Zieht man von der Donau Richtung Norden, legt sich der Wagram mit seiner Geländestufe quer. Bis zu zwölf Meter dick bedeckt der Löss den felsigen Untergrund. Generationen von Winzern haben Stollen in das weiche, kompakte Material gegraben, um in diesen kühlen Kellern ihren Wein heranreifen zu lassen, der heute mehr denn je aus der Rebsorte Grüner Veltliner gekeltert wird. – Von Peter Moser.
»Wie soll denn der perfekte Wagramer Veltliner aussehen?«, fragte das Falstaff-Magazin führende Winzer der Region, die nicht um alles Geld der Welt den Herkunftsbegriff »Donauland« noch länger auf ihren Etiketten sehen wollen. »Ein Veltliner von den nach Süden ausgerichteten Lössterrassen, aus physiologisch reifen, gesunden Trauben, der im Keller möglichst viel Freiheit bekommt, um seine Frucht, Eleganz und Kraft voll auszuspielen.« So definiert Bernhard Ott aus Feuersbrunn, einer der profiliertesten Veltliner-Erzeuger Österreichs, seine Vorstellungen. Nicht zuletzt durch die Erfolge der letzten Jahre befindet sich das Image der Leitsorte auch am Wagram deutlich im Aufwind.
Die Renaissance der Sorte fand zuerst im Kopf der Winzer statt, da ist sich Bernhard Ott sicher: »Am Wagram hat der Grüne Veltliner wieder den Spitzenplatz in Hinblick auf Qualität und Stolz des Winzers erreicht. Die Wagramer Winzer messen sich wieder gegenseitig daran, wer den besten Veltliner macht. Und das ist sehr gut so. Flächenmäßig war der Veltliner sowieso auch vorher der Spitzenreiter.« Dabei sind die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. »Mit dem Grünen Veltliner vom Wagram können wir eine eigenständige, wiedererkennbare Veltliner-Charakteristik neben Kamptal, Kremstal und Wachau erreichen. Wir müssen versuchen, unser Klima in den Weinen noch klarer zu verdeutlichen. Das spezielle Spannungsfeld zwischen Waldviertel und pannonischen Einflüssen ist hier eine sehr prägende Komponente. Unserem Boden kommt eine besondere Bedeutung zu. Die Löss-Südhänge bis 371 Meter Seehöhe sind im Norden durch Wald und Gföhler Gneis geschützt, südlich abgegrenzt durch die Donau. Auch die vielen alten Mutationen des Grünen Veltliners sind eine fast noch unentdeckte Besonderheit, die wir in Zukunft im Wein sprechen lassen können. Meiner Meinung nach ist also am Wagram genug Potenzial zu finden, das helfen wird, um in Zukunft in die Riege der besten Veltliner-Erzeuger Österreichs aufzusteigen.« Davon ist Ott felsenfest überzeugt.
Leopold Blauensteiner, Winzer in Gösing und IK-Chef der Region, formuliert das ähnlich: »Der Grüne Veltliner vom Wagram steht hinsichtlich seiner Marktbedeutung zweifellos an der Spitze der Wagramer Weinhierarchie. Sowohl von der Anbaufläche als auch vom Potenzial her ist der Grüne Veltliner vom Wagramer Löss eine Klasse für sich.« Für Blauensteiner vereint der Grüne Veltliner hier eine klare, blitzsaubere Frucht mit feiner Würze, Biss und Länge. »Vielschichtig, mit exotischen Fruchtkomponenten, cremigem Schmelz und trotzdem transparent und mit viel Trinkspaß. Im Unterschied zu anderen Gebieten sind bei den Grünen Veltlinern vom Wagram keine sortenfremden oder vorlauten Aromen zu finden. Der typische Veltliner sollte auch frei von Botrytis und klassisch ausgebaut sein, also nicht unbedingt im kleinen Holz«, was eine Zeit lang auch am Wagram durchaus in Mode war – über die Ergebnisse könnte man diskutieren.
Die Zukunft sieht Blauensteiner sowohl für den Wagram als auch für den Grünen Veltliner sehr positiv: »Es gibt fast nirgends ein derart geschlossenes Weinbaugebiet mit einem so hohen Anteil von Grünem Veltliner, ein durchgehend gleiches geologisches Bodenprofil namens Löss und die gleichen klimatischen und weinbaupolitischen Verhältnisse. All das würde ein eigenes Weinbaugebiet Wagram mehr als rechtfertigen. Mit einer Anbaufläche von 2400 Hektar ist der Wagram das fünftgrößte Gebiet von insgesamt 16 in Österreich. Die Aufbruchstimmung und das Selbstbewusstsein der letzten Jahre sind die Motivation für ein autonomes Weinbaugebiet Wagram, wovon Produktion, Handel und ausnahmslos alle Wagramgemeinden gleichermaßen überzeugt sind. Daher wird dieses Ziel in unseren Bemühungen der nächsten Zeit die höchste Priorität einnehmen.« Bleibt abzuwarten, welche Lösung für den Rest des Donaulandes, also für die Winzer auf dem rechten Donauufer, angeboten wird. Dieses Mini-Weinbaugebiet, das außer Klosterneuburg wenig Nennenswertes aufzuweisen hat – wer kennt schon einen Winzer aus dem »Fragnerland«? –, wird es nicht leicht haben, sich zu behaupten. Andererseits erinnern wir uns an die Zeiten, als der Wagram kurioserweise mit dem noch weiter entfernten Carnuntum in einem Boot saß.
»Der Grüne Veltliner ist der Werbeträger für den Wagram schlechthin.« Davon ist Bernhard Ecker vom Weingut Eckhof überzeugt. »Unser Ziel ist es weiters, den Weintourismus zu fördern und durch Veranstaltungen, Events und Tage der offenen Tür unter der Bevölkerung unser hoffentlich bald unter dem Namen Wagram firmierendes Weinbaugebiet bekannter zu machen.« Karl Fritsch ist es wichtig, darauf zu verweisen, dass am Wagram auch andere Sorten vorzüglich gedeihen: »Die Stärke des Wagrams ist der Veltliner, aber es wachsen hier auch ausgezeichnete Burgunder und hervorragende Rotweine. Insofern könnte man den Wagram als Alleskönner bezeichnen. Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass gerade vom Wagram viele neue, junge Winzer kommen, und es ist wichtig, dass die arrivierten Betriebe den Newcomern helfen, sich zu etablieren. Der Weg des Wagrams führt zwar vielleicht langsam, dabei aber stetig nach oben, und ich glaube, dass der Wagram immer mehr zum Garanten für hohe Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis wird.« Fritsch ist sich sicher: »Die Vorzeichen stehen also gut und wir werden unsere Chance nutzen.«
Auch Toni Mörwald, der Paradegastronom aus der Region, streut den Winzern Rosen: »Als ich vor gut zwanzig Jahren begonnen habe, für diese schöne Region Wagram aktiv Marketing zu machen, war ich von der einzigartigen Qualität des Veltliners überzeugt. Ich bin stolz auf unsere so spannende und genussvolle Gegend, die mit ihren Weinbergen jedem Besucher einen sehr weiten Horizont bietet«, so Mörwald, dessen Bruder Erhard ebenfalls zur Riege der Wagramer Winzer zählt. Wirtskollege Josef Floh aus Langenlebarn hat eine enorm umfangreiche und vielfach ausgezeichnete Weinkarte, den Weinen vom Wagram räumt Floh aber eine bedeutende Stellung ein. Nicht weniger als 64 unterschiedliche Positionen hält er laut Weindatenbank bereit.
Mit Unterstützung der ÖWM wurden die stilistischen Besonderheiten des Wagramer Veltliners von einer Runde von Fachleuten, Journalisten und Gastronomen untersucht. Dazu wurden Serien von leichteren und komplexeren, kräftigeren Sortenvertretern, die von den Winzern der Region als besonders typische Vertreter ausgewählt wurden, in Blindverkostung beschrieben. So wurden spezifische Merkmale der Grünen Veltliner vom Wagram herausgearbeitet. Mithilfe der Fachleute wurde folgendes Bild entwickelt: Die leichteren Weine bis etwa 12,5 Prozent Alkoholgehalt präsentieren sich mehrheitlich eher mit einem fruchtbetonten Bukett und weniger tabakig-würzig. Hier zeigen sich eher exotische Nuancen, Anklänge von Tropenfrüchten wie Banane, Ananas und Mango. Am Gaumen haben sie eine seidige, nahtlose Textur und sind cremig mit weichem Körper. Der Wagramer Veltliner hat eine milde, bekömmliche Säure und besticht durch einen zugänglichen, charmanten Stil. Wenn die Weine im Spätlesebereich liegen, dann ändert sich das Bild nicht wesentlich. Wiederum zeigen sie ein fruchtbetontes, aber nun auch feinwürziges Bukett. Die Säure ist mild, ohne zu schwach zu wirken, und sie ist stets gut eingebunden, auch der höhere Alkohol ist gut integriert. Mit steigendem Alkoholwert wirken die Weine eine Spur süßer, aber sie haben durchwegs eine feste Textur und ein sehr gutes Entwicklungspotenzial. Ein wichtiger Punkt der Weine vom Wagram, den man nicht genug betonen kann, ist ihr Preis-Leistungs-Verhältnis. Denn dieses ist einfach ausgezeichnet.
Zitat: »Die Wagramer Winzer messen sich wieder gegenseitig daran, wer den besten Veltliner macht.« Bernhard Ott, Winzer