Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

FalstaffAusgabe 02/2006

Europa-Vergleich: edel und süß

Botrytisweine gelten vielen Experten als die wertvollsten Süßweine. Aus unansehnlichen Trauben entstehen die feinsten und lagerfähigsten Kreszenzen, meist aus eher säurereichen Weißweinsorten. Vom Sauvignon Blanc und Semillon aus Bordeaux über den Riesling im Rheingau bis zum Lindenblättrigen und Furmint Tokajis reicht der kostbare Bogen. Text von Peter Moser

Die schöne »Residenz Heinz Winkler« in Aschau im Chiemgau wählte Journalist August F. Winkler für seine traditionelle Jahresprobe, die er mit Unterstützung der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft ausrichtet. Das Thema waren diesmal die klassischen edelsüßen Weine. Genauer gesagt: Es wurden die besten Österreicher mit namhaften Franzosen wie Château d’Yquem, deutschen Granaten vom Rang einer TBA von Weil sowie mit Preziosen aus verschiedenen anderen Ländern und Regionen in einer Blindverkostung verglichen. Und damit den österreichischen Top-Süßweinen kein Heimvorteil angedichtet werden kann, fand nicht nur die Probe im Ausland statt, sondern auch zwei Drittel der fachkundigen Jury kamen aus Deutschland und der Schweiz. Um die Verkostung so objektiv wie möglich zu machen, wurde die Zahl der Weine auf 40 beschränkt, als mögliche Jahrgänge wurden 2000, 2001 und 2002 gewählt.

Österreich dominierte klar

In der Degustation war die Reihenfolge der Weine keinem System unterworfen, und so kamen die Weine bunt gemischt in Vierer- Flights ins Glas. Jeder Verkoster konnte nun so seine Vermutungen anstellen, welcher Herkunft er welches Produkt zuordnen wollte, was durch das Faktum erschwert wurde, dass man überhaupt nicht wusste, was kommt. Lediglich Übersee war ausgeschlossen. Und so machte die Probe sehr nachdrücklich klar, wie weit der Bogen der Botrytis-Weine gespannt sein kann. Von fast wässriger hellgrüner Farbe bis zu dunklem, rot schimmerndem Bernstein reicht die Farbpalette, da fallen Weine aus dem Stahltank ebenso darunter wie solche aus dem großen Holzfass und aus neuen französischen Barriques. Die Geschmacksvielfalt wird zusätzlich durch die höchst unterschiedlichen Sorten beeinflusst, die zum Einsatz kommen. Auch die Frage des Ausbaus spielt eine Rolle, die von bewusst reduktiven bis hin zu deutlich oxidativen Weinen aus Tokaji reichte. Manche Weine waren schon einigermaßen genussfertig, andere wiederum Jahrzehnte davon entfernt. Gerade bei den völlig zu Recht hoch eingeschätzen Rieslingen wirkte sich ihre embryonale Verfassung auf das Ergebnis aus und ließ manchen auf Sicht gesehen fantastischen Wein im Gesamtklassement zurückrutschen.

Eines sollte man sich immer vor Augen halten, wenn man die europäischen Top-Botrytisweine miteinander vergleichen will: Die Weine aus dem Süden, und Bordeaux mit seinen Sauternes und Barsacs zählt da schon dazu, sind immer durch Kraft definiert, die Weine des Nordens, also die deutschen Rieslinge von Saar bis Rheingau, haben ihre Stärke in der Finesse und Frische, die ihnen durch sehr bemerkenswerte Säurewerte innewohnen. Die Gebiete von Tokaji und rund um den Neusiedler See liegen in der Mitte und können im Idealfall von beiden Komponenten profitieren. Und bei den bestplatzierten Weinen hat sich offensichtlich bereits eine erste Harmonie eingestellt, die den holzbetonten, oft feurig wirkenden Franzosen in der Jugend klarerweise noch abgeht. Selbst der Wein von Château d’Yquem ist noch meilenweitvon einer ersten Trinkphase entfernt, und ehrlich gesagt: Das ist auch gut so. Von den drei vorgestellten Schweizer Süßweinen, die leider nur in ganz geringer Menge erzeugt werden, fanden jene aus der Rebsorte Petite Arvine den meisten Beifall, die recht eigenständigen Weine aus dem Elsass wurden sehr unterschiedlich bewertet.

Süßweine bei Tisch

Im Anschluss an die Probe wurde beim Abendessen anhand praktischer Beispiele die Frage erörtert, wie man süße Weine bei Tisch optimal einsetzen kann. Nur zu oft beschränkt sich ihr Auftritt auf die gebratene Gänseleber, auf den Käse oder das Dessert. Dass es ungleich mehr mögliche Verbindungsansätze zwischen Speisen und Süßweinen gibt, ist evident. Aber es erfordert auch etwas Mut zum Experiment und gute Beratung. Aufgrund der Konzentration der Botrytisweine – da stecken gleichsam drei Flaschen in einer – muss man behutsam kombinieren. Eine gut gekühlte Beerenauslese passt ideal zu kalt servierten weißen Spargelspitzen, behaupte ich immer. Das glaubt man wahrscheinlich wirklich erst, wenn man es selbst ausprobiert hat. Dazu kann man aber die Sommeliers nur aufrufen, die Gäste ziehen dann schon mit. An herrlichen Süßweinen, und noch dazu für relativ wenig Geld, mangelt es ja nicht.

Es verkosteten:

Darrel Joseph, Journalist, USA und Großbritannien; Markus del Monego, Caveco, Deutschland; Ludwig Fienhold, Journalist, Deutschland; Monika Kellermann, Weinhändlerin und Journalistin, Deutschland; Stefan Keller, Winzer und Journalist, Schweiz; Peter Moser, Journalist, Österreich; Jan-Erik Paulson, Weinhändler, Rare Wines, Deutschland; Luzia Schrampf, Journalistin, Österreich; Philippe Schneider, Fa. Schlumberger, Deutschland; Peter Weirather, Journalist, Österreich; Stefan Weiss, Weinhändler, Fa. Dallmayr, Deutschland; August F. Winkler, Gastgeber und Journalist, Österreich.

>>> zum Pressetext der Österr. Weinmarketingservice GmbH und den Ergebnissen im Detail