommen immer wieder sehr gute Sortenvertreter. Da diese Weine aber jenen des Golser Raumes klimatisch und stilistisch näher stehen und Carnuntum eher nicht unter die Definition »Cool Climate« fällt, nennen wir diese Region Niederösterreichs nur der Vollständigkeit halber, genauso wie die »Burgundermacher« der Thermenregion, denen in absehbarer Zeit ein eigener Artikel gewidmet sein wird.

Die Vergleichsprobe

Initiiert von mehreren Mitgliedern der Österreichischen Traditionsweingüter fand im Weingut Malat nun also eine Vergleichsprobe der Jahrgänge 2006, 2004 und 2000 statt, an der einige der besten Pinot-Erzeuger auch persönlich teilnahmen, um ihre Erfahrungen mit der fragilen Sorte einzubringen.
Auffällig war dabei, dass die Teilnehmer in ihrem Betrieb einen für diesen Teil der niederösterreichischen Weinlandschaft hohen Prozentsatz an Rotwein haben. Der Anteil beträgt bei Schloss Gobelsburg und Franz Leth rund 25 Prozent, im Hause Jurtschitsch 30 Prozent und bei den Malats sogar 33 Prozent des produzierten Weines. Da waren sich die Winzer einig: »Der Pinot Noir steht nur bei dem im Weingarten, der sich mit der Sorte intensiv auseinandersetzt.« Denn, so Gerald Malat, wenn der Pinot in der Verkostung gar nicht als solcher erkannt werden kann, bringt das Ganze wenig. Für ihn gilt die Devise: »Es gibt Rotwein – und es gibt Pinot Noir. Ohne ausgesprochene Liebe und persönliche Zuneigung zum Aromenspektrum des Blauburgunders wird das nichts.« Das ist eine klare Aussage, die man auch bei Pinot-Erzeugern von Central Otago in Neuseeland bis nach Oregon in den USA zu hören bekommt. Doch es ist trotz dieser allgemeinen Übereinstimmung wenig verwunderlich, dass die Burgunderspezialisten durchaus unterschiedliche Wege einschlagen, um das von ihnen angestrebte Ziel zu erreichen.

Pinot als Identitätsstifter

Michael Moosbrugger vom Weingut Schloss Gobelsburg, der in den letzten Jahren verblüffende Ergebnisse mit dem Pinot erzielt hat, stellt sich die Frage, ab welchem Punkt der Pinot so viel Identität erreicht, dass er einer Region zuordenbar wird. Seine Interpretation der Sorte ist eine leichtfüßige, von feiner Fruchtfrische getragene Stilistik, die von einer angenehmen Holznote unterstützt wird. Die Weine seines Mentors Willi Bründlmayer werden später gelesen, zeigen sich runder, mit dezenter Extraktsüße, aber oft auch eine Spur zu reif anmutend. Ein weiteres Beispiel für sehr unterschiedliche, dabei aber in ihrer Unterschiedlichkeit gelungene Auffassungen innerhalb einer Region ist der Wagram. Franz Leth nähert sich einem klassischen, vom Burgund inspirierten Vorbild an, während sich die dunklen, vor Kraft strotzenden Pinots von Karl Fritsch eher mit New-World-Pinots vergleichen ließen, und Anton Bauer sucht einen reiferen Stil, der feine Röstaromen mit süßen Waldbeeren verbindet. Im Weinviertel hat sich das Weingut Zull aus Schrattenthal als exzellente Quelle feiner, im positiven Sinne »geschliffener« Pinots erwiesen, in dieser Region steckt noch einiges an Potenzial für die Sorte. Profundes Wissen um die Rotweinbereitung ist dabei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft.

Relativ preiswertes Vergnügen

Als Fazit lässt sich festhalten, dass sich so gut wie alle verkosteten reiferen Weine sehr gut und erstaunlich frisch entwickelt haben. Ein einheitliches Bild in Bezug auf die Stilistik ergibt sich erwartungsgemäß nicht. Noch gilt »wenig, aber gut« als Devise. Bedenkt man die Möglichkeiten, so darf man sich auf eine erfreuliche Zukunft des Pinots im Donautäler Bereich und im Weinviertel freuen. Betrachtet man das Preis-Leitungs-Verhältnis der hier diskutierten Weine in einem internationalen Licht, dann ist es verwunderlich, dass man ab Hof überhaupt auch nur eine Flasche erwerben kann – ein weiterer erfreulicher Aspekt des vielfältigen österreichischen Weinangebotes.