Die Wachauer Grünen Veltliner der edlen Smaragd-Kategorie zählen unbestritten zu den Kronjuwelen der österreichischen Weißweine. Die besten Vertreter haben längst nicht nur unter den heimischen Weinfreunden eine begeisterte Anhängerschaft, auch international machen sie Furore. Falstaff hatte die seltene Gelegenheit, fünf dieser hoch eingestuften Veltliner aus zehn konsekutiven Jahrgängen bei einem Tasting im Restaurant »Florianihof« in Wösendorf zu vergleichen. Text von Peter Moser
Das Quintett kann sich sehen lassen: Leo Alzinger mit seiner Paradelage »Steinertal«, Franz Hirtzberger mit seinem legendären »Honivogl«, Emmerich Knoll mit seiner mineralischen »Loibner Schütt«, F. X. Pichler mit dem exotischen »Kellerberg« und schließlich Rudi Pichler mit seinem vom Löss geküssten, finessenreichen »Hochrain«. Gemeinsam mit den Produzenten zu verkosten birgt zum einen die einmalige Gelegenheit, dem Geheimnis einer speziellen Lage näherzukommen, zum anderen ist dabei von den einzelnen Winzerpersönlichkeiten auch einiges über die kleinen, aber feinen Unterschiede im persönlichen Herangehen an die Schöpfung eines derartigen Lagenweines zu lernen. Bei den zehn Jahrgängen handelte es sich um die geschlossene Folge von 1998 bis zum aktuellen gefüllten Jahrgang 2007. Nach den fünfzig Proben, die mit gebotener Ruhe offen studiert werden konnten, kann man als Erkenntnis mehrere Punkte festhalten:
Die offiziellen, eher allgemein gehaltenen Jahrgangsbewertungen sind zwar eine ungefähre Richtlinie, aber je besser ein Betrieb arbeitet, umso wahrscheinlicher ist es, dass er im positiven Sinn aus der Reihe tanzt und daher mit einer allgemeinen Jahrgangsbewertung nicht ausreichend beschrieben ist. Das zeigte auch diese hochkarätige Probe. Aber der Reihe nach: Begonnen wurde immer beim jeweils reifsten Wein, also 1998 – ein Jahrgang, der für seine konzentrierten Veltliner mit deutlichem Botrytistouch bekannt ist und daher eher als Süßweinjahrgang gilt. Aber auch an Säure mangelt es den Weinen dieses Jahrgangs nicht, und so haben sie sich überraschend gut entwickelt. Die Bandbreite reicht hier von einem rassig-frischen, von Botrytis nahezu freien »Hochrain« von Rudi Pichler bis zum würzigen, fast schokoladigen »Kellerberg« von F. X. Pichler. Hier gibt es unter den Spitzenweinen des Jahrgangs einiges zu entdecken.
1999 war von Anfang an ein sehr hoch eingeschätztes Jahr mit purer Frucht und lebendigem Säurespiel. Die Weine sind entsprechend jugendlich und elegant, die besten wie Kellerberg und Honivogl zeigen beachtlichen Schmelz.
2000 war ein heißes Jahr, was der Säurestruktur der Weine etwas schadete. Manche Weine dieses Jahrgangs sind schon recht weit in ihrer Entwicklung fortgeschritten. Mein klarer Favorit war und ist der Pichler’sche Kellerberg, einer der elegantesten Veltliner, der mir bisher untergekommen ist.
2001 ist ein echter Geheimtipp, einer der strukturiertesten Jahrgänge dieser Dekade. Voll Frische und Eleganz – aber nicht ohne die nötige Komplexität – sind in diesem Jahrgang ganz große Veltliner entstanden, darunter der Hochrain von Rudi Pichler, der straffe Steinertal-Veltliner aus dem Hause Alzinger und schließlich der Kellerberg, ein in seiner Perfektion Ehrfurcht gebietender Wein. Der Zeitpunkt, diesen Weltklassewein mit 100 Punkten zu ehren, ist nun gekommen, denn erst eine gewisse Reife bringt die nötige Sicherheit, um das Potenzial eines trockenen Weißweines ergründen zu können.
2002 ist in ganz Österreich als »das Jahr der Flut« in Erinnerung geblieben. Auch in der Wachau trat die Donau über die Ufer, und der anhaltende Regen zerstörte in den Terrassen eine Unzahl von Steinmauern. Es folgte warmes, trockenes Wetter, die Weine haben einen stoffigen, cremigen Stil, die Veltliner eine gute Würze, besonders gut gelungen ist der Honivogl aus dem etwas kühleren Spitz.
Im folgenden Hitzejahr 2003 waren wiederum die kühleren Lagen in Spitz und Wösendorf etwas begünstigter, die Weine zeigen neben viel Kraft durchwegs zarte Karamellanklänge und Honignoten – alles in allem kein perfektes Jahr, um finessenreiche Veltliner zu erzeugen.
Sehr lange mussten die Winzer im Jahr 2004 warten, denn die Ernte dauerte vereinzelt bis Mitte Dezember, wenn man Smaragdqualitäten ernten wollte. Dennoch sind die Weine letztendlich beachtlich, sie weisen eine tolle Frische auf. Es ist ein Jahr, das die Veltliner stilistisch und aromatisch in die Nähe des Rieslings rückt, der 2004 auch etwas zu bevorzugen ist. Besonders gut gelungen ist Alzingers Steinertal, übertroffen nur von Honivogl und Kellerberg – Letzterer allerdings mit klaren Nuancen der Edelfäule.
Wenn es einen Siegerjahrgang der Probe geben müsste, es wäre 2005, denn dieser Jahrgang ist die größte positive Überraschung. Die Weine sind saftig und elegant, haben eine attraktive Frische, zeigen sich bereits delikat und balanciert und bieten enormes Trinkvergnügen bei klarer Sortentypizität. Hier kann man fast blind zugreifen, man wird kaum enttäuscht werden. Die Weine sind nicht zu kräftig, und sie lassen einen sehr exakten Blick auf das jeweilige Terroir zu.
Heiß und trocken war der Sommer 2006, nach dem darauffolgenden Regen gab es einen tollen Altweibersommer, die Mostgrade schnellten in ungeahnte Höhen. Trotz des beachtlichen Alkoholgehaltes sind diese Weine mit einer seidig-eleganten Textur ausgestattet, sodass sie äußerst trinkanimierend wirken. Man merkt den hohen Alkoholgehalt, der in saftige Fruchtsüße verpackt ist, oft nicht – oder erst zu spät. Dem Jahrgang 2006 wurde also zu Recht der Spruch »Leicht zu trinken, schwer zu gehen!« auf die Fahnen geheftet.
2007 war ein guter Jahrgang, der wieder ausgewogene und elegante Veltliner brachte. Der regenreiche August führte zu einer späteren und selektiven Lese. Entstanden sind charaktervolle, charmante Smaragdweine, die am Anfang einer vielversprechenden Karriere stehen.
Am 1. Mai 2009 erfolgt der Startschuss für den Verkauf der Smaragde des Jahrgangs 2008, man spricht bei den Vorverkostungen von Ähnlichkeiten mit dem Jahrgang 2004, als die Lese ebenfalls erst sehr spät abgeschlossen werden konnte.
Die Weinfreunde werden sich zunächst an die reiferen Jahre halten – gut vorstellbar, dass Jahre wie 2001 oder ganz besonders 2005 nun wieder verstärkt in den Fokus der Genießer rücken werden.
HONIVOGL
Der steil hinter dem Weingut Hirtzberger ansteigende Weinberg Singerriedel ist eine der besten Lagen der Wachau, der wir ganz besonderes Augenmerk schenken. Seit gut 30 Jahren rekultivieren die Hirtzbergers die Lage durch langsamen Wiederaufbau von Steinterrassen nach alter Art. Sein extrem mineralhaltiger Boden aus Paragneis, Glimmer, Schiefer und erzhaltigem Gestein bietet eine einzigartige Grundlage für einen großen Riesling Smaragd. Die Rebfläche für den Honivogl ist zwei Hektar groß und liegt am Fuß des Singerriedels, wo jedes Jahr sehr gute Grüner-Veltliner-Trauben wachsen. Ein kleiner Anteil kommt aus der angrenzenden Riede Axpoint. Der Boden ist auch dort sehr mineralisch und bietet mit der Südlage die idealen Voraussetzungen für einen großen Smaragdwein aus der Sorte Veltliner. Das Terroir für den Honivogl zählt somit zu den klassischen Hangfußlagen, wie etwa die Schütt in Loiben oder die Ried Lamm unterhalb des berühmten Heiligensteins im Kamptal. Genau genommen ist »Honivogl« also ein Markenwein, für den die Hirtzbergers immer die besten und reifsten Veltlinertrauben heranziehen.
WÖSENDORFER HOCHRAIN
Bis zu 50-jährige Weinstöcke auf Urgesteinsverwitterungsböden mit teilweiser Lössauflage erbringen einen extraktreichen, tiefgründigen, archetypischen Veltliner. Der Wösendorfer Hochrain, eine klassische Südlage am Bergansatz zwischen St. Michael und Wösendorf, ist ein ideales Terroir für frische, zartwürzige Veltliner. Tiefverwitterte Paragneise mit sandiger Lössauflage speichern die Wärme und ermöglichen so einerseits eine frühe Ernte bei voller physiologischer Reife unter Bewahrung des spritzig-leichten Charakters, andererseits aber auch vollkommen ausgereifte Smaragdweine mit sehr eigenständigem Tenor.
Rudi Pichlers Grüner Veltliner Hochrain gefällt dank seiner beachtlichen Vielschichtigkeit und Saftigkeit sowie seiner Aromen von getrockneten Marillen. Er zeigt sich immer balanciert und sehr facettenreich mit Kräuterwürze, ist ungemein entwicklungsfähig und kommt in der Regel ganz ohne Botrytis aus.
In manchen Jahren vermeint man, eine zarte Harznote oder Anklänge an frisch gespaltenes Holz zu verspüren – wohl ein Charakteristikum des Terroirs.
DÜRNSTEINER KELLERBERG
Direkt hinter dem barocken Kellerschlössel der Domäne Wachau erhebt sich der steile Hausberg. Die Weingärten stehen auf Urgesteinsböden, auf hellem Gföhler Gneis, der zu 90 % aus Feldspat und Quarz besteht und sich von den eher schiefrigen Formationen die Donau aufwärts ab Dürnstein unterscheidet. Die Böden haben teilweise Lössauflage. Der Kellerberg steht aufgrund des verstärkten pannonischen Klimaeinflusses für kräftige Weine, die aber doch stets auch feine Mineralik zeigen. Die Familie Pichler bewirtschaftet eine steile, karge und puristische Urgesteinsterrassenlage, die nach Südosten ausgerichtet ist und am Ausgang eines Seitentals, des Flickentals, liegt, das den Kellerberg im Osten begrenzt. Dieser Graben, der von der nördlichen Waldzone abfällt, schafft ein ganz spezielles Mikroklima. Der Kellerberg bekommt schon früh Morgensonne. Nachts sorgt kühle Luft aus dem Wald für die komplexe Textur und die fein nuancierte, meist exotische Aromatik dieses Weines. Im Herbst prägen große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht die Trauben. Hier entstehen nervige und betont mineralische Weine, die nicht so opulent wirken wie jene von der direkten Südlage am Kellerberg. Im Grünen Veltliner Kellerberg des Hauses F. X. Pichler verpackt Kellermeister Lucas Pichler einen Korb voll mit Honigmelone, Mango, Maracuja, Banane und vollreifen Pfirsichen. Klar getönte Mineralik als Mitgift des kargen Verwitterungsbodens und der extrem tief wurzelnden alten Rebstöcke macht Weine aus dieser Lage einzigartig und eigenständig. Die Weine vom Kellerberg besitzen eine mit Worten nur unzulänglich zu beschreibende filigrane Eleganz.
LOIBNER SCHÜTT
Diese hervorragende Lage hat viel zur Popularität des Hauses Knoll beigetragen – sicher aber auch umgekehrt. Die Riede erstreckt sich über Dürnstein im Westen und Loiben im Osten, durch den Verlauf des bergwärts ziehenden Mentalgrabens ist die Trennlinie gut erfassbar. Der Riesling steht auf der Dürnsteiner Schütt am Fuße des Höherecks auf einem reinen Gneisverwitterungsboden. Es handelt sich dabei um gröberes, skelettreicheres Material mit wenig Feinerdeanteil, also in der Hauptsache um mineralische Komponenten, die der Bach aus dem Mentalgraben mitgetragen und hier am Eintrittspunkt in die flache Talsohne angeschüttet hat. Der Riesling wächst in einer leicht nach Südwest orientierten Exposition, beim Grünen Veltliner neigen sich die Terrassen etwas südöstlich. Für die Durchlüftung ist der Mentalgraben, der kühle, aromenreiche Luftmassen aus den höher gelegenen Wäldern bringt, verantwortlich.
LOIBNER STEINERTAL
Das Loibner Steinertal ist ein kleiner Taleinschnitt am östlichen Ende der Wachau, am Fuße des Loibner Berges gelegen, mit metertief abgelagertem Urgestein. Die Weine bestechen durch Rasse und Finesse, sie sind saftig und am deutlichsten von der Mineralik des Urgesteins geprägt. Diese Lage bringt das Aroma von frischem Steinobst besonders gut zur Geltung, was sich sehr gut auf die Lagerfähigkeit auswirkt. Steinertal ist die erste Terrassenlage, wenn man von Osten in die Wachau links der Donau kommt, die Riede markiert das östliche Ende des Loibenberges. Der Boden besteht aus reinem Urgestein mit Gneis als Ausgangsgestein, oben am Berg gibt es fast keine Bodenmächtigkeit, die Auflage beträgt nur 30 bis 40 cm, weiter unten besteht der Boden mit bis zu zwei oder drei Meter Erdauflage aus Verwitterungsmaterial ohne Untermischung. Die Lage an einem Talausgang bringt ein Kleinklima mit starker Tag-und-NachtSchwankung, das begünstigt die Aromenausbildung. Der Grüne Veltliner aus dem Hause Alzinger, das im Steinertal 2,5 von gut fünf Hektar besitzt, zeigt eine brillante, helle Farbe und präsentiert sich meist nicht so kräftig und körperreich, wie man es von einem Smaragdwein aus Unterloiben – das noch stärker von den warmen pannonischen Klimaausläufern tangiert wird – erwartet. Im Gegenteil, Leo Alzingers Weine wirken auch bei 13,5 und mehr Volumsprozent Alkoholgehalt durchaus schlanker, geschliffener und mineralischer als so mancher vergleichbare Wein aus dem kühlen Spitz.