Wein und Essen in perfekter Harmonie

FalstaffAusgabe 02/2007

Rares vor den Toren Wiens: Zierfandler und Rotgipfler

Im Süden der österreichischen Bundeshauptstadt Wien, in der Umgebung des Weinbauortes Gumpoldskirchen, verliebte sich Peter Moser in zwei charaktervolle rare Weißweinsorten namens Zierfandler (Spätrot) und Rotgipfler. Jede für sich ergibt einen unverwechselbaren Wein, gemeinsam bilden sie die legendäre Cuvée von der Thermenlinie: den Spätrot-Rotgipfler. Text von Peter Moser

Halbtrockene Weißweine oder gar solche mit deutlichem Restzucker waren nach dem Weinskandal, der 1985 die Weinbranche in Österreich erschütterte, beim Konsumenten verpönt und unverkäuflich. Als unmittelbare Folge begann die Welle der knochentrockenen und säurebetonten leichten Weißweine zu rollen. Süße Weine trugen fortan das Stigma der Unlauterkeit. Das hat den Typus des Gumpoldskirchner Weines schwer getroffen, unter dessen Flagge zahllose Tankzüge mit durch Dyäthylenglykol betrügerisch »versüßten« Spätlesen ins benachbarte Deutschland geliefert wurden. Bis heute ist der Begriff Spätlese von österreichischen Etiketten fast völlig verschwunden, um halbtrockene Weißweine macht man ungeachtet ihrer potenziellen Qualität und ihrer gastronomischen Eignung noch immer einen Bogen.

In Zeiten von Fusions-Küche und einer ständig neuen Flut von Aromen und Geschmackstrends hat man aber auch in kleinem Umfang alte Rebsorten und deren hohe Qualität wiederentdeckt. Unter jene spannenden Sorten zählt man auch den Zierfandler und den Rotgipfler, die insgesamt nur mehr auf 200 Hektar angebaut werden. Dank einiger engagierter Winzer werden diese Kleinode der österreichischen Sortenvielfalt heute mit Liebe gehegt und gepflegt, und sie erfreuen sich bei Kennern wieder eines wachsenden Rufes.

Zierfandler – Ahnenforschung in Niederösterreich

Verfolgt man die Sorte Zierfandler in der ampelografischen Literatur Österreichs, deren Anfänge in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts(1)  anzusetzen sind, so stellt man schnell fest, dass sich die Verbreitung dieser einst so berühmten Sorte stets auf den Ort Gumpoldskirchen und seine nähere Umgebung konzentriert hat. Der Zierfandler kann zwar über die Jahrhunderte immer wieder vereinzelt in anderen Weinregionen der k. u. k. Monarchie nachgewiesen werden, wie zum Beispiel in St. Georg bei Pressburg (heute Bratislava, Slowakei) oder im ungarischen Alföld, konnte sich aber mit Ausnahme von Wien, wo noch einige Stöcke in den Mischsätzen vorhanden sind, nirgendwo längerfristig halten. Richtigerweise müsste man vom »Roten Zierfandler«( 2)  sprechen, jener Sorte, die als wichtigstes Synonym in Österreich auch »Spätrot« genannt wird. Denn unter »Zierfandler« wurde früher die Sorte Grüner Sylvaner verstanden, so etwa in der Wachau (1748). Diese in Österreich einst weitverbreitete Sorte ist heute noch seltener anzutreffen als der Zierfandler selbst. Lange dachte man, der Zierfandler sei der Gruppe der Veltliner-Familie zugehörig, optische Ähnlichkeiten mit dem Roten Veltliner führten hier in der Frühzeit der Ampelografie zu Verwechslungen. Die frühe Bezeichnung »Rothreifler«(3) war in Ungarn rund um den Neusiedler See (heute Burgenland) gebräuchlich. Diese alten Namen sind allesamt sprechende Bezeichnungen: Einerseits reift die Sorte sehr spät, andererseits weisen die Beeren auf der Sonnenseite eine hellrote Farbe auf und werden schließlich bei Vollreife dunkelrot. Mitte des 19. Jahrhunderts benennt in Deutschland Freiherr Lamprecht von Babo die Sorte mit dem Namen »Rother Sylvaner«.(4)

Die Sorte stammt mit ziemlicher Sicherheit ursprünglich aus Niederösterreich, auch wenn eine alte Tradition einen Ursprung im Raum Comer See behauptet. Neue wissenschaftliche Untersuchungen haben dafür nicht den geringsten Anhaltspunkt ergeben. Auch mit dem Riesling ist der Zierfandler botanisch nicht verwandt, obwohl sich speziell durch seine finessenreiche Säurestruktur gewisse Ähnlichkeiten ergeben. Dr. Ferdinand Regner von der Abteilung für Rebzüchtung der Klosterneuburger Weinbauschule, Österreichs führender Ahnenforscher in Sachen Rebsorten, hat vor einigen Jahren herausgefunden, dass es sich beim Zierfandler um eine zufällige Kreuzung aus Rotem Veltliner und einer noch unbekannten Rebe, die allerdings dem Traminer ziemlich ähnlich ist, handelt.

Wie schmeckt der Zierfandler?

Der Zierfandler stellt keine hohen Ansprüche an den Boden, jedoch sehr wohl an die Lage. Er ist empfindlich gegen Winterfröste und Botrytis, ansonsten genügsam. Er bringt mittleren, unregelmäßigen Ertrag und ist spät reifend. Der Wein hat eine goldgelbe Farbe, ein ausgeprägtes Fruchtbukett und eine feine Säure, ist würzig, extrakt- und alkoholreich. Der Zierfandler wird meist mit Restsüße hergestellt und gerne mit der Sorte Rotgipfler zur klassischen Gumpoldskirchner Cuvée namens »Spätrot-Rotgipfler« verarbeitet. So schmeckt ein Zierfandler aus guter Provenienz: helles Goldgelb, hochreife, traubige Aromen von Quitten, Mango, Honig, Mandeln und jene sortentypische Grapefruitnote, die die große Fülle des Weins mit herrlicher Eleganz stützt. Diese Grapefruitnote sorgt auch dafür, dass sich ein großer Zierfandlerwein während seines gesamten Lebenszyklus von über 15 Jahren seine große Frische und Jugendlichkeit bewahrt. Die Sorte Zierfandler bringt extraktreiche Weine mit zartem, noblem Aroma und fruchtiger Säure. Die Aromatik weist eine Vielzahl von Zitrusfrüchten auf sowie  Ananas- und Maracujatöne. Die Feinfruchtigkeit und der hohe Extrakt, verbunden mit einer harmonischen Säure am Gaumen, machen ihn zum idealen Speisenbegleiter der modernen Küche, speziell mit Asia-Küche bietet er interessante Kombinationsmöglichkeiten. Aufgrund der Alkoholstruktur verfügt der Zierfandler über eine sehr gute Alterungsfähigkeit.
Etwa 50 Hektar sind heute in Gumpoldskirchen mit Zierfandler bepflanzt, weitere 35 Hektar in den angrenzenden Gemeinden im Weinbaugebiet Thermenregion. Angeblich sollen auch am Wagram im Weinbaugebiet Donauland noch rund 15 Hektar Zierfandler existieren. Das Weinbauforschungsinstitut (fvm research institute of viticulture and oenology) in Pécs (Ungarn) kultiviert in den Mecsekalja einige Hektar von »Cirfandli«, die heute als das zweitgrößte Vorkommen der Sorte weltweit gelten, mittlerweile pflegen dort einige private Winzer wie Sándor Lisicza aus Pécs die Sorte als Rarität. In Kroatien und Slowenien soll der Zierfandler unter dem Synonym »Zerjavina« exisitieren. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit nicht mehr als 150 Hektar dieser Rebsorte existieren dürften.

Rotgipfler – Opulenz und Lagerpotenzial

Die zweite Sorte der Thermenregion heißt Rotgipfler, ihre genaue Herkunft liegt noch im Dunklen. In der Literatur taucht sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Lange glaubte man an eine nahe Verwandtschaft mit dem Grünen Veltliner, der früher auch  »Weißgipfler« hieß. Die Bezeichnung Rotgipfler soll sich von den rötlich-bronzefarbenen Triebspitzen der Rebe herleiten. Die Sorte soll in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Württemberg und Baden sowie im Elsass in bescheidenem Umfang Verbreitung gefunden haben, heute ist sie nur mehr in der österreichischen Thermenregion ansässig. Aktuelle Genanalysen mittels Mikrosatellitenuntersuchungen durch Dr. Regner haben gezeigt, dass es sich bei der Sorte eindeutig um eine Kreuzung von Traminer und Rotem Veltliner handelt. Die Verbreitung rund um Gumpoldskirchen dürfte jener des Zierfandlers ähnlich sein und bei rund 100 Hektar liegen.

Der Rotgipfler ist weniger winterfrostempfindlich und reift spät, seine Ansprüche an die Böden sind gering, er verlangt aber erstklassige Lagen. Nährstoffreiche Böden sind sein bevorzugter Standort, trockene und kalkreiche Böden sind für ihn unproblematisch. Die Sorte liefert kraftvolle, alkoholreiche und extraktreiche Weine mit ausgeprägter Frucht und opulentem Körper. Die ganze Finesse und Eleganz entwickelt der Rotgipfler ab dem Mostgewicht einer Spätlese, wirklich eindrucksvoll sind Auslesen und höhere Prädikate. Reinsortig ausgebaut, entwickeln sich diese Weine langsam und sollten nicht vor dem dritten Jahr nach der Ernte genossen werden, ihre Lebenserwartung liegt selten unter 20 Jahren, bei hohen Prädikatsweinen auch deutlich darüber. Dennoch ist der seinem Charakter nach eher fruchtbetontere und mollig-rundere Rotgipfler früher zugänglich als der rassige, strukturierte Zierfandler, der sich auch im halbtrockenen Bereich in der Jugend eher unnahbar präsentiert. In den vergangenen Jahren wurden Versuche mit Säureabbau und neuen Fässern unternommen, was bei richtiger Dosierung der Holznote beim Rotgipfler zu guten Ergebnissen geführt hat, der Zierfandler eignet sich dafür so wenig wie etwa ein Rheinriesling.

Spezielles Kleinklima um Gumpoldskirchen

Die Ursache dafür, dass sich diese beiden Sorten gerade in Gumpoldskirchen so wohlfühlen, ist im speziellen warmen Kleinklima zu finden, aber auch eine besondere geologische Komposition spielt eine Rolle. Beide Faktoren machen Weine aus sowohl Zierfandler als auch Rotgipfler zu echten Terroir-Weinen. Die Reben wachsen hier auf einer Seehöhe von 200 bis 400 Metern auf nach Osten und Süden orientierten Abhängen, die durch die hinter ihnen liegenden Anhöhen und den Wienerwald gegen die dominanten Westwinde geschützt sind. Aus dem Süden kann das warme, aus der ungarischen Tiefebene herrührende pannonische Klima wirken, das den Reben sehr entgegenkommt. Die im Norden und Westen platzierten Waldmassen des Wienerwaldes schwächen alle Niederschläge ab. Daher ist das Wetter in Gumpoldskirchen trockener und wärmer und von einer größeren Zahl an Sonnenstunden gekennzeichnet als im gesamten übrigen Niederösterreich. Aber auch die Böden nehmen, gemessen an jenen des restlichen österreichischen Rebenlandes, eine Sonderstellung ein: Es sind recht schwere Böden, geprägt von Kalksteinbraunerde, auf warmem und gut durchwässertem Verwitterungsschutt-Untergrund liegen lehmige Tone und sandige Lehme. Rein optisch erinnert das Band der Weindörfer mit ihren nach Osten abfallenden Weingärten durchaus an die Côte d’Or in der Burgund oder an die Mittelhaardt in der Pfalz in Deutschland. Gumpoldskirchen bildet wie Deidesheim oder Beaune das Zentrum.

Die besten Produzenten sind ohne Zweifel Karl Alphart für Rotgipfler – sein kraftvoller Rotgipfler Rodauner TS Top Selektion, der teilweise mit neuem Holz vinifiziert ist, hat neue Türen für diese Sorte aufgestoßen – und Johann Stadlmann mit dem eher traditionell ausgebauten Zierfandler Mandel-Höh, einem Wein, in den Stadlmann die ganze Rasse und Eleganz verpackt, die diese Sorte zu bieten hat. In Jahren mit guter Botrytis werden hier natürlich auch kleine Mengen von Hochprädikaten erzeugt, die mit den besten Weinen des Burgenlands mithalten und mit Leichtigkeit fünfzig Jahre reifen können. Um ein möglichst klares Bild der Sorten darstellen zu können, wurde eine umfangreiche Degustation mit mehrheitlich gereiften Weinen durchgeführt, die das Potenzial der beiden österreichischen Raritäten klar unterstrich.

Literatur

1  Franciscus Antonius Steindl de Plesseneth: Vinum Austriacum, Diss. Med., Wien 1732
2  Dr. Sebastian Helbling: Beschreibung der in der Wiener Gegend gemeinen Weintrauben-Arten, Prag 1777
3  Dr. Johann Burger: Systematische Klassifikation und Be-schreibung der in den österreichischen Weingärten vorkommenden Traubenarten, Wien 1837
4  Lamprecht von Babo: Der Weinstock und seine Varietäten; Frankfurt am Main 1857