Logo A la Carteausgabe 03/2008

Verregnte Riesling

Dass 2007 mit den sintflutartigen Regenfällen zu Schulbeginn nicht gerade ein leichtes Jahr für die Winzer war, war uns bewusst. Dass aber derart viele Rieslinge enttäuschten, ließ unsere Probe zu einer der schwächsten der letzten Jahre werden. Text von Michael Prónay  

Der Witterungsverlauf des Jahres 2007 darf als einigermaßen bekannt vorausgesetzt werden, weshalb er hier nur kurz gestreift sei. Der Winter 2006/07 war ausgesprochen mild, der Austrieb erfolgte deutlich früher als im Durchschnitt, die Blüte verlief genauso früh wie im Rekordhitzejahr 2003. Juni und Juli waren heiß, und man rechnete bereits mit einem Lesebeginn im August, als alles anders kam. Der August war kühl und feucht, was das Wachstum einbremste. Im September allerdings begann es in einer Art und Weise zu schütten, dass einem die Winzer wirklich leidtun konnten. In Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland fiel innerhalb weniger Tage mancherorts die halbe durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge. Überaus penibles Arbeiten war Grundvoraussetzung, um einen ordentlichen Wein zu machen.

Die Rebsorte

Dass der Riesling den Anspruch erhebt, die edelste Rebsorte unter den Weißen zu sein, ist nicht neu, nicht zuletzt deshalb, weil er in der gesamten Bandbreite von staubtrocken bis edelsüß zu faszinieren vermag. Nach wie vor stimmt das, was Helmut Romé vor nunmehr fast 30 Jahren geschrieben hat, dass nämlich „im Bereich der trockenen Spätlese“ – also bei kräftigerem Alkohol – die schönsten Weine im deutschen Sprachraum in Österreich wachsen. Ampelographisch, also in Sachen Rebsortenkunde, dürfen wir Ferdinand Regner von der Weinbauschule Klosterneuburg im Winzer (Ausgabe 11/1999) zitieren, der praktisch alle heimischen Rebsorten genetisch analysiert hat: „Ein Abkömmling einer Heunisch-Kreuzung mit einer sogenannten Fränkischen Sorte (Traminer-Sämling) kann als Ursprung der Sorte Riesling angenommen werden.“

Die Weine

An der Spitze finden sich ganz ausgezeichnete Weine – aber dahinter, da sieht es ziemlich düster aus. Bemühen wir kurz die Statistik und vergleichen wir die Probe vom Vorjahr (240 Weine, Jahrgang 2006) mit der heurigen (228 Weine, Jahrgang 2007). Konnten wir im Vorjahr 95 Weine (fast 40%) mit 90 und mehr Punkten („ausgezeichnet“) bewerten, so fiel die Zahl heuer auf 59 (knapp 26%). An der obersten Spitze wird die Luft noch dünner: Erreichten im Vorjahr 13 Weine 93 oder mehr Punkte, waren es heuer gerade einmal deren drei.
Was das Problem bei sehr vielen Weinen war: Es fehlte einfach die klassische und beim Riesling so eindeutig erkenn- und zuordenbare Sortenfrucht nach Steinobst (Marille und Pfirsich). Trotz großzügiger Säureunterstützung fehlen vielen Weinen einfach Pfiff und Animo; Trinkfluss und Trinkfreude wollten sich partout nicht einstellen. Dazu kamen oft merklich unreif-grüne Elemente und auch deutlich erkennbare Gerbstoffnoten, die nicht einmal der manchmal großzügig bemessene (und deutlich schmeckbare) Zuckerrest überspielen konnte. Wir haben übrigens erstmals bei allen Weinen den Zuckerrest in Gramm je Liter abgedruckt, soweit er uns bekannt war (Schloss Gobelsburg beispielsweise pflegt ein Geheimnis daraus zu machen).

Unter den Grand-Cru-Siegern finden sich – wenig überraschend – durchaus bekannte Namen mit dem Schwerpunkt Wachau, Krems- und Kamptal; Michael Moosbrugger ist mit Schloss Gobelsburg sogar doppelt vertreten. Höchst erfreulich auch, dass mit Ernst Frischauf und Karl Holzmann zwei Weinviertler in der obersten Liga mitspielen. Der Sieger überraschte dann aber dennoch ein wenig: Die Winzer(genossenschaft) Krems haben mit dem Pfaffenberg tatsächlich ein Meisterstück hingelegt, zu dem wir ganz herzlich gratulieren.

Die Probe

Ausgeschrieben war die Probe – maximal zwei Weine pro Betrieb – für trockene und halbtrockene Rieslinge des Jahrgangs 2007. 231 Weine wurden eingeschickt, drei davon waren lieblich (über 12 g/l Zuckerrest) und wurden ausgeschieden. Die Weine wurden nach steigendem Alkoholgehalt, bei gleichem Alkoholgehalt nach steigendem Zuckerrest geordnet und blind verkostet. Das Panel bestand aus Sandra Büchler (Diplom-Sommelière, Wien), Dietmar Bruckner (Die Bouteille, Wien) und dem Autor. Die besten Weine wurden einer offenen raschen Finalverkostung unterzogen, sodass die Ergebnisse sehr gut abgesichert sind. Dem Weingut Spaetrot (Gumpoldskirchen) sei für die Gastfreundschaft, dem Weingut Krug (Altes Zechmeisterhaus, Gumpoldskirchen) für die leibliche Versorgung des Verkosterteams an dieser Stelle herzlich gedankt.

Glossar:
DV : Drehverschluss
GL: Glasverschluss
NK: Naturkork
PL: Plastikstöpsel
TT: Twin-Top-Kork, Presskork mit Naturkorkscheiben an den Enden

Die Sieger

Weingut Jahr/Wein Bemerkung Punkte

Winzer Krems

Pfaffenberg

13,5%, 5,7 g/l, NK. Wunderschön klare, saftige, reife Steinobstaromen, auch ein Hauch von Apfelstrudel, Zimt, ausgesprochen attraktiv; herrlich klare, saftige Frucht, wunderschön harmonisch, ganz ausgezeichnet.

94

Birgit Eichinger, Straß

Gaisberg

13%, 4,5 g/l, NK. Wunderschön klassische, reife Steinobstnoten, Riesling aus dem Bilderbuch; herrlich saftiger Glanz, wunderschöner Stoff, saftig, dicht, klar, ganz ausgezeichnet.

93

Wein-Gut Nigl, Senftenberg

Privat

13,5%, 4,8 g/l, DV. Wunderschön klare, saftige, herzhaft-griffige Steinobstnase; engmaschig, straff, konzentriert, nochsehr jung, aber mit enormem Potenzial versehen, ganz ausgezeichnet.

93

Günther Brandl, Zöbing

Kogelberg Reserve

14,5%, 3,6 g/l, DV. Zart muskatig, reifes Steinobst, wunderschöne Frische; herrlich saftiger Biss, Hauch Liebstöckel, wunderschöner Glanz, saftig, dicht, ganz ausgezeichnet.

92

Höllmüller, Joching

Pichlpoint Smaragd

13%, 7 g/l, DV. Wunderschön klare, klassische, hochfeine Sortenfrucht, die sich vom ersten Schnuppern bis in den feinen Abgang zieht, tief und saftig, herrlicher Stoff, brillant.

92

Lagler, Spitz

Tausendeimerberg Smaragd

13%, 4 g/l, NK. Kraftvolles Gelb; feine, dichte, kraftvolle Fülle, die Sorte ist wunderschön da; feine Fülle auch am Gaumen, fast verspielt, stoffig und dicht, fleischig, kraftvoll, ganz ausgezeichnet.

92

Schloss Gobelsburg

Alte Reben

13,5%, NK. Feine Fülle, schöne Sorte, dazu buttrig-cremige Elemente, auch eine pritzelige Pikanz; herzhafter, Säurebiss, feiner Tiefgang, der Zucker (dessen Wert nie angegeben wird) gut eingebunden, unglaublich lang.

92

Schneeweiss, Weißenkirchen

Achleiten Smaragd

13%, 6,7 g/l, NK/DV. Wunderschön konzentrierte, klassische Rieslingnase, herrlich differenziert und präsent; saftig-kernige Frucht, wunderschöner Stoff, herrliche Würze, toller Stoff, ganz ausgezeichnet.

92

Walter Buchegger, Droß

Moosburgerin

13%, 6,8 g/l, DV. Feine, klassische, blitzsaubere Frucht, saftig und fast fleischig; feine, fast dunkelfruchtige Fülle,
wunderschöner Glanz, ganz ausgezeichnet.

91

Ernst Frischauf, Röschitz

Stoaraun

12,7%, 4,3 g/l, DV. Hübsche Steinobstnase, deutliche Würze; herzhaft-klare, knackige Fruchtfülle, saftiger Biss, zeigt wunderschöne Klasse, ganz ausgezeichnet.

91

Karl Holzmann, Bad Pirawarth

Hamert

13%, 7 g/l, DV. Mehr Würze als Frucht, Kümmel und ein Hauch Thymian; am Gaumen kommt die Frucht ganz deutlich, wunderschöner Glanz und feiner Biss, ausgezeichnet.

91

Reinhard Lechner, Stratzing

Kremser Gebling

13%, 1,9 g/l, NK. Zart reduktive, aber wunderschön klassische Rieslingnase; wunderschön klare, feine Frucht,
saftiger Biss, knackig, straff, blitzsauber.

91

Fred Loimer, Langenlois

Steinmassl

13%, 6,8 g/l, NK. Sehr hübsche Würze, zuerst vordergründig Estragon, zeigt dann aber viel Background ("goschert mit Tiefgang"); mineralisch, animalisch, extrem individuell, eigenwillig, aber sehr interessant.

91

Schloss Gobelsburg

Zöbinger Heiligenstein

13%, NK. Saftige Fülle, wunderschön klare Sortenfrucht, herzhafter Biss, respektable Tiefe, kraftvoller Auftritt, gute Länge, ganz ausgezeichnet.

91

Stadt Krems

Kögl Kremstal DAC Reserve

13%, 5,5 g/l, GL. Wunderschön klare, saftige, feine Steinobstfrucht; herrlich saftig und klassisch, dicht, ganz feiner Stoff, ausgezeichnet.

91

Erwin Steinschaden, Langenlois

Steinhaus

13%, 6,2 g/l, DV. Saftige, ganz und gar klassische, fast plakative Steinobstfrucht mit einem zart muskatigen Einschlag; zarte Bonbons, knackige Säure, fester Kern, Zitrus, ausgezeichnet.

91

Download:
>>> Das komplette Verkostungsergebnis im pdf-Format (54 kB)