Logo A la Carteausgabe 02/2008

Das Chamäleon unter den Reben

Der Grüne-Veltliner-Jahrgang 2007 folgte auf ein Jahr, das die Latte so hoch wie nie zuvor gelegt hatte: „Millésime d’anthologie“ nennen die Franzosen einen solchen Jahrhundertjahrgang wie 2006 beim Grünen poetisch. In der Spitze sind die Weine toll, in der Breite aber wird’s recht buntscheckig.
Text von Michael Prónay  

Der Jahrgang 2007 begann mit einem viel zu milden Winter, der zu einem frühen Austrieb führte: Etwa zeitgleich mit 2003 war’s der früheste der jüngeren Zeitrechnung. Die Blüte verlief im Gegensatz zu 2006 (als man ziemliche Verrieselungsschäden zu beklagen hatte) problemlos, und eine rekordverdächtige Hitze im Juni und Juli schob das Wachstum obendrein noch kräftig an, da und dort begann man schon an 2003 zu denken, mit einem Lesebeginn in der zweiten Augusthälfte.

Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Der August war – wie schon in den vorigen Jahren – sehr kühl und mäßig feucht, was das Wachstum einbremste. Pünktlich zu Schulbeginn aber kam die Sintflut: Von der Wachau bis in den Seewinkel schüttete es durchgehend, mancherorts gab’s innerhalb einer Woche fast die halbe durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge.

Die Weine.

Die Folge war klar: Nur wer penibel genau im Weingarten und im Keller gearbeitet hatte, wurde mit Weinen über dem Durchschnitt belohnt. Die Statistik spricht eine klare Sprache. Konnten wir im Vorjahr knapp 50% der 2006er-Veltliner (genau: 159 von 322 oder 49,4%) mit 90 und mehr Punkten bewerten, so ist die Ausbeute heuer mit 85 von 314 Weinen (27%) mit der Bewertung „ausgezeichnet“ nur mehr etwa halb so groß.

Eines hat die Verkostung gezeigt: In der Spitze sind die Weine tatsächlich genauso gut wie die Vorgänger, vielleicht eine Spur weniger monumental, dafür aber auch ein wenig lebendiger, bissiger und spannender. Was sich allerdings ebenfalls gezeigt hat, ist ein seltsames Phänomen, und das völlig unabhängig vom „Gewicht“, also dem Alkoholgehalt des Körpers: Die Zahl der Veltliner, denen merklich Säure abgeht und die dadurch Spannung und Biss vermissen lassen – „langweilig auf hohem Niveau“, sagte ein Verkoster durchaus nicht unpassend –, ist erstaunlich hoch und erklärt auch die deutlich niedrigere Anzahl an Spitzenbewertungen.

An der Spitze dürfen wir – ex aequo mit dem alten Hasen Bertold Salomon vom Undhof in Krems-Stein – mit Erik Puhr aus Obermarkersdorf (vormals Weingut Familie Georg Puhr) ein neues Gesicht begrüßen und ihm zu seinem prachtvollen Weinviertel-DAC Alte Rebe beglückwünschen. Unter den 16 Grand-Cru-Siegern gibt’s noch eine solide Hand voll Weine von Winzern, deren Bekanntheitsgrad der Qualität ihrer 2007er Grünen Veltliner deutlich hinterherhinkt, was sich in der Regel durch recht brief-taschenfreundliche Kalkulation niederschlägt.

Noch ein Wort zum „chamäleonesken“ Titel: Je länger man degustiert, weiß wie rot, trocken wie süß, eines scheint sich immer deutlicher zu bewahrheiten, es gibt weltweit schlicht und einfach keine Rebsorte respektive keinen Wein, der kulinarisch breiter einsatzfähig wäre. Es gibt kaum ein „Problemgericht“ – Salat, Spargel, Artischocken, Sardellen –, zu dem der Grüne Veltliner nicht zumindest eine passable Figur macht.

Die Probe Mit 314 eingereichten Weinen – 2007 Grüner Veltliner trocken, ein Wein pro Betrieb – hatten war praktisch gleich viele Weine wie im Vorjahr, da waren es 322. Die Weine wurden, wie immer blind, nach aufsteigendem Alkoholgehalt verkostet.
Das Panel setzte sich aus Sandra Büchler (angehende Weinakademikerin, Wien), Georgia Dankovsky (langjährige Filialleiterin von Wein & Co am Naschmarkt) und dem Autor zusammen.

Die besten Weine wurden wie immer einer offenen Finalverkostung unterzogen, bei der Johannes Gebeshuber (Weingut Spaetrot, Gumpoldskirchen) und Georg „Jimmy“ Grill (Verkaufschef ebendaselbst) dazustießen. Dem Weingut Spaetrot sei für die Gastfreundschaft, dem Weingut Krug für die leibliche Versorgung des Verkosterteams auf diesem Weg herzlich gedankt.

Glossar:
DV : Drehverschluss
GL: Glasverschluss
NK: Naturkork
PL: Plastikstöpsel
TT: Twin-Top-Kork, Presskork mit Naturkorkscheiben an den Enden

Die Sieger

Weingut Jahr/Wein Bemerkung Punkte

Erik Puhr, Obermarkersdorf

Weinviertel DAC Alte Rebe

14%, 4,3 g/l, DV. Blitzsaubere, ganz klare, transparente und doch überaus präsente Sortenfrucht; wunderschön klare, strahlend-saftige Frucht, macht Druck, brillanter Stoff, toll, eine Riesenüberraschung.

94

Salomon Undhof, Stein

Von Stein Kremstal DAC Reserve

13%, 8 g/l, GL. Wunderschön verwobene Nase, Steinobst pur, Pfirsich und Marille, dahinter das Pfefferl der Sorte; überaus harmonisch und klar, feine Frucht, herrlicher Charme, hochklassig und sehr, sehr fein.

94

Gritsch Mauritiushof, Spitz

Singerriedel Smaragd

14%, NK. Wow! Ganz reife, dichte Opulenz, herrliche Frucht, auch Maracuja; wunderschöne dichte, brillante Frucht, strahlt, ganz und gar toller Stoff.

93

Karl Lagler, Spitz

Axpoint Federspiel

12,5%, DV. Wow! Herrliche Würze, unglaublich mineralische Tiefe, bereits saftig angehaucht; herrlich tiefgängige Frucht, unglaublich, transzendiert die Kategorie (Federspiel) völlig.

93

Leth, Fels

Brunnthal Lagenreserve

13,5%, DV. Ausgesprochen mineralische Nase, steinig-kreidig, dazu auch reife Exotik, dann kommen die reifen Birnen; wunderschön und harmonisch, saftige Fülle, ausgezeichnet.

93

Erich Machherndl, Wösendorf

Smaragd Kollmitz

13,3%, NK. Wow! Herrlich komplexe, tiefe, dichte Aromatik, zart muskatige Elemente; wunderschön klare, feine, dichte Frucht, balanciert, der Perfektion ziemlich nahe, brillant.

93

Franz Pichler, Wösendorf

Kollmitz Reserve

14,5%, 5,6 g/l, NK. Feine Fülle, Honigmelone, sehr reif, auch ein Touch Botrytis, der dem Wein aber gut steht; saftig-kerniger, herzhafter Biss, blendende Säureunterstützung, strahlt.

93

Franz Proidl, Senftenberg

Ehrenfels

14,5%, 4 g/l, DV. Saftig-tiefe, würzig-mineralische Kräuternoten, dazu getrocknete Marillen, auch Bailoni; saftig-dichte, herrlich strahlende Frucht, extraktsüß und opulent, absolut toller Stoff.

93

Günther Brandl, Zöbing

Kogelberg Reserve

14,3%, DV. Tiefe, saftige Würze, reifes Kern- und Steinobst; saftiger Fruchtschliff, wunderschön passender Kern, saftig und knackig, toller Stoff, brillant, strahlt.

92

Manfred Gruber, Langenlois

Goldmund

13,5%, DV. Feine, süße, wunderschön ziselierte Waldmeister-Pfeffer-Nase; saftige Frucht, wunderschöne Eleganz, herrlich saftig, toller Stoff.

92

Oskar Hager, Mollands

Novemberlese

13,5%, 4 g/l, DV. Kräuterwürze, Maiglöckerl, gelbe Äpfel; saftige Fruchtfülle, wunderschöner Glanz, dabei klar und stahlig, feinster Schliff, ganz ausgezeichnet.

92

Mathilde Mayer, Königsbrunn

Alte Reben

13,6%, DV. Zart röstig-rauchige Komponenten, auch Tiefgang im Hintergrund; am Gaumen wunderschöne Substanz, feine Dichte, überaus klassisch.

92

Hubert & Margaretha Patzl, Straß

Straßer Stangl

12,5%, DV. Wow! Herrliche, tiefe Frucht, gelber Apfel und reife Birne; reifer, wunderschöner Glanz, prachtvolle Frucht, ganz ausgezeichnet.

92

Schloss Gobelsburg

Kammerner Lamm

13,5%, NK. Kräftige Farbe; Vanille, Honigmelone, Karamell, Teerosen und Kokos deuten auf einen Ausbau im Holz hin; wunderschön saftig, dicht und geschliffen, macht herrlichen Druck, gibt sich überaus harmonisch, toll.

92

Franz Schmidl, Dürnstein

Kellerberg Smaragd

13,5%, NK. Wow! Prachtnase, dicht, tief, ein Feuerwerk der Aromatik, saftig, klar, strahlend, herrliche Exotik, ein Prachtwein – welcome back!

92

Heinz & Adrienne Sigl, Rossatz

Steiger Smaragd

13,3%, 6,1 g/l, NK. Reifere Aromatik, vielschichtig, Pfirsich; feines, extraktsüßes Steinobst auch am Gaumen, perfekt eingebundener Zuckerrest, toller Trinkfluss, herrlicher Stoff.

92

Download:
>>> Das komplette Verkostungsergebnis im pdf-Format (43 kB)