Herbst in den Weingärten des Kamptales
Junger Sproß einer Rebe
Wein und Essen in perfekter Harmonie

A la Carte ausgabe 01/2006

Sauvignon, mon amour!

Versuch einer späten Liebeserklärung an eine steirische Rebsorte.
Text von Michael Prónay

Ich gebe gerne zu, dass meine Zuneigung zum Sauvignon Blanc im Allgemeinen (und zu jenem aus der Steiermark im Besonderen) noch gar nicht so alt ist. Ganz im Gegenteil, bis vor sechs Jahren war ich der Sorte mit ihren charakteristischen Aromen ganz und gar nicht wohlgesonnen. Im Normalzustand an „the pee of an oversexed tomcat“ (© Michael Broadbent) erinnernd, also an den Urin eines übergeilen Katers, im vollreifen Zustand an Hollersirup gemahnend – irgendwie wurde ich aus der Sorte nicht schlau.

Dann aber kam der schöne Sommer 2000, und wir verkosteten uns durch über tausend Weine für den im Herbst erscheinenden Guide „Österreich A la Carte 2001“. 55 Sauvignons des Jahrgangs 1999 waren dabei – und irgendwie waren alle elektrisiert: So überraschend schön, komplex, tiefgründig, reif, dabei aber auch charmant-zugänglich und verführerisch hatte sich der Sauvignon noch nie gezeigt. Ein Schnabel von Sepp Moser, ein Zieregg von Tement, ein Kranachberg von Sattler, ein Mitterweg von Wimmer-Czerny – das waren damals Weine im 93- bis 94-Punkte-Bereich, die ein selten schönes Trinkvergnügen bescherten (und das mit hoher Wahrscheinlichkeit, soferne noch nicht ausgetrunken, auch heute noch tun).

Seit diesem Zeitpunkt hat die ursprünglich aus Frankreich stammende Rebsorte einen fixen Stein im degustatorischen Brett. In Frankreich ist die Sorte neben Muscadet und Chenin Blanc das dritte weiße Standbein der Weißen von der Loire: Sancerre und Pouilly-Fumé sind die bekanntesten Vertreter. In Bordeaux ist sie die Hauptsorte der AOCs Bordeaux Blanc und Entre-deux-Mers. Mit Ausnahme des „Pavillon Blanc“ von Château Margaux sind allerdings die Bordelaiser Topweißen (inklusive der Edelsüßen) stets ein Verschnitt von Sauvignon und Sémillon. Reiner Sauvignon ist eher in der weißen Basisqualität anzutreffen.

Noch zwei Sauvignon-Länder respektive -Regionen sollen hier gestreift werden. In Norditalien (Friaul) ist der Sauvignon wesentlich zurückhaltender in seiner Aromatik, wohl bedingt durch die größere Wärme. Was dem Sauvignon in Friaul fehlt, das hat er dafür in Neuseeland fast im Übermaß: eine Menge an vordergründig-süßer Frucht, die gelegentlich die Grenze zur Karikatur überschreitet und ein wenig gar „fruchtelnd“ wirkt.

Nimmt man Neuseeland als das eine Ende einer stilistischen Sauvignon-Skala, an deren anderem die Loire mit ganz eindeutig mineralisch geprägten Weinen steht – Pulverdampf- und Feuerstein-Aromen werden in derLiteratur explizit genannt –, dann liegt für mich die Aromatik des steirischen Sauvignons wunderschön in der Mitte. Ich stehe nicht an zu behaupten, dass die Steiermark imstande ist, geradezu die Quintessenz des Sauvignons hervorzubringen: Weine, die die einstigen Katzenpipi-, Brennnessel- und Paprikaaromen kaum mehr zeigen, dafür mit wunderschön verwobenen Ribisel- und Stachelbeeraromen glänzen, zu denen im reiferen (im Sinn von Flaschenalterung) Zustand besonders feine Zitrus- und Mandarinennoten treten, wie es bei den beiden erstplatzierten Weinen der Fall war. Dass Sauvignon Blanc jung getrunken werden sollte, ist leider eine nicht auszulöschende Legende, die auch in unserem Falle ganz eindrücklich widerlegt wurde.

Ein eher heikles Kapitel ist die Kombination von Sauvignon mit neuem Holz. Die Vanille-Marzipan-Kokos-Aromen vertragen sich unserer Ansicht nach eher wenig mit den Primär- wie Sekundäraromen der Sorte. In dem einen oder anderen Einzelfall mag die Kombination glücken, aber Jahr für Jahr das beste Material ins kleine Holzfass zu packen, halten wir – pardon – für eine Fehlentwicklung, noch dazu, als die Steiermark für Fans dieser Ausbauweise den Morillon (Chardonnay) als besser passenden Holzpartner bieten kann.

Unsere Probe

Wir haben alle 30 im Guide „Österreich A la Carte“ vertretenen steirischen Weingüter ersucht, uns einen Sauvignon Blanc nach völlig freier Wahl (jung/gereift, trocken/edelsüß) zu schicken, wobei wir angesichts der vermutet hohen Qualität des 2005ers auch Fassproben dieses Jahrgangs zugelassen haben. 27 Weine wurden schließlich blind nach aufsteigendem Alkoholgehalt, bei gleichem Alkohol mit aufsteigendem Alter, gekostet. Die besten sieben Weine sogleich einer offenen Finalverkostung zwecks genauer Punkteabstimmung unterzogen, sodass das Ergebnis als gut abgesichert zu betrachten ist.

Punkte Weingut Jahrgang/Wein Beschreibung

94

Ploder-Rosenberg, St. Peter/Ottersbach.

2002 Sauvignon Blanc Linea

14%, Wow! Mandarinen, Zimt, herrliche Fruchttiefe; feine Zitrusnoten, wiederum Mandarine, lebendig und frisch, ausgesprochen animierend, glänzt, eine ganz tolle Sache.

93

Harkamp, St.-Nikolai/Sausal

2003 Sauvignon Blanc Oberburgstall

14,5%, (Magnum) Feine, dichte, tiefe Nase, auch ein wenig Holz dabei; zarte Mandarinen, feine Reife, Mandarinen, sehr lebendig und auch zeitlos, die Wucht gut eingebunden, ausgesprochen fein, herrlicher Stoff.

92

Peter Skoff, Gamlitz

2003 Sauvignon Blanc Kranachberg Reserve

14,2%, Deutliches Holz, aber auch sehr präsente und typische Frucht; feine Zitrus-Mandarinen-Noten, herrlich ausgewogen und balanciert, steht wie ein Einser, eine tolle Überraschung.

92

Winkler-Hermaden, Kapfenstein

2000 Sauvignon Blanc Kirchleiten

14%, Herrliche Nase, reif, aber nicht überreif, ganz zarte Mandarinen; auch am Gaumen herrlich reif und weich, dabei lebendig, reife Mandarinenfrucht und ein Hauch von Zesten, wunderschöne Struktur, prachtvoller Wein, zeigt, wie toll Sauvignon reifen kann.

91

Kollerhof Lieleg, Eichberg-Trautenburg

2005 Sauvignon Blanc Trautenburg klassic

12,5%, (Die unorthodoxe Schreibweise „klassic“ ist original.) Vordergründig pikant und frisch, Hauch Hollersirup; herrliche Dichte, wunderschön voll, extraktsüß, feine Balance, wunderbarer Wein.

91

Tement, Berghausen

2001 Sauvignon Blanc Zieregg

14%, Zarte Erdnuss, Hauch Honig, enorm tief, wenn auch nicht sehr viel Sortenaroma; Lychee am Gaumen, dezent-feine Frucht, vielschichtig und komplex, wiederum mehr mineralisch, weich und gleichzeitig sehr präsent ausklingend.

91

Wohlmuth, Kitzeck-Fresing

2005 Sauvignon Blanc Steinriegel

13%, (Fassprobe) Ganz jung und frisch, fast noch hefig-kräuterig; tolle Substanz, wunderschöne Frucht, glasklar und brillant, noch embryonal, aber mit gewaltigem Potential.

Download:
>>> Das komplette Verkostungsergebnis im pdf-Format (23 kB)