Was für eine hervorragende Entwicklung die Steiermark als Weinland in den letzten beiden Jahrzehnten genommen hat, lässt sich in der Region mit freiem Auge erkennen: vorbildlich gepflegte Weingärten und modern ausgerüstete Weingüter von der Südost- bis zur Weststeiermark, große Nachfrage nach den steirischen Kreszenzen im In- und Ausland – der beste Beweis für den großen Aufschwung des Reblandes in der Grünen Mark.
Während in anderen Anbaugebieten die Rebflächen ständig kleiner werden, wurden in der Steiermark in den letzten fünf Jahren an die fünfhundert Hektar neu in Ertrag gebracht. Viele Betriebe haben beträchtliche Mittel in ihre Flächen und Weingüter investiert, um der immer größer werdenden Nachfrage mit einem entsprechenden Angebot zu entsprechen. Das Sortiment der trockenen Weißweine reicht vom frischen, leichten Junker über die Klassik bis zu den in Holzfässern geschulten, meist sortenrein ausgebauten Lagenweinen, dazu ein Spezialitätensortiment von Schilcher bis zu ernsthaften Rotweinen und einigen Süßweinraritäten zum »Drüberstreuen«. Die Basis bildet der rassig-fruchtige Welschriesling, der im Alltagsweinbereich zur Visitenkarte der Region geworden ist. Profiliert hat sich speziell die Südsteiermark, mit ihren rund 1500 Hektar der Motor des steirischen Qualitätsweinbaus, mit der Sorte Sauvignon Blanc, die hier früher Muskat-Sylvaner hieß. Aber auch die weißen Burgundersorten bringen erstklassige Ergebnisse, allen voran die steirische Spezialität Morillon, dessen Brüder Chardonnay und Weißburgunder und deren Vetter Grauburgunder oder Ruländer hier ebenso gut gedeihen. Bekannt ist die Steiermark auch für den würzigen, kraftvollen Traminer und die duftigen, frischen Muskateller.
Die Steiermark blickt auf eine sehr lange Weinbautradition zurück, die keltische und römische Vergangenheit der Region ist durch viele Funde evident. Seit dem Mittelalter bemühten sich kirchliche und aristokratische Landbesitzer, dem Land mit seinen steilen Hängen und dem recht feuchten Klima Jahr für Jahr eine Lese abzutrotzen. Neben zahlreichen Bistümern war natürlich auch der Landesherr mit beträchtlichen Kammergütern größter »Winzer« im Lande. Mit Erzherzog Johann und der von ihm initiierten Gründung einer »k. k. Landwirthschafts-Gesellschaft in Steyermark« (1817) nahm der Weinbau einen ersten Aufschwung. Kurz nach der Gründung zählte dieser Vorläufer der heutigen Landwirtschaftskammer bereits über 2000 Mitglieder, die zum Großteil Praktiker waren. Musterweingärten wurden angelegt, erste ampelografische Publikationen (Vest, Trummer, Hlubek) entstanden, Weinbauschulen wurden gegründet. Bis zum heutigen Tag sind die Ausbildungsstätten der Steiermark, allen voran die Weinbauschule Silberberg, von elementarer Bedeutung für die Zukunft der Winzer von morgen. Schon früh wurde dem Sortenwirrwarr ein Ende bereitet, neue, vielversprechende Edelsorten wurden ausgepflanzt. Nach der Reblaus-Katastrophe wurde in der Steiermark rasch gehandelt, bald hatte man zur Gänze auf amerikanische Unterlagsreben umgestellt.
Eine besondere Bedeutung kommt dem Klima der steirischen Weinbaugebiete zu. Es herrschen hier aufgrund der kontinentalen Bedingungen im Sommer sehr warme bis heiße Temperaturen, die Winter sind sehr kalt. Die Schwankungen zwischen den Tageshöchstwerten und den Nachtwerten sind beträchtlich. Andererseits verdankt das Gebiet seiner Lage südlich des Alpenhauptkammes und seiner Ausrichtung nach Süden eine merkliche Abschwächung bei den absoluten Maximalwerten, der Einfluss mediterraner Strömungen kommt bereits zum Tragen. Die Niederschlagsmengen sind vergleichsweise hoch, dadurch ist die Mineralstoffversorgung der Böden und damit der Reben gesichert.
Die besten Lagen für die Reben befinden sich in der Südsteiermark traditionell in den oberen Bereichen der Hügel, und das aus gutem Grund: Einerseits werden hier mehr Sonnenstunden wirksam, andererseits verringert eine regelmäßige Luftzirkulation das Auftreten und die Verbreitung von Krankheiten in den Weingärten. Daher ist hier auch die Temperaturinversion ein prägendes Element für den Weinbau, und zwar dann, wenn in den tieferen Tälern Frost entsteht. Die wärmeren und damit leichteren Luftmassen steigen auf und bewahren die höher auf dem Hügel platzierten Reben vor Frostschäden und Erfrierungsfolgen. Daher wird in den tieferen Lagen konventionelle Landwirtschaft betrieben. Gut zwei Drittel aller Weingärten befinden sich daher in Hanglagen mit mehr als 26 Prozent Neigung.
Die Böden sind im Kern von Schiefer und Tonschiefer geprägt. Bäche und Flüsse haben sich tief eingegraben und ließen steile Hänge entstehen, im Tertiär war die Region von einem Urmeer überflutet. Die Küstenzone dieses Meeres lag etwa bei den Schichten, die heute auf 450 bis 500 Meter Höhe liegen. Dies ist durch die Auflage aus tertiärem Sand und Schotter belegt, der teilweise mit Muschel- und Korallenkalk durchzogen ist. Für das gesamte Gebiet sind Opok-Böden (Kalkmergel-Verwitterungsböden) typisch, auch lehmige Sande sind in manchen Lagen anzutreffen. Die oberen Schichten des Bodens sind wasserbindend und leicht zu durchdringen, danach stoßen die Reben in nur wenigen Metern Tiefe auf harten Gneis und Glimmerschiefer, die letztlich bei den älteren Anlagen für eine starke mineralische Note in den Weinen verantwortlich sind.
Im Gebiet der Windischen Bühel (auch das Gebiet der »südsteirischen Weinstraße«), also auf der Linie, die östlich mit dem Hochgrassnitzberg beginnt und sich dann über Zieregg und Zoppelberg bis hinüber nach Glanz und Pößnitz zieht, herrscht sandig-toniges Sedimentgestein aus dem Tertiär vor, das, vermischt mit Kalk oder Muschelkalk, die Kalksteinbraunerde ergibt oder ohne Kalk als Parabraunerde angespochen wird. Sie weisen unterschiedliche Wasserverhältnisse auf. Man trifft hier auf unterschiedliche Bodenverhältnisse, die von schweren Ton- und Lehmböden und Tonmergel (den »Opok« oder »Lapor«) bis zu Anlagen auf Löss, Leithakalk, mergeligem und sandigem Schiefer oder Sandstein und schließlich reinen Schotterböden reichen. Zusammen mit dem jeweiligen Kleinklima bringen diese variablen Bedingungen sehr unterschiedliche Weincharaktere hervor, und die Winzer legen immer mehr Wert darauf, diese Unterschiede auch zur Geltung zu bringen. Hier wachsen opulentere Weine als im Sausal, die Weine haben mehr Fülle und Extrakt, punkten mit frischem Säurespiel und Aromatiefe. Hier gedeihen intensive und würzige Sauvignon Blancs, Muskateller und Morillons, aber auch beachtliche Traminer und Ruländer, beides Sorten, denen in Zukunft wieder mehr Beachtung geschenkt werden muss. Im direkten Vergleich mit dem benachbarten Sausal wirken die Weine hier kompakter und voller, sie sind vielleicht auch eine Spur fruchtbetonter als die feingliedrigeren Sausaler.
Im Gebiet Sausal herrschen Verwitterungsböden von Glimmerschiefer vor, sie werden als Felsbraunerde bezeichnet. Es sind Böden, die mit viel Gestein durchsetzt sind und eher seicht bis mitteltief sind, sie neigen zur Trockenheit. Je höher der Anteil an Verwitterungsgestein, desto besser sind die Lagen für den Rheinriesling geeignet, den schon die Salzburger Bischöfe anbauen ließen und der hier einen feinduftigen Charakter entwickelt wie nirgends sonst in der Steiermark. Es ist erstaunlich, wie selten die Sorte anzutreffen ist, wenn man um die idealen Bedingungen weiß. Die Weine des Sausals sind durchschnittlich etwas leichter, zart duftig und von finessenreicher Frucht geprägt. Die Welschrieslinge sind stets rassig, die Bukettsorten spielen ihre volle Aromatik aus. Besonders der Muskateller und die weißen Burgundersorten fühlen sich hier wohl.
Das weststeirische Weinbaugebiet ist das Land des Schilchers, der steirischen Weinspezialität schlechthin, gekeltert aus der Rebsorte Blauer Wildbacher. Die Anbaufläche erstreckt sich von Ligist über eine Hügellandschaft bis Eibiswald. Die Weingärten stehen auf primären, glimmerreichen Verwitterungsböden von kristallinem Urschiefer, Gneis und Vulkangestein. Als Auflage bieten diese Böden humose Schichten mit Kalkmergel, der Kalkanteil ist gering. Diese speziellen geologischen Bedingungen spielen beim Charakter der hier wachsenden Weine eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Das gilt in gleichem Maße für das südoststeirische Weinland, wo in der Region von Gleichenberg, Klöch und Straden auf relativ warmen Böden aus verwittertem Trachyt und vulkanischem Balast qualitätsvolle Weine in einem annähernd pannonischen Klima wachsen. Traminer und Gewürztraminer haben den Ruf dieses Weinbaugebietes genährt, heute ist das gesamte für die Steiermark relevante Sortenspektrum vertreten. Dazu kommt, dass die Südoststeiermark über das beste Rotweinpotenzial der Steiermark verfügt, eine Karte, die immer erfolgreicher ausgespielt wird.
Angelockt von den ausgezeichneten Weinen, strömt eine wachsende Zahl von Besuchern in die steirische Weinlandschaft, längst ist diese Form des Weintourismus nicht mehr auf die herbstliche Sturm- und Kastanien-Zeit begrenzt. So hat der Aufschwung in der Weinqualität auch die Gastronomen und Hoteliers beflügelt, neue Akzente zu setzen. Neben den alteingesessenen Betrieben sind neue Adressen entstanden, die Zahl an attraktiven Übernachtungsmöglichkeiten wächst, die Weingüter selbst haben mit modernen Besucherzentren und ihren umfangreichen Degustationsangeboten aktiv dazu beigetragen, die Gäste von nah und fern anzulocken. Ob bei der Buschenschank oder im Drei-Hauben-Gourmettempel – überall ist das neue kulinarische Selbstbewusstsein zu bemerken, das sich in eigenständigen Produkten von Kürbiskernwurst und luftgetrocknetem Schinken, Pasteten und Käse bis zu Edelbränden und Edelessig manifestiert. Der Weintourismus entwickelt sich immer klarer zur wichtigsten Trumpfkarte der Steiermark.
Bei aller Sortenvielfalt setzen die meisten der führenden Betriebe auf den Sauvignon Blanc als regionale Leitsorte. Über den Sauvignon Blanc ist auch vor Jahren der Einstieg in die Spitzengastronomie geglückt. Allerdings steht man mit dieser Sorte einer nicht unbeachtlichen internationalen Konkurrenz direkt gegenüber, ein Problem, das die Niederösterreicher mit dem Grünen Veltliner oder die Burgenländer mit dem Blaufränkisch und Zweigelt nicht kennen. Beim Sauvignon Blanc hingegen gibt es starke Mitbewerber von der Loire, aus Chile oder Neuseeland – ein Grund mehr, neben höchster Qualität klare Merkmale und den Faktor Terroir herauszuarbeiten. Für den Morillon und den Chardonnay ist aufgrund der weltweiten Verbreitung der Sorte die Zahl der Mitbewerber noch viel größer.
Dass sich die steirischen Winzer trotz dieser Umstände auch im Export hervorragend behaupten können, ist ein Beweis für die hohe Qualität ihrer Produkte. In der folgenden Verkostung stellt eine Auswahl von bekannten Betrieben ihre besten Lagenweine und die Flaggschiffe ihrer Weingüter vor. Dabei wurden in der Regel auch gereifte Weine verkostet, um das Entwicklungspotenzial der steirischen Topweine darstellen zu können. Die Auswahl der Betriebe wurde über Einladung durch das Gremium Weinhandel der steirischen Wirtschaftskammer getroffen, verkostet wurden die Weine im Degustationszentrum des Falstaff-Verlags in Klosterneuburg. Die Verkostungsnotizen zu diesem Special steuerte Chefredakteur Peter Moser bei.